Zu Schuberts Impromptu opus 90 - no1 sind Fotografien der Gebrüder Lumière zu sehen: Auguste und Louis, im Kindesalter, als junge Männer, als gereifte Herren... Schuberts Musik läuft auch dann noch weiter, als ihr "Premiers pas de bébé" (1896) einsetzt - und in voller Länge seinem Ende entgegenläuft. Schon hier kann man ahnen, dass dieser Omnibusfilm keinesfalls auf streng voneinander abgetrennte Filme zu einem gemeinsamen Thema hinauswill, sondern dass er Wert auf die Verschmelzung der Segmente zu einem umfassenden Ganzen legt. Zuständig für diese Verschmelzung ist Sarah Moon, unter deren Leitung die Beiträge von 40 gegenwärtigen Filmemachern und von Louis Lumière in einen Rahmen gebunden werden, der zum Teil dokumentarisches Making Of, zum Teil Interviewfilm ist. Und manchmal - etwa bei der Fellini-Hommage Girods! - läuft die Musikuntermalung der Kurzfilmbeiträge weiter, wenn Moons Rahmen längst wieder eingesetzt hat...
Im Prinzip erklären Titel und Erscheinungsjahr bereits das Wichtigste dieses Omnibusfilms: Die Gebrüder Lumière hatten im März 1895 ihre erste Filmvorführung im geschlossenen Kreis gegeben, im Dezember desselben Jahres kam es zur ersten bezahlten Filmvorführung in der Öffentlichkeit. 1895 war nicht gerade die Geburtsstunde der Filmkunst, welche man je nach Definition mindestens drei Jahre bis zwei Jahrzehnte zuvor ansetzen könnte, aber es war (nicht bloß in Frankreich, sondern auch hierzulande) gewissermaßen die Geburtsstunde des Kinos. 1995 feierte man das Jubiläum unter anderem mit "Lumière et compagnie" - und etlichen Filmgeschichts-Dokus aus aller Herren Ländern -, in welchem man 40 Regiegrößen der damaligen Gegenwart mit der walnusshölzernen Original-Kamera der Gebrüder Lumière jeweils einen 52sekündigen Kurzfilm drehen ließ. Die Bedingungen: Man hatte jeweils bloß drei Takes zur Verfügung und der Synchronton war Tabu...
Bevor dem Publikum diese Bedingungen bekannt sind, ist der erste Beitrag schon längst zu sehen gewesen: Nachdem die 40 Regisseure (und Louis Lumière) namentlich vorgestellt worden sind, sieht man einige von ihnen die Lumière-Kamera bestaunen, beäugen, berühren. Es folgt auszugsweise "L'arrivée d'un train à La Ciotat" (1896), milde untermalt mit passenden Toneffekten. Im Anschluss daran ist Patrice Leconte, der wenige Jahre zuvor mit "Monsieur Hire" (1989), "Le Mari de la coiffeuse" (1990) und "Le Parfum d'Yvonne" (1994) Erfolge feiern und wenige Jahre darauf mit "Ridicule" (1996) & "La Fille sur le pont" (1999) seine Highlights hinlegen konnte, im heutige La Ciotat zu sehen, wo er sich mit der Lumière-Kamera an ein Remake macht, welches im Anschluss zu sehen ist.
La Ciotat 1995 / Patrice Leconte
Nahezu dieselbe Kameraposition, derselbe Bahnhof wie im 1896er Original; der aktuelle Bahnhof ist jedoch weit weniger bevölkert, der einfahrende Zug ist nun ein durchfahrender Zug - moderner freilich, und scheinbar auch etwas schneller... Differenz und Wiederholung im modernisierten, allerdings noch immer stummen und schwarz-/weißen Remake, das soviel und sowenig erzählt wie das Original selbst, das in 100 Jahren sicherlich nicht jenes Zeitdokument sein wird, welches der Originalfilm heutzutage darstellt; ein Remake, das freilich auch keine filmhistorische Relevanz besitzt, das allerdings eine Beständigkeit im Wandel präsentiert und somit Freude und Melancholie vereint... Und ein Remake, das diverse Clips vorweggenommen hat, die Jahre später über Youtube usw. wimmelten. 5,5/10
Im Anschluss an den Film ist im Gegenschuss Leconte zu sehen, an dem der Zug vorbeirauscht. Das schwarz-/weiße Bild wird dabei farbig, die stumme Tonspur belebt sich, Leconte freut sich und bezeichnet das Ganze als Spiel und die Lumière-Kamera als Spielzeug. Ist es der reine Spieltrieb, der die Filmemacher zur Teilnahme bewegt hat? Eine Befragung der Regiegrößen liefert unterschiedliche Motivationen zutage: Gabriel Axel führt die Herausforderung an, die in der Beschränkung auf 52 Sekunden liege; Angelopoulos führt reine Neugierde an, Costa Gavras das gemeinsame Spiel mit Kollegen; Lucian Pintilie führt die Freude und Melancholie an, die im Drehen mit der Lumière-Kamera liegt und die auch durch Lecontes Film geistert. Chahine erfreut sich in erster Linie an der Gelegenheit, wieder einmal nach Lyon zu kommen, Rivette will einmal die Lumière-Kamera aus nächster Nähe bei der Arbeit erleben, Lynch empfindet die Arbeit mit dieser Kamera als große Ehre, Jerry Schatzberg kann das Geld gut gebrauchen und Idrissa Ouedraogo erhofft sich etwas mehr Aufmerksamkeit... Gabriel Axel, der in den 50er Jahren enorm produktive TV-Filmemacher, der mit "Babettes gæstebud" (1987) große Beachtung erreichte (und nach "Lumière et compagnie" nur noch einen Spielfilm realisieren sollte), ist sodann bei seinen Dreharbeiten zu sehen: Er kurbelt an der uralten Kamera, die seitwärts mit einem kleinen Wagen über ein paar Schienen gezogen wird. Die einsetzende Filmmusik wird auch im Anschluss seinen Kurzfilm begleiten:
Gabriel Axel / Copenhague
Eine Seitwärtsfahrt durch einen Park des augehenden 19. Jahrhunderts: Ein (modern gekleideter) Skulpteur modelliert eine Figur, ein Schauspieler gibt Shakespeare-Kost, zwei Musiker musizieren, ein Maler malt, ein Paar tanzt Ballett, ein Kameramann kurbelt an seiner Kamera. Ein Präsentateur weist das Kommende als 7. Kunst aus und die Kamerafahrt gelangt zu einem Ende und beobachtet vier Darsteller bei ihrem Spiel: Zwei Duellanten erschießen sich gegenseitig, sinken sich sterbend in die Arme, die Sekundanten ziehen ihre Hüte, verabschieden sich höflichst voneinander und ziehen von dannen. Die Filmkunst ist gewissermaßen als populäre Massenunterhaltung zur Welt gekommen, war zu Beginn zwar durchaus gewitzt und charmant, aber nicht gerade das, was man sich von schönen Künsten versprach. Und trotz elitärer & hochkultureller Filmkunst, die sich bald herausgebildet hatte, steht die Filmkunst noch immer bei vielen im Ruf, ein sehr anspruchsloses Vergnügen zu sein (was dann ganz unterschiedlich bewertet wird). 7/10
Claude Miller / Paris
Miller, der auf Nachfrage angibt, zu filmen, um geliebt zu werden, versucht sich an einer Komödie, die voll und ganz den Geist des frühen Stummfilms atmet: Ein kleines Mädchen will im Stadtpark einen Münzautomaten bedienen, erreicht allerdings den recht hoch angebrachten Schlitz nicht. Regelmäßig wird sie von anderen Personen beiseite geschoben, welche sich dabei einfach vordrängeln; vergolten wird es einem jeden mit einem Klaps auf das Hinterteil: auf diese Weise kämpft sich die Kleine den Automaten wieder frei. Als dann ein Mann, vermutlich der Vater, das Kind Huckepack trägt und mit ihm den Automaten nutzt, kommt es zum Happy End. Eine banale Geschichte über drollige Kinder freilich - aber trotz modernerer Kleidung ganz stilecht im Geist der 1890er Jahre stehend. 7/10
Jacques Rivette / Paris: Une Adventure de Ninon
Rivette, die alte Grinsekatze, feixt und lacht vor seinem kleinen Beitrag, weiß nicht so ganz, weshalb er überhaupt Filmemacher ist: Ein lange Stille sei die adäquateste Antwort. Gewiss leben auch Rivettes Filme von Spontaneität und Improvisation, von einem Nichtwissen (wie der eigene Film letztlich aussehen wird): aber dennoch haben Rivette-Filme einen unverkennbaren, ureignen Stil. Und neben David Lynch, Michael Haneke oder Claude Lelouch ist Rivette einer der wenigen Regisseure, deren 52sekündige Beiträge die Handschrift des Filmemachers klar erkennen lassen. "Une Adventure de Ninon" lässt ein kleines, spielendes Mädchen, eine junge Frau auf Rollschuhen - so eine verspielte, schlanke, selbstsichere Rivette-Frau! - und einen älteren, ernsten, Zeitung lesenden Herren im Mantel auf einem Platz herumlaufen. Die Frau umkreist das Mädchen bei seinem Spiel mehrfach, flachst ein wenig mit dem Kind herum und knallt schließlich in den Mann, der ganz in seine Zeitung versunken ist. Ebendiese findet sich nach dem Zusammenstoß in den Händen der Frau wieder; deren Lampe, die sie mit sich herumgetragen hat, ruht dafür hingegen in den Händen des Mannes. Ein Austausch erfolgt, die Frau düst davon. Sowas könnte der Beginn einer typischen Rivette-Geschichte sein, bricht nun aber aufgrund der kurzen Laufzeit ab. Rivette, ein Meister der drei-, vier-, fünf- oder 13stündigen Filme, kommt nach dem Dreh aus dem Lachen nicht mehr heraus: Sowas kurzes hat er noch nie gedreht, ein wenig verzweifelt er daran, die Handlung fallenlassen zu müssen. In jedem Fall hat ihn dieses Kurzfilm-Experiment in sichtbare Heiterkeit versetzt. 8/10
Michael Haneke / Vienne: Extraits du Journal Televise du 19 Mars 1995, Jour Anniversaire du premier tour de Manivelle le 19 Mars 1895
Michael Haneke filmt einen Bildschirm, auf dem sich in rascher Folge Nachrichtenbilder abwechseln, Kriegsbilder, Moderatoren, Sport, Wetter. Das Verstörende und die Katastrophe neben dem Vergnügen und dem Alltag, alles in unangebrachter Gleichbehandlung abgearbeitet. Die Medien, die Gewalt und das Nebeneinander des Unterschiedlichsten: typische Haneke-Themen, komprimiert in 52 Sekunden. Auf die anschließende Frage, ob das Kino sterblich sei: Natürlich, wie alles andere auch... 7/10
Francis Girod antwortet auf dieselbe Frage: Unglücklicherweise... Andere Filmemacher sehen indes die Sterblichkeit des Kinos, über die man sich im Grunde beinahe einig ist, weniger kritisch: Solange es Menschen gibt, werde es auch Filme geben. (Selbst Wagnier, der die Sterblichkeit des Kinos später leugnet und es mit der Erinnerung vergleicht, fällt daher nicht wirklich aus der Reihe... Depardon sieht zumindest eine lange, lange Zukunft des Kinos voraus und lediglich Axel fragt einmal nach, ob man nicht viel eher nach der Unsterblichkeit des Kinos fragen wollte...) Dass das Kino die Menschheit immerfort in dieser oder jener Form begleiten wird, sieht Lynch ebenso wie Kabore oder Penn. Und Fernando Trueba, der vor allem mit "Belle Epoque" (1992) von sich reden machte und inzwischen nochmals mit "El artista y la modelo" (2012) größere Aufmerksamkeit erhielt, konstatiert: selbst wenn das Kino inzwischen alt geworden sei oder zumindest alt werde, so sei es dennoch schön, so wie auch alte Leute ihre ganz eigene Schönheit besäßen. Diese Bewunderung des Bewahrten im allmählichen Vergehen ist auch in Truebas Kurzfilm anzutreffen:
