Gleichgeschlechtliche Ehen sind ja immer noch ein heißes Eisen und wenn sie dann auch noch mit Leihmutter oder Leihsperma produzierten Kindern aufwarten können, dann ist das selten größer angelegter Stoff als für einen kontroversen TV-Film, wo man anschließend bei "Maischberger" noch eine Runde drüber diskutieren kann.
In den Staaten liegen die Dinger bisweilen noch ärger, von Staat zu Staat verschieden und je nach Bildungsgrad und Konfessionsangehörigkeit akzeptiert bis geächtet - da kommt Lisa Cholodenkos "The Kids are all right" gerade recht, um mal einen ungeschönten, aber auch nicht übermäßig problematisierten Blick auf eine Familie mit zwei Müttern zu werfen, die das mit den Kindern überraschend gut hingebogen bekommen hat.
Insofern widmet man sich zur Abwechslung nicht den kantigen Anfängen einer Beziehung, der Lebensplanung oder der Akzeptanzfrage der näheren Umgebung, sondern stellt die Situation als vollendet bis weiterentwickelt vor: zwei Frauen mittleren Alters, Nic und Jules, sowie ihre gut geratenen Kinder Joni und Laser, der Inbegriff eines Mittelstandstraums mit ökologisch wertvollen Hippiewurzeln, aber eben ohne den rauschenden Indie-Bart.
Cholodenko geht ihre Geschichte nicht um brachiale Kontroversen an, sondern präsentiert stattdessen ein Stück Alltag, das sich in keinster Weise von dem einer typischen zweigeschlechtlichen Familie unterscheidet. Man ist in die Jahre gekommen, die Romantik ist etwas eingeschlummert, die Sache mit dem Sex läuft auch nicht so recht und jetzt fangen die Kinder an, Fragen zu stellen. Und weil die gewitzter sind, als die zögerlichen Eltern, haben sie baldigst ihren Spendervater ausfindig gemacht, der auch noch praktisch um weitläufige Ecke (L.A. ist groß, aber überschaubar) wohnt. Der stellt sich als emotional etwas unsteter, beziehungstechnisch unwilliger Öko-Unternehmer heraus, der den Jugendschuhen nie so ganz erwachsen ist und hier plötzlich vor der vollendeten Bilderbuchfamilie steht, in die er aufgrund der Neugier der Kinder hineinwachsen könnte.
So wird aus "Kids" ein Film über das Erwachsenwerden und den Reifeprozess, vor allem aber über die Familie als ultimativen Herd der Sicher- und Geborgenheit, den man sich eben doch erarbeiten, erkämpfen und bewahren muß, der einem jedoch nicht geschenkt wird. Die erwartbaren Themen um lesbische Paare, fehlenden Sex und Samenspenderväter sind dabei dann doch eher Nebensache und das macht den Film zwar nicht weniger wichtig als heißere Eisen, läßt jedoch einen gewissen Hauch von Absicht und Bedeutsamkeit vermissen.
Für konkrete Ablehner der Patchwork-Theorien und der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften ist der Film auch so Herausforderung genug, typische Serienthemen aus dem Bereich des Familiendramas mal von einem anderen Gesichtspunkt aus zu sehen und das schafft Cholodenkos Film ausgesprochen entspannt - nicht zuletzt wegen der dankbaren, wenn auch nicht aufsehenerrgenden Mütter/Väter-Rollen für ausgezeichnete Darstellerinnen wie Annette Bening und Julianne Moore.
Da wird kaum ein Tabu gebrochen, Nacktheit findet mehr oder minder unter der Decke statt und die einzige richtige Nacktszene gerät dann (enttäuschend irgendwie) zu einer althergebrachten Ehebruchsnummer zwischen Mutter und biologischem Vater.
