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New York, 1899: Emma, die frisch gebackene Verlobte des Wissenschaftlers Alexander Hartdegen, wird bei einem Raubüberfall erschossen. Vor lauter Trauer verkriecht sich Hartdegen darauf hin für die nächsten vier Jahre in seinem Labor und bastelt an einer schmucken Zeitmaschine, mit der er in die Vergangenheit reisen und den Lauf der Ereignisse verändern will. Tatsächlich gelingt ihm der Zeitsprung und Alexander kann Emma noch rechtzeitig vor dem Räuber in Sicherheit bringen, doch dafür wird die junge Frau in einem unachtsamen Moment von einer Kutsche überfahren. Voller Gram reist Alexander auf der Suche nach einer Erklärung für seine Unfähigkeit, Emmas Tod zu verhindern, in die Zukunft. Im Jahr 2030 wird er prompt Zeuge, wie nach einer Weltraum-Katastrophe der Mond auf die Erde stürzt. In dem ganzen Trubel stößt er sich in seiner Zeitmaschine den Schädel an und verliert das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kommt, befindet er sich im Jahr 802701, in dem sich die Menschheit zu zwei verschiedenen Spezies weiterentwickelt hat: Die harmlosen Eloi und die unter der Erdoberfläche hausenden Morlocks. Als das Eloi-Mädchen Mara von den Morlocks in ihre Höhle verschleppt wird, nimmt Hartdegen die Verfolgung auf und legt sich bei seiner Rettungs-Aktion auch mit dem übersinnlich begabten Chef-Morlock an... Eigentlich steht dieses Remake zuerst mal unter einem ganz guten Stern, denn zum einen hatte George Pals 1960er-Science-Fiction-Schmonzette "Die Zeitmaschine" die zugrunde liegende, klassische Kurzgeschichte schon irgendwie in den falschen Hals gekriegt und demnach nicht gerade adäquat auf die Leinwand gebracht, und zum anderen handelt es sich bei dem Regisseur Simon Wells um niemand geringeren als den Urenkel von H.G. Wells, so dass man doch annehmen durfte, dass dieser sich der literarischen Vorlage mit ein wenig mehr Respekt nähern würde. Doch Pustekuchen! Zwar muss man zugeben, dass die allzu simple Schwarzweiß-Malerei des Originals, was die hübsch-doofen Elois und die hässlich-bösen Morlocks anbelangt, hier einer vielschichtigeren Betrachtungsweise gewichen ist, die den gesellschaftskritischen Punkt, den Wells mit seiner Short-Story machen wollte, doch wesentlich eher trifft. Dazu trägt dann auch Jeremy Irons in seiner viel gescholtenen Rolle als Albino-mäßig gestylter Über-Morlock noch sein Scherflein bei, weswegen ich seinen Auftritt im Gegensatz zu manch anderem Rezensenten hier ergo als keinesfalls fehl am Platz empfinde, zumal sich der Dialog zwischen ihm und Alexander Hartdegen im Nachhinein betrachtet glatt zur Schlüssel-Szene des gesamten Films mausert. Dem aufmerksamen Zuschauer bleibt jedoch auch nicht verborgen, dass die eigentliche Geschichte in vielen Details verschlimmbessert wurde und für sich betrachtet nun nicht mehr ganz so gut funktioniert... was ziemlich schade ist, denn "The Time Machine" gehört zu den wenigen Remakes, die durchaus das Potential gehabt hätten, ihren Vorgänger zu überflügeln, eben weil das alles nicht ganz so naiv-dumm geraten ist. Der ursprünglich mal recht stringent erzählte Zeitreise-Plot nimmt nun aber leider einige Abzweigungen, die das Ganze eher in ein paar dramaturgische Sackgassen führen (die Mond-Katastrophe!), bevor es schließlich doch noch ab ins Jahr 802701 geht und die Handlung wie gehabt einen Schwenk in Richtung gruseliger