Review

Gut erzählte Filme sind selten, Seherlebnisse noch rarer, aber hypnotische Happening, die kommen wirklich nur alle paar Jahre vor. "Amer" von Bruno Fonzani und Helene Cattet ist sicherlich so ein spezial gelagerter Sonderfall und ich warne gleich mal am Anfang sämtliche braven Zuschauer vor, die mit normalen Sehgewohnheiten an das Cover oder den reißerischen Klappentext rangehen, die etwas von visuell packendem Psychothriller oder Giallo-Hommage kreischen. "Amer" ist nichts von alledem.
Er hat nur einen rudimentären und sehr abstrakten Plot.
Diese fragile episodische Montage dient eigentlich nur für eine vage und interpretationsreiche Analysemöglichkeit.
Und letzteres wird noch dazu beeinträchtigt durch die audiovisuelle sensorische Wucht, die der sich selbst genügende Film permanent abgibt.
Ja, "Amer" ist nicht mehr oder weniger als ein Trip.

Natürlich, es ist eine Form der Giallo-Hommage, aber wer die Qualitäten dieses inzwischen untergegangenen, aber nicht in Vergessenheit geratenen Thrillersubgenres aus den 60ern und 70ern zu schätzen gelernt hat, weiß, daß nicht die bisweilen hanebüchenen Plots (meistens psychologisch oder sexuell motivierte und visuell drastisch dargebotene Mordtaten in einer Whodunithandlung) die Qualität ausmachten, sondern die Bilder und Versatzstücke an sich. Die Kamera hatte den größten Anteil am Giallo, die Farbgebung, der Soundtrack, die hypnotische bis nervenzerreibende Musik, die Beleuchtung, der fetischistische Subtext, nachdem sehr häufig der Killer in diesen Filmen schwarze Kleidung aus Lack oder Leder oder zumindest schwarze Handschuhe trug.
Alle diese Elemente wurden fast in jedem Film neu rekapituliert, neu angeordnet, allein das Setting gab den Ausschlag, die Bauten, die Sets, die Hintergründe. Die Bedrohung, die überall lauern konnte; der Täter, der aus subjektiver Kamerasicht seine Opfer verfolgte, das machte die Wirkung wirklich aus.

Und all das steckt in "Amer" - bis auf den Krimiplot.
Anstatt die 167.Variante derselben Krimistruktur zu drehen, hat das Regieduo die Handlung simplifiziert und auf das Spektrum von Motivationen und psychologischen Traumata reduziert, das zumeist in den alten Filmen die lächerliche Täterbegründung abgab. Anstatt diese aber freudianisch der Lächerlichkeit preiszugeben, inszenierten Cattet und Forzani diese als fiebriges, rauschhaften Reigen aus Bildern, Tönen und Blicken. Besonders letztere, denn der Film besteht aus so vielen Nachaufnahmen von Augen, daß das Publikum gar nicht anders kann, als sich in seiner Schaulust selbst gespiegelt zu sehen, um wie die Protagonistin Ana nicht zu wissen, was geschieht oder was als nächstes kommt.

Erzählerisch ist "Amer" ein Triptychon von Erlebnissen aus dem Leben einer Frau, doch obwohl man alle drei Episoden erzählen kann, bleiben sie doch kryptisch in ihrem Gehalt und ihrer Aussage, allerdings beinhalten sie stets eine derart strenge Nähe zum klassischen Giallo, daß der Kenner dieser Thriller sich begeistert einsaugen lassen wird.
Das erste Drittel befaßt sich mit der noch etwa neunjährigen Ana, die auf sich bezogen in ihrem Elternhaus mit einer schwierigen Situation klar kommen muß. Ihre Eltern sind aufgebracht und wütend; der Großvater, jüngst verstorben liegt aufgebahrt im Haus und im Zimmer nebenan lauert eine ächzende, schwarz gekleidete Gestalt, die man zumeist nur ausschnittweise oder aus dem Augenwinkel heraus wahrnehmen kann: vermutlich die Großmutter. Diese Frau/ dieses Wesen gerät scheinbar zur angstvollen Bedrohung, wird in den Augen des Kindes und des Films zu einer Art Hexe. Der Besuch bei dem Toten wird zur beängstigenden Erfahrung; der Tote öffnet die Augen, ein harmloser Diebstahl wird zur Gefahr, die Flucht vor der Angreiferin endet im Schlafzimmer der Eltern, die sich gerade der sexuellen Erfüllung hingeben. In Fluten von rotem und blauen Licht (das dürfte Argento gefallen haben) wird die Szenerie zu einem traumatischen fast lynchesken Alptraum in der Nacht.

