Es gibt doch tatsächlich noch reichlich Geheimtipps aus den letzten 20 Jahren, die ich horrortypisch immer als etwas spaßbefreit ansehe, von denen ich noch nichts gehört habe.
Zu einem der individuell-seltsamsten Auswürfe, die mir untergekommen sind, küre ich hiermit „YellowBrickRoad“ von 2010, der mich natürlich schon wegen möglicher Bezüge zu Judy Garland oder Elton John gleich angefixt hatte.
Was ich dann zu sehen bekam, war aber eine höchst bizarre Kiste, die im Wesentlichen eine in Farbe gedrehte Variante von „Blair Witch Project“ mit ein wenig lynchesker Ellipse ist.
Als Klappentext kommt das noch total massenkompatibel daher: 1940 gehen nach diversen Besuchen im „Zauberer von Oz“ die kompletten 600 Bewohner einer Kleinstadt in New Hampshire flöten. Wanderten einfach in die Wälder, massakrierten sich unterwegs gegenseitig und die Hälfte verschwand einfach.
Nun will – in der heutigen Zeit – irgendein Mystery-Autor unter Zeitdruck dazu einen neuen Schmöker verzapfen und hat aus „Blair“ gelernt, denn er versammelt sechs Weggefährten um sich, tütet sich bei Beginn der Wanderung die obligatorische Einheimische dazu und hat mit einem Psychologen, einem geländegängigen Transportgefährt und modernster Ortungstechnik alles am Start, um dem Mysterium auf den Grund gehen zu können.
Allein: kann er dann doch nicht! Weil die Technik incl. Kompass versagt. Weil die Leute psychisch immer angeknackster reagieren, je weiter man ins grüne Nirgendwo zieht. Weil eine aus dem Nichts kommende Musik (jazziger Swing, würde ich sagen) zu einer geisterhaften Dauerbeschallung wird, bis sich die 8 Leutchen nach und nach deftig an die Gurgel gehen.
Klingt das nicht mysteriös und anmacherhaft? Ja, das ist es auch – zeitweise zumindest.
In den besten Momenten des Films, als der Keks langsam dahin bröselt und man nicht weiß, woher die Bedrohung kommt, da packt einen das Werk. Wenn die Geschundenen in eine Zone mit monströsen akustischen Rückkopplungen kommen, dann zermürbt der Film nicht nur seine Figuren, man leidet regelrecht mit. Über all dem schwebt ein Feeling von „inevitable doom“ – man weiß recht schnell, dass das hier nicht gut enden wird.
Dafür bekam der Film vermutlich auch einen Festivalpreis in New York – für den Rest dann eher nicht.
Zum Beispiel für die Darsteller, da ist nichts zu holen. Lassen wir mal die klassisch beschissene C-Klasse-Synchronisation in der deutschen Fassung beiseite, wird der Eindruck leider nicht viel besser. Trotz acht Darstellern kann man sich als Publikum keiner Figur wirklich annähern, alle bleiben seltsam und fremd, distanziert, keine taugt als Sympathiefigur oder „last girl“. Als schließlich ruchbar wird, dass sie sich ohne Rückwegsmöglichkeit bewegen und der Weg das Ziel ist, wird der Film auch noch pseudophilosophisch und alle dürfen merkwürde Satzfetzen und Gedankenbilder assoziieren, was aber als Ansammlung von wirrem Gestammel bald die Geduld strapaziert.
Verantwortlich für diesen Ruin ist das Drehbuch, das unter Mystery-Prämisse verfasst wurde, aber niemals in der Nähe von jemandem war, der die Story dann auch in irgendeiner Weise auf- oder erklären wollte. Die Gruppe bewegt sich ab der Ankunft in der Kleinstadt im Bann der Dinge und man darf sich an den Auswirkungen erfreuen, kann aber die Ursachen leider nicht ermitteln. Woher kommt der Bann? Wer hat ihn ausgelöst? Woher kommt die Musik? Was hat der Haufen totes Holz im Nirgendwo zu bedeuten und wieso taucht eine ermordete Figur als Vogelscheuche wieder auf? Der Gewaltimpuls wird auch nicht ansatzweise zur Zufriedenheit diskutiert und bald ahnt man schon, dass sich Geschichte hier schlicht und ergreifend noch einmal wiederholt.
Bis dahin hat sich die Gruppe aber schon ausgesplittet, einer tot, einer auf der Flucht, einer auf der Flucht nach vorn, dazu eine 2er- und 3er Gruppe, die ihren mentalen Verfall ausgiebig mit sehr viel Gesabbel und toxischen Beeren vor uns ausbreiten dürfen.
Das Sehgefühl weicht zunehmender Entfremdung und dennoch hat die Prämisse immer noch Saft, sonst hätte ich das nicht so bereitwillig bis zum Ende durchgehalten, allerdings wird die Inszenierung leider auf der Schlussgeraden etwas sehr textlastig.
Auch die Effekte sind durch die Soundkulisse der ewig nervenden Musik wirksam und unterstreichen der Minimalismus des Settings. Totalversagen wiederum herrscht aber, sobald jemand hier ein Schneidewerkzeug in die Hand nimmt.
Ich habe ja schon viel gesehen, sogar aus dem Amateursektor, aber so laienhaft getrickste und vor allem inkompetent inszenierte Slash-Einlagen haben ich selten gesehen. Wenn der erste Mord geschieht, der optisch geschickt wie ein delirischer Alptraum, aus der Ferne gesehen, wirkt, beraubt die Unfähigkeit, einen Messerstich richtig zu setzen die Szene jeglicher Glaubwürdigkeit. Offensichtlich wird hier „daneben und vorbei“ gestochen und das anschließende „Abreißen von Gliedmaßen“ (!!!) ist so unglaubwürdig, als hätten da Mittelschüler dran gesessen.
Leider hapert es auch dramatisch, denn da der Film nichts erklären will und die Figuren alle ins Obskure abdriften, bleibt man als Zuschauer isoliert (was aber die Effekte der „Zone“ besser heraus stellt). Relativ antiklimatisch schwenkt der Film im letzten Viertel zwischen den Figuren und Gruppen hin und her, die man dann mehr oder minder „abarbeitet“. Das alles fällt dann aber auch wieder umständlich und textlastig aus, wo eigentlich Tempo und Dramatik gefordert gewesen wären.
Über das „Ende“ kann man natürlich trefflich spekulieren, aber es klärt ebenfalls nichts auf, sondern wirft eigentlich nur noch ein paar Dutzend mehr Rätsel auf.
Und in diesem Zusammenhang weise ich an den Anfang zurück, als unser Autor von einer mysteriösen (Regierungs-?)Autorität Zugang zu den bisher gesperrten Unterlagen erhält. Warum hat man den Trail wieder freigegeben, wieso gerade an diese Gruppe Leute? Wenn doch die Auswirkungen immer noch so intensiv vorhanden sind, ist das alles ein Experiment? Und wie war die Gegend überhaupt abgesperrt (classified)?
So wird daraus ein Film, der mich parallel stark beeindruckt und gleichzeitig tierisch abgenervt hat.
Dass wie gesagt alles nach „Blair Witch in bunt“ schnuppert, ist dabei gar nicht so schlimm, es gibt höchstens den Ton vor und sattelt das Pferd auf dem Weg in den Sonnenuntergang.
Ich kann nur jedem empfehlen, selbst mal diese unzugänglichen Figuren und ihre kryptischen Situationskommentare zu ergründen, während alle langsam aber sicher zur Hölle fahren – leider war dabei die erste Hälfte die bessere (5/10)