Powell & Pressburger zählen heute längst zu den ganz Großen der Filmgeschichte, erst recht zu den ganz Großen des britischen Films der 40er und 50er Jahre: vor Hammer-Horror und James Bond, vor Beatles-Filmen und New Wave, vor dem New British Cinema. (Powells bedeutsame Phase ist sicherlich zwischen "The Thief of Bagdad" (1940) und "Peeping Tom" (1960) anzusiedeln.) Neben ihnen können zu der Zeit in England nur eine handvoll Konkurrenten bestehen; Alfred Hitchcock (der in dem Zeitraum allerdings überwiegend in den USA tätig war), Carol Reed und natürlich David Lean wären zu nennen.
Doch zu Lebzeiten stieß das Regie-Duo (egal ob zusammen oder einzeln) nicht immer auf Zustimmung: deutschenfreundliche Propagandafilme im zweiten Weltkrieg, die etwa zwischen Deutschen und Nationalsozialisten entschieden unterschieden haben, gaben aus politischen Gründen Anlass zu diversen Attacken; gegen Kriegsende folgten einige Werke, für die die Filmkritik aus ästhetischen Gründen nur wenig übrig hatte (darunter leider auch der wunderbare "A Canterbury Tale" (1944)); 1960 ruinierte sich Powell mit dem vermeintlich unmoralischen "Peeping Tom" weitestgehend seine Karriere und erst Scorsese vermochte das Werk Jahrzehnte später ins kollektive Gedächtnis der Cineasten zurückzurufen.
Auch "The Red Shoes" stand unter keinem guten Licht: Powell glaubte zwar an den Erfolg des Stoffes, zu dem Pressburger das Drehbuch bereits 1937 geschrieben hatte, stand mit dieser Ansicht aber auch relativ alleine da. Nachdem das fertige und mit einer halben Millionen Pfund Produktionskosten teuerste Werk aus dem Studio der Archers dann erstmal vorgeführt worden ist, folgten von Arthur Rank bishin zu Universal vor allem negative Prophezeiungen - und entgegen jeder Erwartungshaltung entpuppte sich der Film dann doch als Erfolg bei Kritik und Publikum (nominiert für 5 Oscars, 2 Oscars erhalten und bis dahin der erfolgreiste Film der jemals aus England gekommen ist)... und ist es bis heute geblieben.
Den Erfolg haben sich Powell & Pressburger mit "The Red Shoes" redlich verdient, haben sie hiermit doch ihren besten Film vorgelegt, ja sogar einen der allerbesten Filme überhaupt. Neben der wie so oft bei Powell & Pressburger beachtlichen formalen Qualität besticht der Film vor allem mit dem kristallklaren Aufbau, der ihm zu eigen ist. "The Red Shoes" ist von einer so streng durchdachten, wie geschmeidigen Struktur, die ihn als filmgewordene Novelle auszuweisen vermag.
Diese Struktur schlägt sich auch in der Form nieder und plaziert den Dreh- und Angelpunkt der Dramaturgie auch als inszenatorischen Höhepunkt in der Mitte des Films, im Rahmen der etwas mehr als viertelstündigen Ballettsequenz, die Hans Christian Andersens "Die roten Schuhe" (1845) - oder vielmehr eine freie Interpretation des Märchens - bebildert.
Dieser Sequenz geht [Achtung: Spoiler!] die Entwicklung zweier Künstler voraus: Julian Craster, ein junger Komponist, dem sein Professor einige Kompositionen für sein "brennendes Herz" geraubt und beim Impresario Lermontov untergebracht hat, gerät nach einer an die Uraufführung anschließenden Richtigstellung unter vier Augen - Lermontov rät, die Sache zu vergessen und fügt hinzu: "it is much more disheartening to have to steal, than to be stolen from" (00:18:44)[1] - unter dessen Fittiche und gehört als Komponist und Dirigent fortan zum festen Ensemble. Und Victoria Page, deren Tante nach eben dieser Uraufführung ihre Beziehungen spielen lässt, gelingt es, als Tänzerin mit Lermontov bekannt gemacht zu werden. Doch nicht ihre Tanzkünste lassen es zu einer Probe unter Lermontov kommen - er schaut sie sich anfangs überhaupt nicht an - sondern ihr enthusiastischer Einsatz für den Tanz: "Why do you want to dance?" (00:14:39), lautet seine Frage an sie, auf welche sie mit der Gegenfrage kontert: "Why do you want to live?" Beide Antworten fallen gleich aus: "I must." (00:14:51) Erst danach lässt er es zum Vortanzen kommen und schon bald gehört auch Victoria zum Ensemble.