Fernando Trueba / Saragosse
Trueba widmet sich hier dem Schriftsteller und Journalisten Félix Romeo, mit dem Truebas Familie eng verbunden war. Romeo saß 1995 - wie hunderte spanischer Jugendlicher - wegen Insubordination in Torrero im Gefängnis: Ein kleiner Skandal, den Trueba hier auf Film bezeugt. Wie Arbeiter, die die Fabrik verlassen, ist hier Romeo zu sehen, der in diesem dokumentarischen 52sekünder die Gefängnismauer verlässt und dicht an der Kamera vorbeischreitet: trotzig und unbeugsam, würdevoll trotz Niederlage, welche von Truebas Filmchen in einen moralischen Triumph gewandelt wird. Nachrichten der Gegenwart, vermittelt mit den Mitteln der Vergangenheit: ein eigenartiger Effekt. Bedauerlich bleibt jedoch, dass die genauen Hintergründe ziemlich im Dunkel bleiben. 7/10
Merzak Allouache / Aubervilliers: Interdit de Camerer
Etwas im Dunkeln bleiben auch die Hintergründe von Allouaches Beitrag. Allouache, der kurz zuvor mit seiner ersten franco-algerischen Koproduktion "Bab El Oued City" (1994) die Kritiker begeisterte, siedelt eine Farce über Sexismus im Algerien während des (schmutzigen) Bürgerkriegs zwischen Islamisten und dem Militär an: Ein offenbar muslimisches Paar passiert eine Kamera, die Frau kehrt zurück und blickt hinein, erhält kurz darauf von ihrem Mann eine Ohrfeige, der dann seinerseits in die Kamera blickt und voller Freude & etwas eitel seinen Schnurrbart richtet. Im Hintergrund sind derweil leise Schüsse und Detonationen zu hören. Es hilft ein wenig, wenn man weiß, dass das Filmen im Algerien des Bürgerkriegs nicht gern gesehen worden ist: Schon bei den Dreharbeiten zu "Bab El Oued City" hatte Allouache sich damit arrangieren müssen, dass algerische Filmemacher aufgrund islamistischer Extremisten um ihr Leben fürchten mussten, derweil die Öffentlichkeit die Kamera als Instrument der Propaganda wahrnahm & ablehnte. Allouache leitet seinen Beitrag daher mit dem galligen Hinweis ein, dass die Kamera in Algerien gewissermaßen in aller Munde sei, dass man das Gefilmtwerden jedoch gar nicht schätze. Sein Kurzfilm unterhält auch ohne jede Kenntnis der politischen Lage von Allouaches Heimatland als grimmig-humorvolle Schilderung einer eher dysfunktionalen Beziehung; um zu verstehen, inwiefern hier das Schießen und das Schießen eines Films, der Islam, die Skepsis gegenüber der Kamera oder die Verantwortung der Filmemacher verhandelt werden, kommt man wohl um eine Sichtung vorangegangener Allouaches und die Rezeption seiner Interviews und Essays sowie jeder Menge Sekundärliteratur kaum herum. (Douglas A. Cunninghams und John C. Nelsons in Kürze veröffentlichter Band "A Companion to the War Film" (2016) ist hierbei mit Christa C. Jones' Aufsatz "Transnational Algerian War Cinema Revisited: Comic Relief in Merzak Allouaches Bab el-oued City and Bab el-Oued" eine erste Hilfe.) 7/10
Raymond Depardon / Paris
Gerade noch hat Angelopoulos als einer von vielen Interviewten aussgesagt, dass er filme, um den Fluss der Zeit etwas abzumildern, da filmt Depardon, der seine Antwort lieber für sich behalten wollte, eine ägyptische Statue, die zwei Krüge ausgießt und der von drei Kindern - darunter Depardons eigene Kinder! - eine Matrosenmütze aufgesetzt wird, während in der Nachsynchronisation das zum Kinderlied degradierte chanson Il était un petit navire ertönt. Hier klingt das Fließen, auch das Fließen der Zeit, das Angelopoulos angesprochen hatte, durchaus an: Im Seereisen-Lied vom scheinbar unabwendbar drohenden Schicksal, im Ausgießen der Krüge, in der Jugend der Kinder und dem Alter der quasi um 100 Jahre zurückgeworfenen Aufnahmetechnik, im Alter der ägyptischen Statue, die nun - zum Matrosen gemacht - einer Reise entgegenblickt... Und ganz nebenbei kann man darin auch eine Hommage an Renoirs "La La grande illusion" (1937) erblicken; immerhin kennt man aus diesem Film Il était un petit navire noch am ehesten... 6,5/10
BERLIN - Wim Wenders
Mit einer Hommage geht es in Wenders' Beitrag sogleich weiter: Er widmet sich wieder dem "Himmel über Berlin" (1987) und lässt Otto Sanders und Bruno Ganz hoch oben vor einer Berliner Baustelle auftreten, um eine ganze Spur melancholischer die Atmosphäre seines Klassikers zu reinszenieren. Freunde des 87er Titels wird es freuen... 7/10
Jaco Van Dormael / Bruxelles
