Mit dem Fernsehkrimi „Taxi nach Leipzig“ startete im Herbst 1970 eine Krimi-Reihe, die sich als die langlebigste in ganz Europa entpuppen sollte. Der „Tatort“ war geboren. Die verschiedenen Sendeanstalten der Bundesrepublik Deutschland sollten abwechselnd Kriminalfilme mit jeweils eigenen Ermittlern produzieren und dabei auch ihr Lokalkolorit mit einbringen. Der NDR machte mit dem Hamburger Hauptkommissar Paul Trimmel (mit Walter Richter allerdings mit einem Schauspieler besetzt, der seine Berliner Herkunft nie verbergen konnte / wollte) den Anfang. Dabei sollte zumindest am Rande erwähnt sein, dass, als der Film produziert wurde, es noch gar nicht klar war, dass er als Auftakt für eine andauernde Krimireihe dienen sollte. Es wurde einfach ein weiterer Kriminalroman von Friedhelm Werremeier verfilmt. Die erste Verfilmung „Exklusiv!“/“Ich verkaufe mich exklusiv!“ (in der Kommissar Trimmel nur eine Nebenrolle spielte) war bereits 1969 erschienen. Später wurde sie der Tatort-Reihe nachträglich hinzugefügt.
Nichtsdestoweniger ist der Film „Taxi nach Leipzig“ ein gelungener Einstieg. Der Film ist nicht nur von Fernsehhistorischem Wert, sondern auch ein sehr interessantes Zeitdokument. Die Geschichte um einen westdeutschen Kriminalbeamten, der auf eigene Faust in die DDR reist um den Tod eines Kindes auf der Leipziger – Autobahn aufzuklären (das der Sohn eines westdeutschen Industriellen ist) ist mit viel Liebe zum Detail geschrieben und auch umgesetzt worden. Die authentischen Schilderungen der Widrigkeiten und Umstände, die der innerdeutsche Grenzübertritt mit sich bringen konnte, geben Einblick in eine Zeit, in der die abnormale Situation eines geteilten Landes zum normalen Alltag geworden war. Gleichzeitig behandelt der Film das Thema deutsch – deutscher Beziehungen mit überraschender (relativer) Neutralität. Alltag in Ost wie in West scheinen sich oberflächlich betrachtet nicht wesentlich voneinander zu unterscheiden. Hauptkommissar Trimmel darf gar freundschaftliche Beziehungen zu einem hohen SSD (Staatssicherheitsdienst) – Mitarbeiter pflegen und nutzen. Doch es werden auch systemkritische Spitzen ausgeteilt. Am köstlichsten hierbei sicherlich die Erklärung des Geschäftsmannes über DDR – Bürger „Die sind hinter Westgeld her wie der Teufel hinter ner armen Seele“, da sie im Intershop keinen Ausweis mehr vorzeigen müssten.
Diese „Milieustudie“ hat jedoch auch einen Haken, der das Manko des Films ist. Der eigentliche Krimi – Plot, der im Verlauf des Films entschlüsselt wird erweist sich als nicht besonders spektakulär (bzw. eine etwas krassere Enthüllung spart man sich für den Schluss auf). Das heißt, dass Spannung in dieser Geschichte Mangelware ist. Lediglich eins, zwei kurze Handgemenge sorgen für etwas Aufregung.
Besonders bemerkenswert ist auch die Etablierung des Ermittlers Trimmel. Ein übergewichtiger, knorriger Mann mittleren Alters. Zigarren rauchend und zuviel trinkend entwirft man hier, mit Walter Richter (damals immerhin schon 65) ideal besetzt, das Bild eines zwar stets korrekt gekleideten, diensteifrigen Beamten, der aber der Arbeiterklasse durchaus nahe ist. Obwohl er durchaus Insubordinations-Tendenzen aufweist (Ermittlung in der DDR auf eigene Faust) scheint klar, dass er seinem jüngeren Schmuddel – Kollegen Horst Schimanski sicherlich ordentlich die Leviten gelesen hätte. Obwohl Trimmel nicht unbedingt immer besonders sympathisch wirkt, wurde er zu einem der beliebtesten Fernsehkommissare der ersten Tatort – Generation. Auch die restlichen Darsteller agieren absolut überzeugend. Die Inszenierung ist auf solidem Niveau. Obwohl Regisseur Peter-Schulze Rohr Jahrgang 1926 ist, und daher von internationalen bzw. amerikanischen Filmemachern nicht so sehr beeinflusst wie z. B. der spätere Schimanski – Regisseur Hajo Gies, ist die Inszenierung nicht bieder. Eine bewegliche Kamera und ein ordentliches Schnittlevel bestimmen die Szenerie.
„Taxi nach Leipzig“ ist somit ein Fernsehkrimi mit einer sehr interessanten Geschichte vor einem noch interessanterem Hintergrund. Zwar kaum Spannung, dafür aber mit starken Charakteren und Schauspielern. Und nicht zuletzt ein Tatort – Kommissar, wie man ihn heute leider nicht mehr hat.
7/10