Eines schönen Morgens des Jahres 1940 ließen die Einwohner des Kleinstädtchens Friar aus unerklärlichen Gründen alles stehen und liegen und wanderten einen langen, unerforschten Pfad entlang, der tief in die Wälder und Berge New Hampshires führte. Die meisten dieser Menschen sah man nie wieder. Der Rest wurde tot geborgen, mit Ausnahme eines Mannes, dessen Gestammel jedoch keinen Sinn ergab. 68 Jahre später. Für ein ambitioniertes Buchprojekt versuchen einige Männer und Frauen, etwas Licht ins Dunkel dieses Mysteriums zu bringen. Mit modernster Ausrüstung macht sich die Gruppe auf den Weg, entlang jenes geheimnisumwitterten Pfades, weit abseits der Zivilisation. Es wird eine Reise ins Verderben.
Jesse Hollands und Andy Mittons Indie-Schocker steht in der Tradition der Horrorthriller der 1970er-Jahre, wo die Figuren im Mittelpunkt standen, auf Effekthascherei weitgehend verzichtet wurde und viel Wert auf eine beunruhigende Grundstimmung gelegt wurde. Ob diese Rückbesinnung auf längst vergangene Zeiten und die damit einhergehende, konsequente Abkehr von zeitgenössischen Sehgewohnheiten bei den Fans gut ankommt, darf bezweifelt werden (die vielen negativen Stimmen sprechen eine deutliche Sprache). YellowBrickRoad beginnt recht harmlos und wenig interessant. Lange Zeit geschieht kaum etwas erwähnenswertes, die Gruppe (vier Männer, vier Frauen, alle nicht unsympathisch, aber auch keine Identifikationsfiguren) spaziert motiviert und gut gelaunt durch den Wald, der beschrittene Weg wird detailliert aufgezeichnet, und ein Mann kümmert sich sogar um die Gesundheit seiner Kameraden und versucht, aufkommende Psychosen aufgrund der ungewohnten Situation rechtzeitig zu erkennen. Doch dann passieren plötzlich seltsame Dinge: das GPS liefert abstruse Daten, und eine altertümliche Musik ist zu hören, die aus dem Nichts zu kommen scheint. Die Stimmung wird aufgrund der aufgezwungenen Beschallung zunehmend gereizter, aber noch gibt es nichts, worüber man sich Sorgen machen müßte. Die nüchterne, unspektakuläre, fast dokumentarische Erzählweise lullt den Zuschauer geschickt ein; beinahe langweilt man sich und beginnt sich zu fragen, wann denn endlich etwas passiert. Die erste Gewalteruption kommt dann völlig unerwartet und verstört ob ihrer sinnlosen, brachialen Brutalität. Und während sowohl die Kameraden als auch der Zuseher noch im Schockzustand dem unbegreiflichen (und brillant gefilmten) Gewaltausbruch hilflos zusehen, ist eines klar: YellowBrickRoad ist ein Film, in dem jederzeit alles passieren kann. Und es passiert auch einiges, manches davon mit einer erschreckenden, unaufgeregten Beiläufigkeit, die kalte Schauer des Grauens verursacht. Kühl und distanziert fängt die Kamera das sich abspulende, unausweichliche Drama ein.
YellowBrickRoad erinnert ein wenig an The Blair Witch Project (vermengt mit einem großzügigen Schuß The Wizard of Oz), obwohl es sich hierbei um keinen Handkamerafilm handelt. Wie bei der Suche nach der Hexe von Blair bleibt auch hier die Bedrohung im Verborgenen, es wird nichts erklärt, und man muß sich als Zuseher vieles selbst zusammenreimen, so man denn dazu bereit ist. Die seltsame, teils schauerliche Atmosphäre wird enorm verstärkt durch die omnipräsente Musik und der enervierenden Soundkulisse, bei der sich manchmal - im positiven Sinne - die Haare sträuben. Der sparsame, gezielte Einsatz von Splattereffekten ist ungemein effektiv, und die Schauspieler (allesamt eher unbekannt) machen ihre Sache durchwegs gut, obwohl es den Figuren leider etwas an Tiefe mangelt.
YellowBrickRoad wurde beim NYC Horror Film Festival 2010 als "Best Feature" ausgezeichnet, und das völlig zu Recht, wie ich meine, denn dieser langsame aber unaufhaltsame Abstieg in den Wahnsinn hat es wahrlich in sich. YellowBrickRoad ist kein Film, der gut "unterhält". Es ist ein Film, der verstört und dessen Echo noch weit nach Ende nachhallt.