Zum Ensemble gehören ebenfalls: die Boronskaja, die Vorzeigetänzerin der Gruppe, der alte Bühnendekorateur Ratov (der große Theaterstar und spätere Filmschauspieler Albert Bassermann in seiner letzten Rolle) und Grischa Ljubov, der manchmal leicht cholerische, aber im Grunde liebenswerte Choereograf (Leonide Massine spielt sich hier in einem seiner wenigen Filmauftritte quasi selbst).
Victoria und Julian stoßen beide am gleichen Tag zur Gruppe (die zweite Vorausdeutung auf ihre spätere Romanze, nachdem sie schon beide mit der Uraufführung des "brennenden Herzens" eingeführt worden sind), und auch wenn sie sich doch für so grundverschiedene Kunstformen dieser Gemeinschaftsarbeit der Künste interessieren (sie für den Tanz, er für die Musik) und sich entsprechend häufig streiten, ob nun stellenweise ihr Tanz oder seine Musik nicht so ganz passen mag,[2] so zeichnet sich doch recht bald das Band der Liebe zwischen den beiden ab.
Währenddessen tut sich in Lermontovs Ensemble so einiges: die Boronskaja geht den Bund der Ehe ein, woraufhin Lermontov, der es nicht duldet, sich neben der Kunst noch einem anderen Ziel zu verschreiben ("You cannot have it both ways. The dancer who relies upon the doubtful comforts of human love will never be a great dancer." (00:40:41)), sie ausschließt und die nächste große Rolle Victoria zuträgt. Und Julian hat eine Ballettversion der "roten Schuhe" Andersens zu überarbeiten - und angesichts seines Erfolgs im Anschluss von Grund auf neu zu schreiben.
Lermontov äußert sich über die Märchen-Adaption sehr verkürzend, als er sie an Julian heranträgt: "The ballet of The Red Shoes is from a fairy tale by Hans Andersen. It is the story of a girl who is devoured by an ambition to attend a dance in a pair of red shoes. She get the shoes, goes to the dance and at first, she's very happy. At the end of the evening, she gets tired and wants to go home. But the red shoes are not tired. In fact the red shoes are never tired. They dance her out into the streets, over the mountains and valleys, through fields and forests, through night and day. Time rushes by. Love rushes by. Life rushes by. But the red shoes... dance on. [...] In the end, she dies." (00:38:10) Den letzten Satz fügt Lermontov ganz beiläufig hinzu, als unwichtiges Füllsel der Geschichte, ihn geht es eigentlich um das ewige Tanzen der Schuhe, das ist der Teil der Handlung, der ihn begeistert.
Dabei handelt es sich natürlich um eine sehr freie Bearbeitung von Andersens Märchen, dem es eher um die Demontage von Eitelkeit geht - bei Andersen ist die junge Frau eitel und geltungssüchtig, sie wird durch das Tanzen ihrer roten Schuhe (ihr liebstes Gut) dafür bestraft, bis sie sich die Füße abschlagen lässt, demütig wird und zu einem gottgefälligen Leben findet.
So gibt der erste Teil des Films die künftige Problemstellung der Geschichte kurz und bündig vor, die erste Aufführung der "roten Schuhe" gerät dann für den Zuschauer sogleich erkennbar zum Kommentar auf das Geschehen des Films - bereits der Umstand, dass der Film den Titel des in ihm inszenierten Balletts trägt, weist auf die Parallelität von Werk und Werk im Werk hin.
In der Aufführung werden dem Zuschauer dann die von Lermontov geschilderten Ereignisse bildgewaltig vorgeführt: eine junge Frau bewundert im Schaufenster eines Schuhmachers ein rotes Schuhpaar, darf es anprobieren und tanzt fortan durch einfallsreiche wunderschöne Kulissen, wobei Powell & Pressburger sich nicht mit den Tricks der Bühne begnügen, sondern exzessiv mit Doppelbelichtungen, Stop Motion, Zeitlupen und - etwas unscheinbarer, aber umso bedeutsamer - Kameraperspektiven und Schnitt arbeiten. Julians früheren Hinweis, er werde mit seiner Musik Victorias Tanz ganz neue Möglichkeiten entlocken ("And when you're lifted into the air by your partner, my music will transform you. [...] A flower... swaying in the wind. A cloud... drifting in the sky. A white bird... flying." (00:56:30)), setzen Powell & Pressburger mit kurzen Überblendungen von Tänzerinnen über Blumen, Wolken und Vögel um - damit bringen sie allerdings gerade nicht die Macht der Musik zum Ausdruck, sondern die Macht der filmischen Mittel, aber die Thematisierung der Kontextualisierung von Künsten zwischen anderen Künsten ist in beiden Fällen gegeben.
