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Augen in Großaufnahme bis hin zu Details der Iris, ein Blick durchs Schlüsselloch, ineinander verschmelzende Verzerrungen, Licht und Schatten und schließlich die Lederhandschuhe und das Rasiermesser, - die Liebeserklärung an den Giallo wird nach wenigen Einstellungen überdeutlich in den Vordergrund gerückt, doch bei alledem haben die Macher offenbar zu keiner Zeit über inhaltliche Ansätze nachgedacht.

Wir verfolgen drei Episoden aus dem Leben der Protagonistin Ana: Als Kind in ihrem Elternhaus, wo der just verstorbene Großvater scheinbar durch dessen Taschenuhr reanimiert wird, als Teenager mit dem erwachenden Bewusstsein sinnlicher Verführung und als erwachsene Frau, als Ana zum mittlerweile verlassenen Elternhaus zurückkehrt.

Die Komposition, so nennen wir das Werk einmal, kommt insgesamt mit rund zehn gesprochenen Sätzen aus, was im Fall des ersten Kapitels durchaus der Atmosphäre dienlich ist. Der aufgebahrte Opa, die verschleierte Witwe, die etwas zwiespältig erscheinenden Eltern, - das ergibt eine angenehm düstere Mischung, welche phasenweise Lust auf mehr macht, aber bereits zum Ende dieser Episode offen legt, dass alles eine Abfolge ermüdender Stilmittel ist, spätestens als Ana ihre poppenden Eltern entdeckt und die überstrapazierten Farbfilter im hastigen Takt von einer Grundfarbe zur nächsten wechseln.

Das zweite Kapitel ist indes an Inhaltsleere kaum zu unterbieten, denn selten hat ein Gang zum Friseur so lange gedauert. Die Kulisse der französischen Provinz macht zwar Lust auf Urlaub, doch eine sinnliche, des sexuellen Erwachsens förderliche Bildsprache sieht anders aus als schwer atmende Jugendliche im Wettlauf oder eine schmierige Rocker-Gang, an denen Ana in einer Mischung aus Laszivität und Keuschheit vorbei dackelt.

Auf inhaltlicher Ebene nähert sich der Stoff am ehesten im letzten Teil dem Vorbild des Giallos an, als Ana nicht allein in der leeren Villa zu sein scheint und es im Verlauf zu gewalttätigen Szenen kommt. Zwar lässt der Ausgang diesbezüglich einige Deutungen zu, die jedoch im Hinblick auf die einzelnen Kapitel, - Furcht, Flirt, Frust, - ein in sich schlüssiges Bild ergeben.
Jenes Bild hätte insgesamt jedoch weitaus positiver ausfallen können, wenn man den Mittelteil komplett geknickt und den Stoff auf einen etwas längeren Kurzfilm getrimmt hätte.

Mit narrativen Konventionen zu brechen ist ja per se ein richtiger Schritt, um sich von der Masse abzuheben und frischen Wind auf die Leinwand zu bringen, doch in diesem Fall steht mal wieder überdeutlich Style over Substance. Man lässt den Inhalt weitgehend außen vor und versucht die Sinne anzusprechen, was allenfalls mit zwei, drei recht ästhetisch komponierten Szenen gelingt.
Mit Versatzstücken zu spielen und diese gezielt und behutsam ins Geschehen einzubinden wäre willkommen gewesen, jene aber dermaßen überzustrapazieren, dass zumindest die Augen im Verlauf ein wenig leiden, kann kaum Sinn der Sache sein, - da hilft auch der gut gewählte Retro-Score herzlich wenig.

Ergo wird der Streifen die Gemüter spalten und Zuschauer, die mit dem Genre des Giallo oder gar experimentellem Arthouse ohnehin nicht viel anfangen können, eher verärgern als begeistern.
Auf optischer und akustischer Ebene sind zweifelsohne recht gezielte Überlegungen auszumachen und auch die Kamera wirkt bei jeder Einstellung wie zehnmal erprobt und beim elften Mal auf den Punkt gebracht, doch Bildkompositionen mit nur vagem Inhalt erinnern zu sehr an Kunstwerke aus dem Bereich des Suprematismus und da steht man entweder stundenlang davor und ist begeistert oder man sagt sich: Oh, ein paar Rechtecke, - na und?
3,5 von 10

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