Review

Hélène Cattet und Bruno Forzani Film erzeugt ein Gesamtbild, das in zwei Lager spaltet. Zum einen kann auf Filmtechnischer Ebene viel Beeindruckendes gezeigt werden, zum anderen kann dem Zuschauer allerdings auch keine klare Linie vermittelt werden. Wer demnach auf die Vorgehensweise klassischer Werke im Giallostil aus ist, der ist hier vollkommen fehl am Platz. Wer sehen will was man visuell schaffen kann, der kann gut unterhalten werden.

Natürlich geht man in einem surrealistischen Stil vor, aber auch solche Vorgehensweisen können wesentlich mehr vermitteln als Visualität. Für das Paradebeispiel geht man einfach viele Jahrzehnte zurück und landet bei Luis Bunuel. „Un chien andalou“ und „L'âge d'or“ sind aus meiner Sicht Meilensteine für einen anprangernden Surrealismus. Von einem solchen Status ist „Amer“ sehr weit entfernt. „Amer“ ist nicht darauf aus etwas zu vermitteln, das Religion oder Politik in Frage stellt. „Amer“ ist eher ein Lehrfilm für das was man mit Beleuchtung und einer exzellenten Kameraführung erreichen kann. Sieht man „Amer“ als einen Unterhaltungsfilm, so kann das nicht gut gehen, denn gezielt gesagt werden 90% derer, die sich außerhalb eines Randgruppenkinos bewegen, bei „Amer“ in den Tiefschlaf fallen. Sofern diese den Film nicht schon nach 10 Minuten Ansicht beenden.

Was will „Amer“ eigentlich aussagen? Im Prinzip ist das ein großer Schwachpunkt, da keine klare Aussage gefunden werden kann. Natürlich liegt die Offensichtlichkeit darin, dass Ana im Sterben liegt und dass ihr Leben noch einmal als Traum vor ihren Augen abläuft. Der Film ist dazu in drei Parts geteilt und erst der letzte Part zeigt den Weg raus aus dem Traum, rein in die Realität oder befindet sich auch der dritte Part außerhalb der Realität und ist sozusagen der Traum innerhalb eines Traums? Eine Antwort kann nur vom Zuschauer selbst gefunden werden, da sich alles zu einer Auslegungssache entwickelt.

Wie bereits oben angesprochen, zeigt sich „Amer“ eher als ein Lehrfilm für Filmemacher, als eine Giallo-Hommage. Das Hélène Cattet und Bruno Forzani durchaus von italienischen Filmen beeinflusst sind kann man jederzeit erkennen. Farben werden im ersten Part so eingesetzt wie man es aus Argentos „Suspiria“ kennt und der zweite Part lässt in seiner vorwiegenden Helligkeit an Argentos Außenaufnahmen (der Rückblick, rote Schuhe) innerhalb „Tenebre“ denken. Erneut zur Warung! hier ist einzig die technische Seite angesprochen, mit den Genannten hat „Amer“ ansonsten Nichts gemeinsam.

Was weiterhin auffällt ist, dass sehr viele Nahaufnahmen eingesetzt werden. Eine Maßnahme die z.B. auch Polanski in „Ekel“ anwendete, nur mit dem kleinen Unterschied, dass Polanski wirklich ein Gefühl des Ekels vermitteln konnte. Bei „Amer“ sind solche Mittel einzig zur visuellen Stärkung vorgesehen.

Fazit: Viele visuell starke Bilder schlagen auf das Zentrum der Wahrnehmung. Deren Opulenz ist allerdings so dermaßen übertrieben, dass man den Weg der Mitte und zum eigentlichen Überblick verliert. Technisch sehr schön anzusehen, aber ob das allein ausreichend ist? wage ich eher zu bezweifeln. Eine Bewertung ist kaum möglich, da der Film entweder als Kunst oder als ein völlig entarteter Langeweiler gesehen werden kann und somit eine Spanne zwischen einem und zehn Punkten eröffnet.

Details
Ähnliche Filme