Ein assoziativer Sprung leitet zum nächsten Beitrag über: Van Dormael, der zuvor neben einigen Kurzfilmen nur den Langfilm "Toto le héros" (1991) gedreht hatte, filmt zwei Down-Syndromler, die sich vor einer Kirche küssen & umarmen und glücklich in die Kamera blicken. 6,5/10
Nadine Trintignant / Paris
Trintignant lässt die Kamera (per Rollstuhl) eine 52sekündige Seitwärtsfahrt von einer Glaspyramide des Innehofes des Louvre zur anderen fahren. Ein Mann, der weiter hinten durch den Brunnen und die Fontänen schreitet, verlässt pünktlich gegen Ende der Einstellung das Bildfeld. Ein formalistisches Einsprengsel mit besonders hohem Pariser Flair, das zudem auf die Park-Panoramen um 1900 verweist... 7/10
Regis Wargnier / Paris
Bei Wargnier nähert sich François Mitterrand inmitten einer Allee aus der Ferne der Kamera, derweil über die Bilder ein Interview gelegt wurde, in welchem Mitterand spontan über seine einprägsamsten Filmerlebnisse berichtet. Er nennt einen ungarischen Film, dessen Titel er vergessen hat, und Ariane Mnouchkines "Molière" (1978). Das Erinnern spielt auch nach seinem Kurzfilmbeitrag für Wargnier eine Rolle, vergleicht er das Kino im Interview doch mit dem Gedächtnis... 6,5/10
Hugh Hudson / Hiroshima
Auch Hudson geht es um die Erinnerung und das Gedächtnis. Er filmt mit der Lumière-Kamera, um sowohl an die Gebrüder Lumière, als auch an Hiroshima zu erinnern. Sein Kurzfilm schwenkt vom gleißend weißen Himmel auf japanische Schulkinder vor einer Gedenkstätte, fängt noch inmitten einer wacklig geführten (und dadurch authentisch-dokumentarisch wirkenden) Kamerafahrt ihr ausgelassenes Toben nach dem Verlassen der Gedenkstätte ein und schwenkt wieder zurück ins Weiß des Himmels. Über den Bildern läuft eine Nachrichtenmeldung vom 06. August 1945... Nach seinem Beitrag verkündet Hudson mit warnendem Gestus "Cinema will die, if you let it die!" 6,5/10
Zhang Yimou / Chine
Wieder etwas stärker an den Vorbildern aus den 1890er Jahren orientiert, fällt Zhang Yimous Beitrag aus, der auf der chinesischen Mauer ein Paar in altertümlicher, chinesischer Gewandung präsentiert. In Frankreich - und nicht nur dort - kursierten um 1900 exotische Aufnahmen aus dem Rest der Welt, um eine Mischung aus gesunder Neugier und der Lust am Spektakel zu befriedigen: halb Bildung, halb Unterhaltung. Doch bei Zhang Yimou brechen die Darsteller plötzlich aus ihren Rollen aus, sie entschlüpfen ihren Kostümen und entpuppen sich als ekstatische Rockmusiker. Eine gelungene, ironische Modernisierung dieser frühen Kulturfilme... 8/10
Liv Ullmann / Stockholm
Liv Ullmann und ihr Kameramann Sven Nykvist filmen sich in dieser Episode gegenseitig, wobei Nykvist hinter seiner modernen Kamera von Ullmann mit der Lumière-Kamera festgehalten wird. Die Hommage der großen Bergmann-Schauspielerin mit der Lumière-Kamera an die Gebrüder Lumière ist zugleich eine Hommage an einen großen Kameramann und Bergmann-Mitarbeiter. 6,5/10
Vicente Aranda / Barcelone
Arandas Werk filmt die Dreharbeiten bei der Inszenierung eines Straßenzuges der Confederación Nacional del Trabajo im frühen 20. Jahrhundert, derweil A las barricadas ertönt. Die Kamera nimmt jene Position ein, in der sie auch unter den Gebrüdern Lumière des öfteren längere Straßenzüge filmte; dass sich wie bei Ullmann oder Axel vor ihr ebenfalls noch ein Kameramann bei den Dreharbeiten präsentiert, mutet zwar moderner an, war aber auch vor knapp 100 Jahren nicht gänzlich unüblich: In den Dokumentationen "Concours d'automobiles fleuries (retour)" (1899) oder "Sortie de l'arsenal" (1902) der Gebrüder Lumière waren ebenfalls filmende Kollegen vor der Kamera am Rande des Bildesfeldes zu sehen, die sich ebenfalls dem jeweiligen Spektakel widmeten; und die Filmpionierin Alice Guy konnte man in "Alice Guy tourne une phonoscène sur le théâtre de pose des Buttes-Chaumont" (1905) bereits beim Filmen einer extra angefertigten Inszenierung beobachten. Trotz moderner Kamerakran-Technik überzeugt Arandas Beitrag als ziemlich authentische Hommage. 7,5/10
Lucian Pintilie / Roumanie
Pintilie, der mit "Reconstituirea" (1968) einen kleinen Klassiker des rumänischen Kinos angefertigt hatte und im Westen mit der französisch-rumänischen Koproduktion "Balanta" (1992) einen großen Erfolg feiern konnte und hier ziemlich pathetisch beteuert, er filme, um zu überleben, inszeniert in seinem Beitrag eine turbulente Verabschiedung von Braut & Bräutigam nach einer Hochzeit: Beide machen sich im Helikopter vor der Tribüne eines Sportplatzes davon, auf dem neben diversen Gästen, die sich teilweise am abfliegenden Helikopter festhalten, teilweise auf recht bizarre Weise gegen den Sog der Rotorblätter stemmen, auch noch ein nervöses Pferd und ein Trampolin anwesend sind. Eine Handlung oder eine offensichtliche Aussage sind nicht so recht wahrnehmbar, eher scheint Pintilie den absurd-grotesken, aktionsreichen & körperbetonten Humor des frühen Stummfilms aufzugreifen, der in den Komödien Jean Durands um 1910 besonders bizarre Blüten trieb. 6/10