Das zweite (und kürzeste) Drittel geht tiefer in die erwachende (und schon gestörte?) Sexualität hinein: eine heranwachsende und sich lasziv gebende Ana, besucht an einem heißen Tag mit ihrer strengen (und mit ihr konkurrierenden?) Mutter in noch unsicherer Unbeholfenheit einen Laden in der entfernten Kleinstadt. Sie flieht die Erwachsenen, doch der sich anbietende Junge mit dem Fußball ist inzwischen zu jung für sie und kann kaum mehr als lässige Herablassung und Spott erwecken. Doch jede Handlung führt sie von der Mutter weg, bis sie schließlich in eine Gruppe von Motorradrockern gerät, vor denen sie angespannt paradiert, bis die elterliche Gewalt sie mittels einer schallenden Ohrfeige aus den sexuellen Wunschträumen reißt.

Das finale Drittel präsentiert sie als junge, die in eben diese Heimatstadt zurückkehrt. Sexuell zwar voll entwickelt, aber unsicher, besteigt man ein Taxi und läßt sich von der schweigsam-bedrohlichen Männlichkeit in das jetzt leere und halb verfallene Elternhaus (einer weitläufigen Villa samt großem Grundstück über dem Meer) fahren. Dort mischen sich nächtens Traum und Wirklichkeit, der Wunsch nach Dominanz und Gewalt drückt, das Zerrbild, kommt nach und nach ans Licht, schließlich dringt der Taxifahrer auf das Gelände und ins Haus ein. Der Phallus kommt als Messer zu seinem Recht, doch die Oberflächen der Dinge, die visuellen Reize des Films, sind stärker. Eine ledern behandschuhte Gestalt wetzt das Rasiermesser, ein Symbol für den Tod oder die Entmannung?

Man spürt es schon bei dem zum Scheitern verurteilten Versuch, den Film narrativ einzufangen, "Amer" ist und bleibt ein weiträumiger Abgrund an Interpretationsmöglichkeiten, an Ansätzen und Fingerzeigen, ohne je etwas erklären oder beweisen zu müssen. Traum und Wirklichkeit sind selten getrennt, verschwimmen meistens, werden durch Kameraführung und Farbgebung zudem verfremdet, ein Gefühl der sensorischen Disorientierung macht sich breit.
Wer durch dieses rauschhafte Panoptikum von Bildern und Tönen und Schwingungen reist, ohne sich den erzählerischen Konventionen zu verpflichten, wird ein gewisses Kribbeln spüren, den Film nacherleben zu können. Dornen, die sich in der Kleidung verharken; der titanisch-abgründige Odem des Bösen, der stets erklingt, wenn die gestohlene Taschenuhr sich öffnet (die verrinnende Zeit als Todessymbol oder das Zischen der Hexe?); die endlos enervierenden knirschende Schritte der Sandalen auf dem kiesigen Grund; Hände, die über die Haut streichen; das erotisierende Knatschen von hautengen Lederhandschuhen; ein Rasiermesser, das über Hautporen kratzt; der flatternde überkurze Saum über dem Po der lolitahaften Ana, der alles andeutet, aber nichts zeigt - das alles sind Momente, Bilder, Tonfolgen, die nicht nur an eine vergangene Filmepoche erinnern, sondern auch die Sinne der Zuschauer anregen und stimulieren, so daß "Amer" kein Film ist, der nachhaltig oder kurzfristig sättigt, sondern schlicht und ergreifend nur existiert, um just in diesem Moment gesehen, erlebt und gefühlt zu werden.

Obwohl fast alles als sexuell bedrohlich oder traumatisch eingestuft werden kann, ergeht sich der Film nie an einer Analyse und noch weniger an einer detaillierten Anamnese, es bleibt bei Momentaufnahmen, die auch Schlüsselerlebnisse sein könnten, wobei der Mittelteil noch am realistischsten wirkt, während der Beginn auch die verzerrte Wahrnehmung eines Kindes abbilden könnte, während der Schluß in eine Vergewaltigungsphantasie mündet, die dann die Frau dominieren oder sterben läßt - die finale Entscheidung bleibt auch hier wieder im Interpretationsspielraum stecken.

Sicher ist, daß die Bilder dieses Films den Zuschauer erschlagen können, jedoch kann der Film nur wirken, wenn man in der Lage ist, sich von den Sehkonventionen (und denen des Erzählens) vollkommen zu lösen und dieses bunte, intensive Schnittinferno aus Nahaufnahmen, flirrenden Settings, idyllischen präzisen Locations und verstörenden Visionen als Rausch zum anderen Ende der Nacht wahrzunehmen.
Das ist zugegeben mehr als schwierig, dazu nähert er sich zu sehr dem Kunst- oder Experimentalfilm an, weist aber noch genügend narrative Rudimente auf, um ein breiteres Publikum zu begeistern, das mehr will als technische Spielereien pur.
So wäre "Amer" der perfekte moderne Film für eine Neuinstallierung der Mitternachtsschiene in den Kinos - ein spezielles Filmerlebnis für ein spezielles Publikum. Funktioniert aber notfalls auch als visuelle Untermalung im nächsten BDSM-Club.
Prachtvoll. (8/10)

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