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Wie gestaltet man einen Film nach einem 100 Jahre alten Roman, der aus damaliger Sicht eine Welt in ferner Zukunft beschreibt?

40 Jahre früher - 1960 - hat George Pal als Regisseur aus H.G. Wells' gleichnamigem Roman den "klassischen", gleichnamigen Film geschaffen, an dem sich jede spätere Verfilmung messen lassen muß. Pal hielt sich damals relativ eng an die literarische Vorlage.

Um diesen Klassiker aus moderner Sicht möglichst noch zu übertreffen, musste Simon Wells in "The Time Machine" andere Wege beschreiten. Er interpretiert die Vorlage freier, indem er die beiden Teilgesellschaften des Jahres 802701 differenzierter zeichnet: die Elois sind bei ihm nicht wie beim Romanautor ein naives, interesselos und apathisch vor sich hindämmerndes Volk, sondern intelligente, kultivierte Menschen, denen nur einfach unsere technischen Voraussetzungen fehlen; sie werden von den unterirdisch lebenden Morlocks in engen Grenzen gehalten. Diese wiederum sind in der modernen Verfilmung auch nicht mehr nur primitive Kannibalenmonster, sondern eine hierarchische Gesellschaft körperlich sehr unterschiedlicher "Kasten", kontrolliert und regiert von einem hoch intelligenten Über-Morlock mit telepathischen Fähigkeiten, den Jeremy Irons faszinierend morbide verkörpert.

Die künstlerische Freiheit hat - zusammen mit den viel besseren, technischen Möglichkeiten nach der Jahrtausendwende - dem Film gut getan. Die Geschichte wirkt in sich stimmiger, überzeugender als in der Urversion, man wird schon allein optisch durch atemberaubende Kulissen magisch ins Geschehen gezogen, die Filmmusik und eine vorwiegend ruhige Kameraführung vermitteln Intensität, und auch der Geist kommt nicht zu kurz: der Dialog zwischen Alexander (Guy Pearce spielt ihn überzeugend) und dem Über-Morlock gibt die Antwort auf die logisch-philosophische Fragestellung, die Alexander überhaupt erst in die Zukunft getrieben hat: Warum kann man die Vergangenheit nicht ändern? Eine Antwort freilich, die Alexander so nicht akzeptieren kann und will. Er nimmt gegen sie den Kampf auf, indem er seine Zeitmaschine - und mit ihr die Welt der Morlocks - zerstört, um mit den Elois ein menschenwürdigeres Dasein zu begründen: denn die Zukunft kann man ändern.

Die moderne Regie vermeidet den Romanzen-Kitsch des Klassikers, durchbricht dafür aber streckenweise die ansonsten wohltuend ruhig-intensive Kameraführung mit übertrieben wilden "Action"-Sequenzen, die man wohl dem Mainstream-Publikum zu schulden glaubte. Ohne diesen - verzeihbaren - Fehler hätte ich dem Film 100% gegeben. So sind es mit 90% genauso viel wie für den Klassiker, den Simon Wells mit seiner Regie tatsächlich - und sogar deutlich - übertroffen hat. Nur der kulturhistorische Reiz der 50 Jahre alten Verfilmung und ihre größere Nähe zur Romanvorlage lassen beide Filme unterm Strich dann doch noch als gleichwertig erscheinen.

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