John Boorman / Dublin: Tournage de Neil Jordan avec Liam Neeson, Stephen Rea et Aidan Quinn
Boorman filmt seine Episode am Set des Films "Michael Collins" (1996) seines Landsmanns Jordan, den er bei der Kameraarbeit präsentiert. Dann 'entdecken' Neeson, Rea und Quinn - in ihrer Kostümierung für Jordans Werk - die Kamera und blicken neugierig und belustigt in sie hinein, wobei sie eher an ihre Rollenfiguren aus den 1910er Jahren erinnern und weniger an sich selbst als Darsteller der Gegenwart: Die dokumentarische Aufnahme der Dreharbeiten eines fiktionalisierenden Historienfilms schlägt plötzlich selbst in inszenierte Fiktion um. 7/10
Claude Lelouch / Paris
Lelouch filmt wie schon so oft mit hoher formaler Eleganz & einem metafilmischen Gestus eine Liebesszene: Die Lumière-Kamera bleibt statisch, vor ihr jedoch küsst und umarmt sich ein Liebespaar, das sich dabei ganz flüssig um die eigene Achse dreht, derweil ein Filmteam mit Kamera ebenfalls ausgesprochen fließend die Akteure umkreist. Ein typischer Lelouch - und zugleich quasi ein verspäteter Blick der Lumière-Kamera in die einstige Zukunft des Kinos... 7,5/10
Abbas Kiarostami / Locarno
Kiarostami filmt in Großaufnahme einen Pfannenboden, in welchem zunächst Fett erhitzt wird, ehe kurz darauf drei Eier gebraten werden. Die Pfanne wird am Ende des Beitrags weggezogen und der Herd ist zu sehen. Auf der Tonspur ist derweil eine Frau zu hören, die den Anrufbeantworter des Mannes bespricht, der da gerade seine Mahlzeit zubereitet und kein Interesse am Telefonat hat. Die Exklusivität der Liebe und die Banalität des Essens (bzw. Bratens) in einer Einstellung: Das Erhabene und das Profane liegen dicht beieinander bei Kiarostami, dessen Beitrag formal weniger an die Zeit um 1900 erinnert, sondern eher an die strukturellen Experimentalfilme der 60er Jahre, wie man sie etwa von Hollis Frampton kennt. 7/10
Lasse Hallström / Stockholm
Hallström filmt Frau und Kind, die einen abfahrenden Zug verabschieden und sich gegen Ende der Einstellung - nach einer kurzen Kamerafahrt in Richtung der Gleise, sobald der Zug in die Ferne entschwunden ist - dicht vor der Kamera herzen. Er filme, um das Publikum zu bewegen und zu unterhalten - so Hallström im Anschluss. Die Beschränkung auf 52 Sekunden macht es nicht gerade einfach, jemanden mit einer Abschiedsszene zu bewegen - andererseits bringt die Kürze geradezu die Unmöglichkeit mit sich, jemanden nicht zu unterhalten. 6,5/10
Costa Gavras / Paris
Costa Gavras blickt mit der Lumière-Kamera auf eine Absperrung, hinter der sich immer mehr Kinder und Jugendliche versammeln, um direkt in die Kamera zu blicken: Ein Blick nach vorn auf einen Blick zurück - räumlich wie zeitlich. 6,5/10
Kiju Yoshida / Hiroshima
Yoshida, einer der größten Regisseure (nicht bloß) Japans mit einem äußerst einprägsamen, charakteristischen Stil, verzichtet auf ebendiesen völlig: Stattdessen will er paradoxerweise einen Filmbildbeweis für seine These, dass das Kino entgegen der landläufigen Meinung nicht jedes Bild zeigen könne, liefern. Zwischen zwei Filmaufnahmen des Aufnehmens selbst platziert er daher - per Wischblende - eine Aufnahme der längst zum Mahnmal geratenen Atombombenkuppel, an welcher ein Passant vorbeischreitet, derweil auf der Tonspur die einstige Katastrophe angedeutet wird. Ein Kurzfilm, der seine Medialität ausgesprochen stark betont - zumal die ersten Sekunden unbelichtetes Filmmaterial zeigen -, um dann sein zentrales Geschehen nicht zu zeigen, sondern lediglich über die Bilder der Auswirkung anzudeuten. Ob es Yoshida bei seiner These der Unzeigbarkeit um ein moralisches Verbot geht (mit welchen Rivette einst Pontecorvos KZ-Drama "Kapo" (1960) attackierte) oder ob er eher an technische Aspekte denkt, die ein adäquates Inszenieren der damaligen Katastrophe unmöglich machen, bleibt offen: Sicherlich spielt beides eine Rolle, wenn Yoshida andeutet, dass - besonders die gravierenden - Ereignisse eine Fülle von Zusammenhängen, Schicksalen und Wahrnehmungen mit sich bringen, welche sich nicht mehr adäquat medial vermitteln lässt. Die mediale Vermittlung bringt immer auch Einbußen mit sich (wenngleich sie dafür jeweils gänzlich andere Vorzüge liefert). An die formal radikaleren und inhaltlich komplexeren Langfilme Yoshidas kann dieses kurze Werk freilich nicht heranreichen, sticht aber innerhalb dieses Omnibusfilms positiv hervor: nicht als moralischer Fingerzeig auf eine der großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, allerdings als nachdenklich stimmende Reflexion der Grenzen der Kinematographie. 7,5/10
Idrissa Ouedraogo / Ouagadougou
