Walt Disney ist heutzutage eine globale Firma, die so viel an profitablen Franchises wie Star Wars oder Marvel an sich gerissen und sich einverleibt hat, dass man kaum glauben kann, dass das Animationsflaggschiff mal ernsthaft in kreativen bis finanziellen Schwierigkeiten steckte.
Nach dem Tod des Namensgebers 1966 war die Firma immer weiter in kreativen Untiefen versunken, in den man sich nur mit der endlosen – und einfallslosen – Wiederholungen bekannter Themen über Wasser hielt, Disney war das Haus für die simplen Familienfilme, manche kreativ, manche abgedroschen, die man immer gut an den Start bringen konnte, während das moderne Blockbusterkino längst durchstartete.
Als dann die Gruselfilmwelle mit reichlich Slashern anrollte und Star Wars die großen Kassen (für Fox) abräumte, wandte sich auch das „Mouse House“ seiner (enorm unterentwickelten) dunkleren Seite zu und versuchte die saccharinsüßen Produkte durch etwas Grip und Profil aufzuwerten.
Die bekanntesten Filme aus dieser kurzlebigen – weil relativ erfolglosen – Phase waren die Star-Wars-Anbiederei „The Black Hole“ und natürlich der kreativ wirklich mal innovative „Tron“ und alles war dann anno 1985 mit dem Animationsfilm „The Black Cauldron“ aka „Taran und der Zauberkessel“ schon wieder beendet. Ein neues buntes und perfekt ausbalanciertes Unterhaltungszeitalter stand Disney bevor: die 90er.
Der vermutliche interessanteste Beitrag dieser kurzlebigen Reihe düsterer Themen in den frühen 80ern war sicher „The Watcher in the Woods“, eine Literaturverfilmung nach dem Roman von Florence Engel Randall, der das Alte und das Neue vereinte: Kinder, bzw. junge Frauen, Familie, sowie ein übernatürliches Mysterium, welches variabel über den Filmverlauf von Fantasy über Horror bis zu Science Fiction changierte.
Das größte Asset, was der Film besaß, abgesehen von der Idee, dass Disney einen Gruselfilm drehte, war Altstar Bette Davis, die schon vorher in einigen Disney-Produktionen wie "Flucht zum Hexenberg" dabei gewesen war und angeblich wirklich scharf auf die Rolle war – rückblickend ist nicht ganz klar, was die große alte Mimin wirklich an dem Job gereizt hat, denn sie spielt effektiv nur eine gekonnt mürrische Nebenrolle. Aber vielleicht war es ja auch nur ihre Aversion gegen Langeweile - und die Zigaretten wollte ja auch bezahlt sein.
Im Fokus von "Watcher" steht eine vierköpfige Familie, die eine neue Bleibe sucht und das am Wald gelegene Heim von Mrs.Aylwood anmieten möchte – was ihr nach einer Prüfung durch die Besitzerin auch gelingt. Aylwood ist eine bitter wirkende alte Dame, die unter einer Familientragödie leidet, bei der ihre Tochter Karen vor 30 Jahren spurlos im Wald verschwand.
In der Folge ist es speziell die ältere Tochter Jen, die in den Fokus gerückt wird, denn sie bemerkt als erste Lichterscheinungen und ungewöhnliche Vorgänge im dunklen Tann, die teilweise aus der POV-Perspektive eines Unbekannten gezeigt werden. Einmal droht sie sogar in einem Waldteich zu ertrinken und wird von Mrs.Aylwood gerettet, obwohl es im ersten Moment eher wie ein Mordversuch der alten Dame anmutet.
Dahinter steckt – natürlich – die 30 Jahre alte Tragödie, die, wie Jen mit ihrem neuen Freund, langsam aber sicher heraus filtert, durch eine Seance getriggert wurde, die während einer Sonnenfinsternis stattfand.
Wenn diese Information in den Film sickert, wird dann auch offensichtlich, wie relativ jugendfreundlich und oberflächlich die Story wirklich ist, denn ab da kann man sich den weiteren Verlauf der Handlung gut zusammenreimen. Natürlich müssen die damals Beteiligten an den Ort des Geschehens zurück und natürlich ist da "just in time" eine weitere Sonnenfinsternis in der Mache.