Auch brechen sie nicht nur die Grenze zwischen Film und Theater auf (wie auch die zwischen Geschichte und Geschichte in der Geschichte), sondern ebenso die von Zuschauer und Tänzerin: mehrfach sieht man aus ihrer Richtung auf den Zuschauerraum, mehrfach erlebt man als Zuschauer ihre Sinnestäuschungen - einmal tritt Julian aus dem Orchestergraben empor um sich in ihren Tanzpartner zu verwandeln, einmal verwandelt sich der diabolische Schuhmacher, der die roten Schuhe dargeboten hat, in Lermontov und anschließend in Julian.
Diese 15, 20 Minuten sind ein Augenschmaus, der den Ohren ebenso gefällt, wie er den Intellekt anregt. In unterschiedlichsten Nummern toben sich hier die Kulissenkünstler und Tänzer, Powell & Pressburger sowie ihr renommierter Kameramann Jack Cardiff und Cutter Reginald Mills so richtig aus und bebildern gekonnt den schlichten Plot der schönen Frau, die gezwungen ist, sich zum Tode zu tanzen. Dank der Wahrnehmungstäuschungen Victorias - die sicherlich nicht nötig wären, aber nochmal die Bedeutung der Aufführung für die Handlung des Films betonen - wird der Bezug zur Handlung nochmal überdeutlich hervorgekehrt: ihre Liebe zu Julian wird ebenso verdeutlicht, wie die Wahl zwischen ihm und Lermontov, die ihr beide erscheinen, als der Schuhmacher vor ihr steht. Die roten Schuhe des Balletts lassen nur Platz für den Tanz, für die Kunst, und fordern ansonsten ein Leben der Entsagung ("Time rushes by. Love rushes by. Life rushes by."). Victoria wird wählen müssen wie die Figur, die sie im Ballett verkörpert: die Schuhe und damit den Tanz und damit die Kunst, oder das Leben jenseits davon, mit der glücklichen Liebe. Das ist die Erkenntnis, die hier bei ihr und beim Zuschauer anklingt; die im ersten Teil aufgebaute Problemstellung wird hier angesprochen und in der Folge den größten Teil des dritten Teils nach dem kurzen, aber wichtigen Zwischenspiel für sich in Anspruch nehmen.
Denn Lermontov erfährt nach der Premiere von der Liebe zwischen Julian und Victoria - und diese kann er kaum dulden, ist doch die Kunst für ihn eine Frage der strengen Selbstbeherrschung und Disziplin und keinesfalls vereinbar mit Träumerei und Liebelei: "You cannot have it both ways." So entlässt er zunächst Julian, der anderswo als Komponist Arbeit finden wird. Und schließlich muss er auch von Victoria lassen, die sein Angebot, aus ihr die weltgrößte Tänzerin zu machen, ablehnt, um mit Julian gehen zu können. Lermontov bleibt zurück, sitzt angespannt und leidgeplagt - aber wie immer auch souverän - in seinem kalt ausgeleuchteten Zimmer, haut in einem Anfall der Raserei sein Spiegelbild in Scherben, bis er schließlich einwilligt, dass Victoria, die nun Julian nachfolgt und Lermontovs Ensemble verlässt, trotz vertraglicher Bindung in jedem anderen Ensemble tanzen kann. Schließlich holt er die Boronskaja zurück und macht weiter mit seiner Berufung - bloß die "roten Schuhe" mag er nicht mehr geben.
Julian und Victoria leben derweil glücklich in Liebe vereint - auch wenn er mehr Gelegenheiten haben wird, künstlerisch tätig zu werden, als es bei ihr der Fall ist.
Kurz bevor Lermontov sich widerwillig dazu herablässt, ein Schreiben an Victoria zu richten, erfährt er davon, dass sie sich bald während einer Ferienreise in der Nähe befinden wird. Es kommt zum Treffen, bei dem Lermontov Victoria zu der Aussage bewegt, sie würde nicht mehr viel tanzen, während Julian als Komponist an der Oper Erfolge feiert. Sie wisse nicht, ob er bereit sei, das für sie aufzugeben, könne es aber keinesfall von ihm verlangen; dass er es jedoch indirekt von ihr verlangt, darauf weist Lermontov mit einigem Vergnügen ausdauernd hin. So kann er sie dazu überrenden, nochmal die "roten Schuhe" zu tanzen. Doch am Abend der Premiere gibt Julian an, erkrankt zu sein, dirigiert nicht wie geplant seine Oper, sondern reist zu Victoria, um sie mit sich zu nehmen.