Ouedraogo, seit "Yam Daabo" (1986) und "Yaaba" (1989) einer der beachtetsten Filmemacher Westafrikas jenseits des Maghreb - der mit "Tilaï" (1990) einen großen Erfolg feierte, dann allerdings nach der Jahrtausendwende allmählich in der Versenkung verschwunden ist -, inszeniert hier Fischer und Badende in einem Fluss, die von einem vermeintlichen Krokodil verschreckt werden, welches sich dann jedoch als verkleideter Jugendlicher entpuppt, der seinen Kumpanen einen Streich spielen wollte. Ein ziemlich heiterer und ausgelassener Beitrag, der jedoch im Gegensatz zu Zhang Yimou nicht als ironischer Kommentar auf den Exotismus früher Lumière-Kulturfilme funktionieren will. 6,5/10
Gaston Kabore / Ouagadougou
Kabores Beitrag aus derselben Region schlägt einen etwas anderen Weg ein, verzichtet aber ebenfalls nicht auf einen humorvollen Touch: Er zeigt Jugendliche vor einem kleinen Kino namens Cine-Riale, welches unter anderem mit Chaplin wirbt. Zum Unmut des Kinobesitzers vergreifen sie sich an einigen angelieferten Filmrollen, deren Filmstreifen sie betrachten, indem sie durch diese hindurch in den Himmel blicken. Als sie erwischt werden, müssen sie beim Abladen helfen. 6,5/10
Youssef Chahine / Le Caire
Chahine, dem auf dem Weg zum Drehort entgegengeschleudert wird, dass das Kino eine Sünde sei, filmt in einer statischen Einstellung zwei Darsteller der Gebrüder Lumière beim Filmen der Pyramiden, als ein wütender Einheimischer ihre Kamera packt und zu Boden wirft. Die Filmemacher bleiben verdutzt zurück. Ein kleines Spottfilmchen über extreme Ansichten, die radikalere Anhänger des Islams teilweise haben. 6,5/10
Helma Sanders / Versailles: Hommage a Louis Cochet, chef-electricien, artisan de la Lumiere depuis 1931...
Helma Sanders-Brahms präsentiert in ihrem Beitrag Louis Cochet, der schon mit Abel Gance, Wim Wenders, Joseph Losey oder Robbe-Grillet gearbeitet hat, beim fachgerechten Ausleuchten eines Brunnens im Park von Versailles, bis gegen Ende er selbst im Licht der Scheinwerfer hell erstrahlt und im weißen Bild verschwindet. Dank der Licht- und Wasserspiele vor beeindruckender Kulisse ein kleiner Augenschmaus, zudem mit der Schumann-Symphonie no3 pompös untermalt: eine schöne Hommage an den damals fast 90jährigen Filmtechniker, dessen Arbeit für ein Publikum meist im Dunkeln geblieben ist. 7,5/10
Francis Girod / Paris
Girod fertigt mit der Lumière-Kamera eine Hommage an, die man so sicherlich nicht erwartet hätte: Er huldigt dem zwei Jahre zuvor verstorbenen Fellini, indem er den italienischen Regie-Maestro inmitten eines Fernsehbildschirms auf einem riesigen Plakat präsentiert, welches von zwei Anstreichern mit weißer Farbe durchgestrichen und sodann von neugierigen Passanten beäugt wird; passenderweise ertönt derweil Nicola Piovani. Anders als Fellini, der dem TV und der Werbung ablehnend gegenüberstand, der allerdings durchaus sehr fantasievoll für beide Formate gearbeitet hat (und zudem in seinen filmischen Abrechnungen mit TV & Werbung in ebendiesen Zielscheiben eine ergiebige Quelle fellinesker Bilderwelten gefunden hat), wählt Girod in seinem Film (trotz langsamer Vorwährtsfahrt) eine recht karge, fantasielose Ästhetik, was seine eigene Abrechung pessimistischer & schärfer, aber auch unbeeindruckender & weniger unterhaltsam werden lässt. 6,5/10
Cédric Klapisch / Paris
Klapisch, der vor allem in Frankreich überwiegend mit Komödien von sich reden macht(e), setzt diesen eher kargen Ansatz, der gerade nach Sanders-Brahms' Episode deutlich ins Auge sticht, fort, indem er vor einem tristen, weißen Vorhang ein Paar zu den Klängen von Bizets Carmen tanzen lässt; das mit dem Tanzen klappt jedoch nicht gleich im ersten Anlauf, was zu humorvollen Wiederholungen führt, die letztlich in einen Kuss münden. 6/10
Alain Corneau /Paris
Corneau reinszeniert einen der vielen "Danse serpentine"-Streifen als indische Variation: Der Saum des Kleides schwingt hier etwas weniger eindrucksvoll, aber bis hin zur Handkoloration ist die Hommage ans frühe Kino perfekt. Dass das Ganze wenig originell ist, stört angesichts des Umstandes, dass die vielen "Danse serpentine"-Streifen schon vor hundert Jahren schlagartig an Originalität eingebüßt haben, eher wenig: Die Kunst der überzeugenden 'Fälschung' eines jahrhundertalten Films besticht viel zu sehr. 7/10
Merchant Ivory / Paris
Der britische Heritage-Meister James Ivory und sein Produzent Merchant lassen die Lumière-Kamera seitwärts durch eine Pariser Straße wandern, wo sie zunächst an einer Kreuzung eine andere Straße hinabblickt, um gegen Ende auf die Fassade einer McDonalds-Filiale zu blicken. Auch hier überzeugt die recht getreue Nachstellung der damals so beliebten Stadt- & Straßenfilme - die allerdings meist statisch oder als phantom rides daherkamen - bestens; die Kreuzung mit dem modernen Straßenbild macht hier wie schon bei Leconte oder Trintignant einen großen Reiz aus. 7,5/10
Jerry Schatzberg / New York