Die Wirkung entfalten die Rollen lediglich durch das entspannt-angespannte Spiel dreier Darsteller, die sich, selbst mit ihren Lebensproblematiken beschäftigt, auf eine ganz neue Situation einstellen müssen: der Einbruch der virilen Männlichkeit in ein weiblich geführtes Familienleben und das Flüggewerden der Kinder als Zeichen des nahenden Alters.
Es geht um Karriere und Selbstverwirklichung, berufliche Ziellosigkeit und den nötigen Broterwerb, um Eifersucht und die immerwährende Sorge der Eltern, ihre Kinder schützen zu wollen.
Die scheinbar abgedroschenen Basislebensläufe sind ausreichend, um einen dennoch sehr lebendigen Film zu generieren, der entgegen anderer Behauptungen stets ein Drama, nie eine Komödie ist, obwohl es oft einiges zu lachen gibt. Den reichhaltigsten Part bekommt dabei der sonst oft vernachlässigte Mark Ruffalo ab, der mit seiner Situation als gefragter Vater und biologischer Rivale (die sexuelle Ausrichtung ist da nur das Sahnehäubchen) gar nicht weiß, wie ihm geschieht. In der Folge, als er seine Chance erkennt und einen Hauch der Familienluft schnuppert, macht er selbst die ersten Schritte dessen, was sich Nic und Jules lange hart erarbeitet haben, um jedoch zum Schluß auf sich selbst zurückgeworfen zu werden - ein sehr kontroverser Schluß, der die männliche Figur fast wie den "Bösen" wirken läßt, obwohl er eigentlich nur ein trauriger Verlierer ist, der unbewußt versucht hat, die Einheit einer Familie zu zerstören. Jules dagegen bleibt (immerhin ist sich die Story hier treu) ein unsicherer Kantonist in Sachen Lebensführung, während Benings "Nic" die ganze Familie notgedrungen zusammenhält, als Brotverdiener, sachlich organisierter Familienvorstand mit Herz und Strenge und zahlreichen väterlichen und mütterlichen Eigeschaften, während Jules ein kreativer Vagabund bleibt.
Es sind diese Unebenheiten, die "Kids" nicht als preiswürdiges Material auszeichnen, obschon als sonst ausgezeichneten Film mit viel Herz und Sympathie. Die ambivalente Rolle der Kinder, die erst die Prozesse forcieren und dann erzählerisch in den Hintergrund verschwinden, um eine Art Opposition zu bilden; der gesuchte sexuelle Ausgleich, den Jules ausgerechnet bei Paul sucht, als wäre das weniger schlimm als ein Ehebruch mit anderen Frauen oder Männern; der Fokus auf die Notwendigkeit um die Familieneinheit zu kämpfen, selbst wenn die Kinder das Nest verlassen, das alles wirkt richtig und wichtig, aber es ist deutlich zu viel für nur einen Film, so mancher Handlungsstrang wirkt nicht zuende gedacht, wenn schon nicht spekulativ eingesetzt.
"The Kids are all right" läuft fast über vor Inhalt, wirkt lebendig und frisch, aber manchmal dann eben doch wie ein bildungsbürgertreuer Mittelklassetraum, der nur einen gedrängten Ausschnitt von dem zeigen kann, was uns noch viel länger interessieren würde.
Ohne zu einem offensiven Plädoyer für Toleranz oder Akzeptanz zu mutieren, zeigt der Film die Normalität, die gewisse Teile des möglichen Publikums vielleicht nicht für möglich halten - und faßt schließlich zusammen, daß auch diese Lebensentwürfe nicht perfekt sind, nicht hundertpro funktionabel und reibungslos, daß sie aber sonst nicht von den gesellschaftlich voll akzeptierten Lebensgemeinschaften unterscheidet. Das ist so realistisch wie lobenswert, allein mangelt es aufgrund des an den Rändern zerfasernden Plots ohne echtes Ende an der anvisierten fokussierten Brillianz. Sehr lohnenswert und leicht gegen die Erwartungshaltung anspielend. (7,5/10)