Victoria befindet sich in der Zwickmühle: Julian erwartet, dass sie die Vorführung schmeißt und mit ihm geht - nach der Vorführung sei es zu spät - und Lermontov verkündet, dass er sie niemals mehr zu sich holen würde, würde sie nun erneut davongehen. Julians Vorwurf, Lermontov sei bloß eifersüchtig, stimmt dieser mit Einschränkungen zu: "I am... but in a way that you will never understand." (01:59:41) Er will nicht Victoria um der Liebe Willen, er will sie um der Kunst Willen bei sich haben, um mit ihr seinen (und womöglich ihren) künstlerischen Visionen zur Realisierung zu verhelfen. Hin- und hergerissen zwischen den beiden Männern bricht Victoria in Tränen aus, bleibt aber letztlich bei Lermontov. Doch sein Erfolg endet in einer Tragödie: auf dem Weg zur Bühne taumelt und tänzelt Victoria bleich dahin - ihre Füße in den roten Schuhen, die die Kamera nun beinahe durchgängig in Großaufnahmen vorführt, beginnen zu tanzen und zu laufen, lassen Victoria auf die Veranda oberhalb der Bahngleise eilen, wo sie sich vor den ankommenden Zug stürzt, in dem Julian davonfahren wollte. Die Bewegung enstammt den Schuhen, nicht ihrem Kopf, so suggeriert es der Film und fällt mit dieser schicksalhaften Deutung in den Bereich des Phantastischen, dem nicht einfach bloß das Ballet innerhalb des Films zugehört - das verleiht dem Film einem zusätzlichen Reiz, ist doch das Märchenhafte der Binnenerzählung damit nicht bloß ein einfacher Kommentar, sondern zumindest anscheinend auf den gesamten Film übergetreten: irgendetwas sonderbares, so legt man es dem Zuschauer nahe, steckt tatsächlich in diesen unheimlichen roten Schuhen.
Während Julian der Sterbenden auf ihren Wunsch hin die roten Schuhe auszieht (hier wiederholt sich das Ballettstück in der Realität des Films) und ihrem Dahinscheiden beiwohnt, verkündet Lermontov mit bröckelnder Selbstbeherrschung, dass Victoria nie mehr auftreten können wird, man aber dennoch ein letztes Mal die "roten Schuhe" geben will, das Stück, das ihren Ruf begründet hat. Es folgen einige Szenen des Balletts, anstelle von Victoria wandert ein leerer Lichtkegel durch die Bilder (eine der ergreifendsten Leerstellen der Filmgeschichte).
Der Film endet mit Lermontov, der von seinem Platz aus auf die Bühne schaut - im Gegenschnitt bietet der Schuhmacher ihm und dem Zuschauer die roten Schuhe an, dann geht das Filmbild in den Abspann über.
Die wahre Kunst verlangt in "The Red Shoes" Opfer - Lermontov nimmt sie willig auf sich (und für ihn hat daher auch das Ballett von den "roten Schuhen" eher etwas erhabenes, als etwas tragisches an sich, das ihm erst bei der letzten Aufführung - nach Victorias Freitod - nahegeht) und sieht sich trotz der Entsagungen nicht als einen fanatisch Schaffenden, der am Leben vorbeiläuft, nicht als Leidenden (und er leidet auch tatsächlich kaum jemals), sondern als Glücklichen. In einer Szene antwortet er auf den Hinweis, man könne die menschliche Natur nicht verändern, mit dem Hinweis: "No? I think you can do even better than that. You can ignore it." (00:41:03). Ihm fällt das nicht allzuschwer, er ist glücklich damit: sein Begehren richtet sich nicht auf Frauen, die er liebt, sondern auf Frauen, mit denen er sein Ideal verwirklichen kann. Er hat nicht zweierlei Begierden, von denen er überhaupt einer entsagen müsste - deshalb hat Lermontov auch etwas beunruhigend-unmenschliches an sich, trotz allen Charismas, das ihn umgibt.