Ein gänzlich anderes Stadtbild liefert der aus der Bronx stammende New Yorker Schatzberg ab, der eine Obdachlose und einen Müllmann aneinandergeraten lässt, als die Frau sich zu seinem Unwillen all das aus seinem Wagen schnappt, was sie gut gebrauchen kann. Einen Hommage-Charakter besitzt der Film indes kaum. 6,5/10
Spike Lee / Brooklyn
Spike Lee filmt sein Baby, das er zum Sprechen animieren will - was in letzter Sekunde sogar halbwegs klappt, angesichts des Verzichts auf Synchronton aber etwas witzlos wirkt. Auch an die Kleinkinder-Aufnahmen der Lumières erinnert diese eher unspannende Großaufnahme nicht so recht. 6/10
Andreï Konchalovsky / France
Auffällig aufwendig fällt Konchalovskys Arbeit aus, die die Kamera im Kamerakran zum Einsatz kommen lässt. Zunächst filmt sie einige Meter vor einem Abgrund auf eine gegenüberliegende Gebirgsschlucht, fährt dann ein wenig herab und nach vorne, nähert sich dabei dem Erdboden, fährt durch Gräser auf einen Hundekadaver zu, auf dem diverse Ameisen wimmeln, und hebt sich dann wieder empor und blickt in die Ferne: Der romantisch aufgeladene Ausblick in die Ferne und der Tod in einer Einstellung; die Verschränkung beider Motive begegnet einem auch in vielen anderen Filmen - darüber hinaus verweisen aber die Ameisen auf der Wunde des Kadavers noch auf Bunuel und (den von Bunuel inspirierten) Lynch. Ein formvollendeter Beitrag, eine bildschöne Hommage an transgressives und sakrales Kino. 8/10
Peter Greenaway / Munich
Greenaway, der seit eh & je die Ansicht vertritt, dass das Kino tot sei, und der sich folglich zunehmend (vom Maler und) vom Filmemacher zum Multimedia-Künstler wandelt, hatte 1995 zum 100. Geburtstag des Kinos in München an dem Projekt Frames gearbeitet: 100 Leinwände in der Innenstadt und eine Ausstellung mit 100 Jahreszahlen, Lichteffekten, Musik und einem Schauspieler, der hinter Glas ikonische Filmbilder nachstellt... Diese Installation macht Greenaway zum Gegenstand seines 52sekünders, der von allen Beiträgen dem Experimentalfilm am nächsten kommt - und Greenaways Filmen weniger ähnelt, als vielmehr seinen Installationen. 6/10
Bigas Luna / Espagne
Luna war vor allem Anfang/Mitte der 90er Jahre mit recht freizügigen, provokativen Filmen in Erscheinung getreten: Von seinem Ruf macht er hier Gebrauch und zeigt eine nur mit Slip bekleidete Frau, die auf einem kargen Acker sitzt und einen Säugling stillt. Dieses Motiv, über dessen Unschuld oder Anstößigkeit mancherorts noch immer debattiert wird, wird in statischer Einstellung präsentiert - und ist in erster Linie ein typischer Luna (und kaum ein Lumière). 7/10
Arthur Penn / Johannesburg
Der Regisseur von "The Miracle Worker" (1962), "Bonnie and Clyde" (1967) und "Little Big Man" (1970) liefert einen ziemlich non-narrativen und zudem etwas verstörenden Film ab, den man von ihm sicher nicht erwartet hätte: Ein recht lose gefesselter, zum Teil bandagierter weißer Mann liegt auf dem Boden, die Kamera fährt von seinen Knien bis zu seinem Gesicht, derweil er nach einer Flüssigkeit schnappt, die aus einer über ihm angebrachten Matratze tropft. An seinem Arm entlang fährt die Kamera nach oben, wo auf ebenjener Matratze eine nackte, füllige Farbige ruht, die von Fuß bis Kopf abgefilmt wird und das Publikum mit einladender Gäste empfängt. Diese Einübung für Penns ebenfalls in Johannesburg gedrehtes Rassismus-Drama "Inside" (1996) spielt assoziativ mit den Themen Sklaverei, white supremacy, Geschlechterrollen, Fruchtbarkeit, Ebony-Erotik... Dass keine augenfällige Aussage explizit ausformuliert wird, verleiht dem Kurzfilm einen herrlichen Irritationsmoment. 7,5/10
HOLLYWOOD - David Lynch
Nochmals eine Spur verstörender gerät David Lynchs Beitrag, der abgekapselt vom gesamten Rest auch als "Premonition Following An Evil Deed" in Lynchs späterer Kurzfilmsammlung aufgetaucht ist. Zur typischen Lynch-/Badalamenti-Untermalung gehen drei Polizisten auf den leblos erscheinenden Körper eines verwundeten Jungen zu. Schwarzbild. Eine Frau dreht auf dem Sofa sitzend ihren Kopf Richtung Zimmertür. Schwarzbild. Drei weibliche Schönheiten erheben sich aus einer edlen Gartenlaube. Rauch schießt urplötzlich ins Bild; Weißbild, bis sich aus dem Rauch ein schwarzer Raum herausschält, in welchem vier Aliens eine nackte Frau in einem Wassertank aufbewahren. Eine Kamerafahrt nach rechts führt zu einem Ofen, in welchem eine Flamme hochlodert. Aus Flammen und Funken schält sich das bereits bekannte Wohnzimmer hervor: Die Frau der zweiten Einstellung geht zur Zimmertür, ein Polizist tritt ein und zieht betroffen seine Mütze; der Mann der Frau erhebt sich ebenfalls. Was ganz vage an einen paranoide SciFi-Invasionsthriller der 50er Jahre erinnert und sich als lynchesker, nonlinearer Alptraum darbietet, erzählt keine nachvollziehbare Handlung mehr, beschwört aber ganz hervorragend eine irritierende, düster-beklemmende Stimmung herauf, die komprimierter, reinster Lynch ist. Wie kein anderer Beitrag sticht Lynchs Kurzfilm atmosphärisch und stilistisch aus der Masse heraus (wenngleich Greenaway, Kiarostami und vielleicht noch Penn und Konchalovsky ähnlich eigenwillige Beiträge abgeliefert haben) und ist ein echter Lynch-Film, der an die bizarrsten Sequenzen seiner s/w-Klassiker "Eraserhead" (1977) und "The Elephant Man" (1980) erinnert: eine so deutliche Handschrift haben nur wenige Regisseure dieses Omnibusfilms hinterlassen können. 8/10