Das alles wäre nett, mittelmäßig mysteriös (es gibt keine wirkliche Bedrohung, nur das Mysterium, wer da im Wald ist), wäre da nicht die berühmte Produktionsgeschichte des Films rund um sein Ende. Anders als George Lucas etwa, hatten Disneys Techniker nämlich nicht das Handwerk so verinnerlicht, dass der Film wie beabsichtigt produziert werden konnte. Das geplante Ende, welches in einer anderen Welt und/oder in einem Raumschiff spielen sollte, war wenig überzeugend, also entschied sich Disney für ein neu geskriptetes Ende, bei dem der „Watcher“ nur einen einmaligen Auftritt hat und die andersweltliche Sequenz weggelassen wurde – was zur Folge hat, dass das „Mysterium“ den Anwesenden und dem Publikum nachträglich erklärt werden musste.
Das alles war so enttäuschend, dass die Kritiker und das Publikum über den Film herfielen, woraufhin Disney den Film hurtig wieder aus den Kinos zurückzog und ein neues Ende verlangte, diesmal mit einigen modernen Lichteffekten. Dieses Ende wurde durch einen Streik noch weiter verzögert und so ging der Film erst 1981 neu an den Start und machte immerhin passabel Kasse, ohne ein wirklich großer Erfolg zu sein. Zum Glück kamen dann neue Heimvideotechniken in Mode und so ging nichts Produziertes verloren – man kann heute also im Internet sowohl den gewöhnlichen „Auftritt“ des Wächters begutachten (der schon sehr fremdartig ist, aber deutlich eine gelenkte Puppe in der Tradition Jim Hensons) als auch das rausgeschnittene Ende mit der Raumschiffsequenz, die tatsächlich das Geschehen deutlich schlüssiger macht, aber technisch auffällig unzureichend ausfällt. Wenn man bedenkt, dass Disney zwei Jahre später "Tron" erschaffen sollten, kann man sich ein Schmunzeln kaum verkneifen. Ich kann nur empfehlen, alles drei Varianten zu studieren.
Schlussendlich kam dabei aber ein Film heraus, der wie ein Zwitter zwischen Tradition und Moderne wirkt. Der Film hat gewisse unheimliche Ankerpunkte (im Vorspann, der Angriff im Wald, das Finale), ist aber sonst ein relativ braves Rätselspiel mit Teenager-Detektivarbeit. Eine längere Sequenz bei einem Motorradrennen zeigt die Jugendlichen lange diskutierend und nimmt dem Film viel von seiner Atmosphäre und Anspannung.
Darüber hinaus gibt es zu wenig Bette Davis und auch die Eltern, immerhin dargestellt von Carroll Baker und David McCallum, namhaften Darstellern, haben quasi gar nichts im Film zu tun.
Damit bediente der Film niemanden so richtig, für die Spukfans ist er zu sehr Disney, für die Disneykinder ist er manchmal zu gruselig und der Mangel an Bedrohlichkeit und Vorfällen, wo Übernatürliches passiert, ist ernüchternd. Dagegen kann der Film mit Locations, Atmosphäre, Ausleuchtung und guter Kameraarbeit, sowie schönen Bauten durchaus punkten.
Die mangelnde epische Breite und Tiefe kann die gerade knapp über 80 Minuten lange Produktion aber nicht kaschieren, dennoch ist es ein schöner Film, nur eben ohne den erwarteten Erfolg, ein Resultat, unter dem auch andere Filme dieser „Reihe“ wie „Something Wicked this way comes“ (1983) und „Return to Oz“ (1985) litten.
Also nix mit dem apostrophierten „Masterpiece of Suspense“, aber ein schöner und unbrutaler Grusler für 12jährige und darüber ist doch noch dabei herausgekommen. 1980 war Disney noch nicht bereit dafür, etwas von den gängigen Familienprodukten wirklich Abseitiges zu produzieren. (6/10)