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Ein düsteres Haus und obwohl es in einer lichtdurchfluteten Umgebung am Mittelmeer steht, so wirkt es doch eher unheimlich. Die kleine Ana beobachtet das für sie unverständliche Treiben der Erwachsenen, beobachtet dabei ihre Eltern beim Sex, außerdem scheint eines ihrer Familienmitglieder eine Hexe zu sein, der verstorbene und aufgebahrte Großvater wird zu Leben erweckt. All dies verängstigt sie sehr. Ungefähr 10 Jahre später ist sie eine hübsche Teenagerin, die liebend gerne Kontakt mit dem anderen Geschlecht aufnehmen will, doch von ihrer übertrieben fürsorglichen Mutter brüsk daran gehindert wird.

Nochmal mehrere Jahre später kehrt die jetzt erwachsene Ana zurück in das alte, nunmehr verlassene Haus zurück, um den Geheimnissen und den Traumata, die sie von damals davontrug, auf den Grund zu gehen...

Ich muss mal eine Lanze brechen für diesen Film! Ich kann durchaus verstehen, dass dieser Film dem Zuschauer zunächst erst einmal einiges abzuverlangen scheint: es gibt keine wirkliche Handlung, es wird wenig erklärt oder auch nur gesprochen. "Amer" der beiden Belgier Hélène Cattet und Bruno Forzani ist eine Hommage an den Giallo-Film der 70er Jahre. Sie bauen ihn in seine Einzelteile auseinander (die Optik und die Inszenierung bestimmen den Film, nicht die Handlung oder Logik; treibende Musik, Sex, Gewalt, Close-Ups, Irritationen, Angst etc.) und setzen ihn zu einer Neuinterpretation des Genres wieder zusammen. Natürlich erfinden sie das Rad nicht neu, aber ich persönlich fand, dass Hélène Cattet und Bruno Forzani vielmehr völlig verstanden haben, um was es beim Giallo geht und haben daraus einen faszinierenden, spannenden, konsequenten und ungemein sinnlichen Trip gemacht. Im Gegensatz zu Quentin Tarantino, der ja mit seinem Grindhouse-Projekt "Deathproof" dem Exploitationfilm ein Denkmal setzen wollte, ihn jedoch auf eine ganz andere Ebene hob und dadurch zwar einen coolen Film mit herrlichen Dialogen schuf, aber dem eigentlichen Exploitationfilm der 70er so gar nicht wirklich gerecht wurde. Auf "Amer" muss man sich, so glaube ich, einlassen. Wenn man Giallos liebt, sollte man ihn sich zumindest mal anschauen und sich seine Meinung bilden. Ich finde ihn ziemlich grandios und eine sehr spannende und bewegende Erfahrung, ein Meer aus Schnitten, Licht und Originalmusik. Und als dann noch die Titelmusik von Stelvio Cipriano aus "Der Tod trug schwarzes Leder" lief, hatte ich ja Gänsehaut. Das ich diese Musik nochmal im Kino zu Bildern einer Giallo-Hommage so erleben durfte, fand ich schon ziemlich geil.

Nachteil des Films, für mich, war der Mittelteil, der zwar ziemlich sexy war, aber nicht so recht zu den spannungsorientierten Teilen am Anfang und Ende passte. Dennoch sehr lohnend, obwohls ganz sicher ein extremer Film ist, denn entweder man mag ihn oder nicht.

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