Theo Angelopoulos / Athenes
Angelopoulos, der 1995 auch noch seinen Meilenstein "To Vlemma tou Odyssea" zum Geburtstag des Kinos herausgebracht hat, beendet diese Reise durch ein Jahrhundert und aller Herren Länder ganz griechisch mit einem Odysseus, den es auf ein karges Eiland verschlagen hat, der sich am Ufer erhebt, der umherblickt, auf die Kamera zugeht und das Publikum anvisiert. Da ist er, der Blick des Odysseus, der bloß metaphorisch gemeint war in Angelopoulos' 1995er Lang-Spielfilm über einen Regisseur, der bis nach Sarajevo reist, um den ersten auf Film gebannten Kamerablick der Filmpioniere des Balkans zu erhaschen. Ein offenes Ende, das die Fortsetzung dieser Lebensreise des Kinos ankündigt: Das Kino ist weder am Ziel, noch tot; zurückblickend treibt es vorwärts - und wird idealerweise weise dabei. 7/10
Abgesehen davon, dass die mit Lumière-Kamera gedrehten Kurzfilme, die sich in den meisten Fällen auch als Hommage an das frühe Kino verstehen, häufig eine ziemlich ordentliche Qualität erreichen, werden sie mit interessanten Beobachtungen der Dreharbeiten und kurzweiligen, meist liebenswürdigen Interview-Sequenzen gekittet, welche die knappe Hälfte der 1½stündigen Laufzeit einnehmen. Das Gesamtpaket wirkt trotz der vielen Episoden weit kohärenter, als man es von Omnibusfilmen erwarten kann - und weit mehr, als die bloße Summer seiner Teile; und unter den vielen Omnibusfilmen, die in den letzten 20 Jahren jeweils dutzendweise Regiegrößen herbeibemüht haben,[1] nimmt "Lumière et compagnie" einen der obersten Plätze ein. Interessant & unterhaltsam ist all das natürlich nur für Leute, die das Kino und die Filmkunst wertschätzen... Und wer das nicht tut und trotzdem Filme guckt, hat es im Grunde auch irgendwie verdient, gelangweilt zu werden.
7,5/10
1.) Ein Boom an Filmen, die viele kurze Beiträge von prominenten & weitgehend etablierten Filmemachern versammeln, ist in den letzten Jahren kaum zu übersehen. Nachdem der Omnibusfilm, der im Gegensatz zum Episodenfilm mehrere Regisseure aufweisen muss und anders als der Anthologiefilm nicht aus Ausschnitten anderer Filme zusammengesetzt ist, etwa zwischen "Amore in città" (1953) und "Amore e rabbia" (1969) in Europa - insbesondere in Frankreich und Italien - boomte, entpuppte sich dieser Trend in den 70er Jahren wieder als rückläufig. Prominente Beispiele wären lediglich "Visions of Eight" (1973), "Deutschland im Herbst" (1978) und der bloß drei Regisseure vereinende "Collections privées" (1979). In den 80er Jahren, vor allem aber ab der Jahrtausendwende nehmen die Omnibusfilme wieder zu: "Paris vu par... vingt ans après" (1983) - der sich freilich auf "Paris vu par..." (1964) bezieht -, "Seven Women - Seven Sins" (1986), "Aria" (1987), "12 registi per 12 città" (1989), "New York Stories" (1989), "City Life" (1990), "Contre l'oubli" (1991), "Comment vont les enfants" (1992), "Four Rooms" (1995), "À propos de Nice, la suite" (1995), "Lumière et compagnie", "Ten Minutes Older: The Cello" (2002), "Ten Minutes Older: The Trumpet" (2002), "Europe - 99Euro-Films 2" (2003) - und die anderen, mit weniger prestigeträchtigen Filmschaffenden daherkommenden Filme dieser 99EUR-Reihe -, "Bem-Vindo a São Paulo" (2004), "Visions of Europe" (2004), "¡Hay motivo!" (2004), "Eros" (2004), "All the Invisible Children" (2005), "Destricted" (2006), "Paris, je t'aime" (2006), "O Estado do Mundo" (2007), "Chacun son cinéma ou Ce petit coup au coeur quand la lumière s'éteint et que le film commence" (2007), "Los Invisibles" (2007), "New York, I Love You" (2008), "8" (2008), "Stories on Human Rights" (2008), "Tokio!" (2008), "42 One Dream Rush" (2009), "Deutschland 09 - 13 kurze Filme zur Lage der Nation" (2009), "3.11 A Sense of Home Films" (2011), "7 días en La Habana" (2012), "Histórias do cinema" (2012), "Venice 70: Future Reloaded" (2013), "Short Plays" (2014), "Kathedralen der Kultur" (2014), "Madly" (2016)... Auffällig ist dabei der Trend, nicht mehr bloß drei, vier, fünf Filmemacher(innen) zu vereinigen - wie in "New York Stories" oder "Eros" -, sondern gleich sieben, zwölf, zwei Dutzend, 40 oder 70 Filmschaffende zusammenzutrommeln und die Laufzeit der Beiträge dementsprechend herabzuschrauben: statt halb- oder 3/4stündiger Kurzfilme werden mehr und mehr 15-, 10- oder auch bloß 2-3minütige Beiträge vereinigt. [Selbst im Horrorfilmsektor, der hier unberücksichtigt geblieben ist, lässt sich das mit den "ABCs of Death"-Filmen (2012/2014) oder "The Profane Exhibit" (2013) beobachten.]