Creature-Features macht. Dass man dem von Guy Pearce blass gemimten Protagonisten nun eine in ihren Grund-Zügen selbsttherapeutische Motivation für seine Unternehmungen verpasst hat, die über die reine wissenschaftliche Neugier hinausgeht, scheint mir da letzten Endes nur dafür gut zu sein, einige Film-Minuten zu Beginn mit Inhalt zu füllen, und so künstlich einen Mehrwert gegenüber dem Original zu generieren. Nun ja, das hat leider nicht geklappt, aber dafür darf man sich an den wirklich superben Spezial-Effekten erfreuen, die den Streifen zu einem doch noch sehenswerten Science-Fiction-Trick-Spektakel werden lassen, das die Action immerhin mit einem leicht melancholischen Unterton darreicht... was dann doch wieder mehr ist, als man von der üblichen Hollywood-Ware erwarten darf. Die Oscar-prämierten F/X der 1960er-"Zeitmaschine" erfahren nun natürlich eine Aufwertung mittels moderner CGI, wobei man den zentralen Trick-Sequenzen (nämlich eben die Trips durch die Zeit, bei denen sich die Umgebung im Zeitraffer verändert) ihren Sense of Wonder belassen hat. Auf der anderen Seite können die mit moderner Animatronic-Technik aufgemotzten Morlock-Kostüme und -Masken ihren wesentlich simpleren, aber charmanteren Pendants aus George Pals Film nicht das Wasser reichen. Schön ist hingegen, dass zumindest ein paar Elois, allen voran Samantha Mumba, nun wenigstens ein Hauch von individueller Persönlichkeit spendiert bekommen haben. Das Design der Zeitmaschine selbst ist leider nicht ähnlich einprägsam, wie es noch beim Original der Fall war, und so kann diesem Prop leider auch keinerlei ikonografischer Wert zugesprochen werden. Und die Umsetzung von Irons’ Morlock-Make Up ist bestenfalls als zwiespältig zu bezeichnen, der Film hat großes Glück, dass die Szene an sich so gut geworden ist und der Zuschauer deshalb bereit ist, über den seltsamen Look hinwegzusehen. Der im Verlauf der Unterhaltung angesprochene Grund, aus dem es Hartdegen nicht gelingen wird, jemals seine Verlobte zu retten, bedient sich hübsch bei den Paradoxien, die dem Time-Travel-Genre eh schon immanent sind, und ist so ziemlich das einzige sinnvolle Element, dass der ursprünglichen Geschichte hinzugefügt wurde. Verzichten können hätte man hingegen auf den scheußlich-klischeehaften Ethno-Score mit seinen "Lalala"-Kinderchören, der unter die Zukunfts-Szenen in der Eloi-Siedlung gelegt wurde. Der ist einfach nur Mist. Insgesamt wirkt "The Time Machine" als philosophisch angehauchtes Zeitreise-Abenteuer mit sentimentaler Note (UND Explosionen!) vor allem zum Finale hin inszenatorisch leider ein wenig uneinheitlich, was aber auch kein Wunder ist, denn der ursprünglich aus dem Trickfilm- und Animations-Bereich kommende Simon Wells hat sich aufgrund von "extremer Erschöpfung" (ja, klar...) die letzten paar Wochen von dem mit mehr Regie-Erfahrung beschlagenen Gore Verbinsky am Set vertreten lassen. Dass Verbinsky in den Credits nicht gelistet wird führt einem dann auch vor Augen, dass es den Produzenten doch nur auf die Credibility angekommen ist, die sie ihrem Streifen mit dem Nachnamen "Wells" erkauft haben. Na ja, man hat schon schlimmere Remakes/Neuverfilmungen gesehen... aber bis Hollywood tatsächlich einen Film auf die Beine stellt, der der Kurzgeschichte auch gerecht wird, dürften vermutlich noch mal 40 Jahre ins Land ziehen...

7/10

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