Patrick Deval war ein Mitglied der sogenannten Zanzibar-Gruppe, die in den späten 60ern, finanziell unterstützt von einer reichen Kunstpatronin, mit noch radikaleren Mitteln die Filmwelt und auch die gesellschaftliche Welt umwälzen wollte, als es zehn Jahre zuvor die Nouvelle Vague versuchte. Von vier Filmen, die der junge Mann drehte, gelten heute zwei als verschollen, darunter sein Erstlingswerk ZOE BONNE, 1966 entstanden, und sein letzter Film, ACÉPHALE BIS von 1968, in dem sogar Claude Chabrol eine Rolle übernahm. Erhalten geblieben sind HERÁCLITE L’OBSCUR und ACÈPHALE.
Acephale sind Fabelwesen ohne Kopf, die ihr Gesicht auf dem Brustkorb tragen, und denen man vor allem in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Chroniken und Atlanten oft begegnet. Acéphale ist aber auch der Name einer Geheimgesellschaft und einer Zeitschrift, die Georges Bataille zusammen mit André Masson und Pierre Koslowski im Jahre 1936 gründete. Sowohl die Zeitschrift als auch der Geheimbund sollten ein Gegenentwurf zum Nationalsozialismus sein, unter anderem mit dem erklärten Ziel, Nietzsche zu rehabilitieren und aus dem Bedeutungskontext zu befreien, in den die Nazis ihn steckten. ACÉPHALE schließlich nannte Patrick Deval seinen dritten Film, dessen erstes Bild einen Mann zeigt, der sich rasiert. Die Kamera fährt dabei um den Kopf des Mannes herum, untermalt von den Geräuschen einer elektrischen Säge, und scheint selbst der Rasierapparat zu sein, der die Stoppeln von Wangen, Kinn und Hals entfernt. Nachdem das Bild in einem grellen Weiß versunken ist, das man später noch häufiger zu sehen bekommen wird, blitzt der Titel des Films nur für Sekundenbruchteile auf, so schnell, dass man ihn problemlos übersehen kann. Weder der Name des Regisseurs noch irgendwelche Angaben zum sonstigen Stab werden dem Zuschauer mitgeteilt. Und nicht nur darin hat Devals Werk viel mit Filmen Philippe Garrels zu tun, die etwa zur selben Zeit und im gleichen Umfeld entstanden.
Rein optisch könnte man tatsächlich meinen, ein Werk Garrels vor sich zu haben. Der gesamte Film ist in einem Schwarzweiß gedreht, dessen Schwarz wirklich vollkommen schwarz und dessen Weiß so weiß ist, dass es fast in den Augen wehtut. Lange Kamerafahrten und ruhige Einstellungen wechseln sich ab. Eine Handlung im klassischen Sinne gibt es nicht, stattdessen eine Ansammlung von Symbolen, die mal mehr und meistens weniger leicht zu entschlüsseln sind. Wie beispielsweise Garrels RÉLÉVATEUR ist ACÉPHALE ein Film, der sich vor seinem Publikum verschließt und sich in einen Kokon zurückzieht, den jeder für sich selbst öffnen muss. Über den Inhalt kann ich daher kaum etwas schreiben. Nur in den ersten zwanzig Minuten zieht sich so etwas wie ein roter Faden durch die teilweise atemberaubenden, surrealen Szenen, spätestens dann zerfällt der Film in Einzelszenen, die sicher in irgendeinem Zusammenhang zueinander stehen, den ich jedoch nicht immer habe erkennen können.
Am ehesten ist ACÉPHALE wohl als ein Manifest der Zanzibar-Gruppe selbst zu verstehen. Wo andere Bewegungen ihre Ziele in Traktaten und Protestschriften niederschrieben, wählt Deval naheliegenderweise das Medium Film. Wobei ACÉPHALE jedoch nicht nur von den Wünschen der jungen Filmemacher handelt. In ihm scheint alles zusammenzukommen. Er ist ein Bericht über die gesellschaftlichen Zustände in Frankreich nach dem Mai 1968, er ist eine Studie der Gruppe selbst, er verliert sich in mythologischen Szenen, in Innenansichten einzelner Protagonisten, spricht über Politik, Kunst und Revolution, und das alles in einem Stil, den man erst dechiffrieren muss, um ihn lesen zu können. Im Mittelpunkt der fünfundfünfzig Minuten von ACÉPHALE stehen mehrere junge Leute, die in verschiedenen Szenerien verschiedene Situationen durchleben. Manchmal sitzt man vor einem grellweißen Hintergrund und agiert wie Schauspieler in einem experimentellen Theaterstück. In einer Wohnung erleben wir minutenlang wie sich ein junger Mann das Gesicht wäscht. In einem Waldstück baut sich die Gruppe eine Art Kommune auf, in die jedoch alsbald der Tod einbricht. In U-Bahn-Schächten sehen sie sich als Unterdrückte und Gefangene, doch ihr Ausbruch führt entweder dazu, dass sie an Mauern stoßen, die sie nicht in die Freiheit entlassen, oder dass sie, kaum sind sie aus den Schächten draußen, tot zusammensinken. Ein junger Mann hält eine revolutionäre Rede in einem fast leeren Saal, in dem gelangweilte Kinder, Greise und Frauen sitzen, die ihn entweder nur anstarren oder ihm gar nicht erst zuhören.
Rein filmisch gesehen ist ACÉPHALE voller Szenen, die mir außerordentlich gut gefallen haben. Sämtliches, was sich in den U-Bahn-Schächten und vor allem die Waldszenen abspielt, hat mich ziemlich begeistert, die Waldszenen vor allem wegen der mythischen Stimmung, die sie umgibt und die ein Verweis auf Devals Vorgängerfilm HÉRACLITE L’OBSCUR zu sein scheint, wenn sich ein Mann, der dem Heraklit gar nicht unähnlich sieht, mit wurmartigen Bewegungen aus der Erde schält, um sich danach selbst in ein Spinnennetz an einen Ast zu fesseln. Der Soundtrack schließlich besteht entweder aus Industrielärm oder aus merkwürdigen Lautäußerungen menschlicher oder tierischer Stimmen, die vor allem in den Waldszenen zum Einsatz kommen und mit ihrem Keifen, Kreischen und Knurren wirklich unheimlich klingen.
Nichtsdestotrotz kann ich mir nicht vorstellen, dass ACÉPHALE in seiner ganzen unzugänglichen Pracht mehr als einer Handvoll Leute gefallen könnte.