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Lisa (Laura Linney) und Peter (Liam Neeson) sind seit mehr als 25 Jahren verheiratet, haben eine erwachsene Tochter, Abigail (Romola Garai), sind Beide, unabhängig voneinander, beruflich erfolgreich und führen ganz offensichtlich eine glückliche Ehe. Dementsprechend überrascht reagiert Peter, als seine Frau ihn bei einem gemeinsamen Essen nach einer Modenschau, bei der sie ihre neuesten Schuhkreationen vorstellte, fragt, ob man ein Leben lang miteinander glücklich sein kann. Als wäre der Verwirrung noch nicht genug, führt sie zudem aus, dass sie ihn sofort und ohne etwas mitzunehmen verlassen würde, wenn sie ihn nicht mehr liebte. Auch wenn Lisa darauf hin Peter beruhigt, bleibt doch eine gewisse Unsicherheit zurück – „The other man“ wäre nicht der erste Film, der Abgründe hinter einer idealisierten Fassade offenbaren würde.

Und genau diese scheinen sich unmittelbar danach zu bestätigen. Lisa ist weg und Peters Umgebung, einschließlich seiner Tochter, versucht ihn, wieder aufzubauen. Fast peinlich berührt wirken sie, wenn die Sprache auf Lisa kommt. Offensichtlich hat sie auch alles zurückgelassen, denn sowohl ihr Handy als auch ihr Laptop befinden sich in Peters Besitz. Weshalb er auch eine E-Mail eines gewissen Ralph zu Lesen bekommt, der ganz konkret Gemeinsamkeiten benennt. Davon motiviert beginnt Peter in Lisas Dateien nachzuforschen und findet eine mit einem Kennwort geschützte Datei, an die er nicht herankommt. Deshalb versucht er auf andere Weise Informationen über den geheimnisvollen Ralph (Antonio Banderas) zu erlangen, dessen Rolle in Bezug zu Lisas Verschwinden unklar bleibt.

„The other man“ entwickelt in dieser Phase einen Thriller – artigen Drive, der an eine light Version von Neesons Rolle in „Taken“ erinnert. Mit detektivischem Eifer kommt er Ralph auf die Spur - einem Italiener spanischer Abstammung, der perfekt gekleidet durch Mailand stolziert. Etwas zu glatt und schmierig wirkt er, immer auf seine Außenwirkung bedacht, und overdressed, wenn er seiner Lieblingsbeschäftigung nachgeht – dem Schachspielen an einem öffentlichen Ort. Über dieses Hobby nimmt Peter mit ihm Kontakt auf und erwirbt schnell sein Vertrauen, weshalb Ralph beginnt, ihm von der wunderbarsten Frau zu erzählen, der er je begegnet ist – Lisa. Inzwischen hatte Peter, dank eines Zettels, den Lisa zurückließ, die Datei öffnen können, in der er Bilder von seiner Frau und Ralph vorfand, die sie in eindeutiger Zweisamkeit zeigen. Sein Hass auf Ralph, der ihm unverblümt von der langjährigen Beziehung vorschwärmt, wächst noch, als er feststellen muss, dass es sich bei diesem um einen Hochstapler handelt, der als Hausmeister arbeitet, nach außen aber versucht, als Mitglied besserer Kreise zu erscheinen. Was hatte dieser Betrüger mit seiner Frau zu tun?

Durch die plötzliche Abwesenheit von Lisa, vermittelt „The other man“ den Eindruck eines Kriminal Plots, der eine überraschende Wendung nimmt. Während Neeson gewohnt überzeugend den sturen Verfolger mimt, den nichts von seinem Plan abzubringen scheint, ist es vor allem Banderas, der seinem Rollenklischee als Latin-Lover eine ironische Variante zufügt. Von Beginn an eine Spur zu gepflegt und zu beherrscht in seinem Verhalten, spürt man, dass sich unter der äußerlichen Perfektion eine andere Wahrheit verbirgt. Doch diese ist letztlich ganz anders als erwartet.

Vielleicht wollten die Macher ihr Beziehungsdrama ohne die typische Anspruchshaltung erzählen und ersannen eine verschachtelte Handlung mit erheblichen Zeitsprüngen, um damit zusätzlich Spannung zu erzeugen. Das ist sicherlich gelungen, geht aber auf Kosten der eigentlichen Intention. Denn entscheidend ist die Szene der Ehepartner im Restaurant ganz zu Beginn, die sich erst zum Schluss aufklärt und den Blick freigibt auf eine Geschichte über Liebe, Nähe und Vertrauen. Und darüber, dass diese sich nicht nach den äußerlichen Grenzen richten, in denen man sie gerne einschränkt. „The other man“ schildert einen Lernprozess und Neeson ist in dem Moment am stärksten, in dem man ihm die Qual anmerkt, diesen Prozess gehen zu müssen – fraglich bleibt nur, ob das angesichts des lange Zeit unter anderen Vorzeichen sich entwickelnden Plots noch erkennbar ist (6,5/10).

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