Für Victoria endet diese Entscheidung tödlich, weil sie zweierlei sich zuwiderlaufende Ziele anstrebt und weder dem einen, noch dem anderen entsagen mag. Sie ist schicksalhaft zum Unglück verdammt; in der Aufführung, der sie alles verdankt und welcher sie selbst erst zu wahrer Größe verholfen hat, war dieser Weg schon vorgezeichnet. Sie hätte für das eine auf das andere verzichten müssen, erst der Tod ist ihr Ausweg.
Man muss nicht Lermontovs Auffassung der Kunst zustimmen, um am Film gefallen zu finden: ob der Zuschauer der Ansicht zustimmt, dass man ein Leben nicht der Kunst und der Liebe gleichermaßen widmen kann, ist völlig unerheblich - für das konkrete Drama des Films reicht der Umstand aus, dass Victoria sich als Tänzerin unter dem strengen Lermontov und seinen Prinzipien befindet.
Der Zuschauer kann darüber hinaus die zugrundeliegende Aussage durchaus vielfältig nach ganz eigenem Verständnis abstrahieren: die Entscheidung zwischen Beziehung und Erfolg etwa ist generell auch außerhalb der Künstlerthematik ein Problem. Auch mag man sich der Figur der Victoria zwischen den zwei Männern mit einer feministischen Lesart annähern und sie als unter männlicher Unterdrückung Leidende auffassen, die von zwei Männern gedrängt wird, ganz grundverschiedene Lebensweisen zu leben, weil beide nicht bereit sind, sie mit dem jeweils anderen zu teilen (auch wenn die Intention Powells & Pressburgers hierin ganz sicher nicht gelegen haben wird). Man muss sich also gar nicht für kunsttheoretische Ansätze über die Rolle von Disziplin, Kontrolle und Beherrschung einerseits und Gefühl andererseits interessieren, um dem Film einiges an Gehalt abzugewinnen.
Gebettet werden das sorgfältig konstruierte Drama und seine Auslegungsmöglichkeiten in die satten Farben, die so typisch sind für Powells & Pressburgers Technicolor-Farbfilme ab Beginn der Nachkriegszeit - nach "The Red Shoes" wird besonders noch "Tales of Hoffmann" (1951), Powells & Pressburgers Verfilmung von Offenbachs Hoffmann-Vertonung, in dieser Hinsicht punkten. In den Ballettszenen ziehen die Beteiligten in der filmgerechten Ballettdarbietung alle Register, wobei Powell & Pressburger das Zusammenspiel der verschiedenen Künste stets besonders betonen. Durchweg gute Darsteller runden das Bild perfekt ab - allen voran muss sicherlich Anton Walbrook in der Rolle des Lermontov gelobt werden: diesen distinguierten Exzentriker und Kunst-Fanatiker gibt er äußerst überzeugend und mit viel Hingabe, was nicht zuletzt auch den intelligenten, pointierten Dialoge zu verdanken ist. Damit überbietet er sogar noch seine Rolle in Powells & Pressburgers "The Life and Death of Colonel Blimp" (1943). Auch Hauptdarstellerin Moira Shearer verdient besondere Erwähnung, steht sie als ausgebildete Ballerina hier doch erstmals für einen Spielfilm vor der Kamera - und steht ihren Kolleg(inn)en in nichts nach.
Handwerklich perfekt, dramaturgisch äußerst geschickt, gehaltvoll und darüber hinaus auch ein Musterbeispiel der Themenfelder Intermedialität und minimalistische Phantastik, ist der Film von auserlesener Qualität. Das wirklich anrührende, traurige Ende, der zurückhaltende Humor und der sorgsam, aber unaufdringlich herausgestellte Spannungsbogen tun ihr übriges.
"The Red Shoes" ist der große Klassiker Powells & Pressburgers, der große Klassiker des Ballettfilms (verehrt von so unterschiedlichen Filmschaffenden wie Gene Kelly, Martin Scorsese, George A. Romero und Guy Maddin) - und für mich einer der besten Filme überhaupt (vielleicht nicht unbedingt in meiner ganz persönlichen Top Ten, aber dicht dran).10/10
1.) Die Zeitangaben beziehen sich auf die dt. epiX-DVD.
2.) Das gibt freilich Powell & Pressburger die Gelegenheit, den ungewöhnlich auffälligen Charakter der Intermedialität ihres Films nochmal direkt zu thematisieren: jedem wird spätestens jetzt klar, dass sie hier diverse Einzelkünste zu einem neuen Kunstwerk vereinigen.