„Shutter Island“ aus dem Jahre 2010 ist eine weitere Kollaboration von Martin Scorsese als Regisseur und Leonardo DiCaprio als Hauptdarsteller. Dementsprechend brauche ich wohl nicht allzu viele Worte über die Qualitäten der Regiearbeit und des Schauspiels zu verlieren – beides ist auf erwartungsgemäß hohem Niveau anzusiedeln. Widme ich mich also gleich dem Drehbuch bzw. der erzählten, auf einem Roman basierenden Geschichte und versuche dabei mehr oder minder geschickt, nicht zuviel vorweg zu nehmen, handelt es sich doch um eine klassische „Mindfuck-Story“, deren Höhepunkt eine überraschende Wendung sein soll. Zunächst scheint es sich darum zu drehen, dass Teddy Daniels einem als psychiatrische Klinik getarnten Versuchslabor für Menschenexperimente auf der Spur ist – klassischer Stoff für einen actionreichen, düsteren Thriller. Doch nach einiger Zeit kommen weitere Ungereimtheiten hinzu, die einen etwas anderen Verlauf bereits erahnen lassen. Ist dann erst einmal die Katze aus dem Sack, beginnt das Hirn des Zuschauers zu rattern, wird es doch mit einer Situation konfrontiert, in der Realität und der Verlust selbiger infrage gestellt werden und die Grenzen zwischen beidem verschwimmen. Bis zu diesem Punkt ist „Shutter Island“ spannend, atmosphärisch und unheimlich und punktet nicht zuletzt mit tollen Charaktergesichtern unter den Darstellern. Dann aber folgen ellenlange Erklärungen, als wolle man auch den letzten amerikanischen Doof-TV-Glotzer erreichen, derer es in dieser Auswälzung nicht bedurft hätte. Zudem wird das Ende derartig in die Länge gezogen – immerhin ist der Film gut 130 Minuten lang -, dass manch einer ungeduldig auf die Uhr schauen dürfte. Der Knalleffekt, gern mit einem knackig-kurzen Epilog versehen, der möglich gewesen wäre, um nachdenkliche Zuschauer aus dem Film zu entlassen, wurde so verschenkt. Davon losgelöst betrachtet, handelt es sich um eine angenehm intelligente Geschichte, deren Ende trotz allem in gewisser Hinsicht offen gelassen wurde und (zumindest in meiner Interpretation) zum kritischen Umgang mit den Stigmata „paranoid“ oder „psychisch krank“ und vermeintlichen Heilmethoden mahnt. Streng genommen ist allerdings auch eine gegenteilige Deutung möglich, was zu interessanten Diskussionen einlädt – sofern man nach 130 Minuten nicht zu müde ist...