Dass AMER in der ofdb derzeit gerade mal einen Durchschnitt von 6,04 Punkten hat, deutlich unterhalb von anspruchslosem Mainstream-Output der Marke DIE TRIBUTE VON PANEM, dem letzten INDIANA JONES oder Peter Jacksons HOBBIT-Mumpitz, das ist nicht nur traurig, das ist geradezu skandalös. Zu vermuten ist, dass viele Rezipienten das narrative Element vermisst haben. Aber wenn man primär eine Geschichte erzählt bekommen möchte, am besten noch linear-chronologisch, dann kann man auch ein Buch lesen. Denn was macht denn das Spezifische des Mediums Film aus? Sicher nicht die Narration, noch nicht einmal die Schauspielerleistungen (da fordert das Theater weit mehr), sondern die audiovisuellen Aspekte und die Inszenierung. Und gerade hier ist AMER sensationell. Erzählt (doch, auch hier wird "erzählt") wird die Geschichte von Ana, anhand von drei Passagen aus ihrem Leben.
I.
Der Großvater ist gerade gestorben. Vater und Mutter vergnügen sich beim Sex. Großmutter schleicht einer schwarz gewandeten Hexe gleich durch die Zimmer und Flure des herrschaftlichen Hauses, setzt in der jungen Ana allerhand Phantasien frei, die sich alsbald mit der Realität vermengen - wenn es in diesem Film überhaupt eine gibt -. Close-ups von Augen, die durch Schlitze, Lücken, Schlüssellöcher stieren. Ein Toter, der plötzlich die Augen aufreißt. Dazu eine selektiv übersteigerte Tonspur. Unheimlicher/bedrohlicher kann man dieses Setting bzw. Anas labile Stimmungslage gar nicht inszenieren. Wie banal und harmlos wirkt dagegen die x-te Splatter-Schlachtplatte.
II.
Ana ist ein Teenager. Sie besucht mit ihrer Mutter den Friseur in der Stadt. Auf einmal ist die Atmosphäre unglaublich erotisch aufgeladen, der Schauer ist verschwunden. Wenn die beiden Frauen nebeneinander langsam ihrem Ziel entgegen laufen, Ana eine Haarsträhne in ihrem Mundwinkel leckt, versprüht das mehr Sinnlichkeit als wenn sich Megan Fox auszieht. Oder noch schlimmer: Miley Cyrus.
III.
Ana ist eine erwachsene Frau und kehrt in das Haus ihrer Kindheit zurück. Der Schauer aus Teil I und die Erotik aus Teil II vermischen sich. Ana sitzt auf dem Rücksitz des Taxis, das sie zu dem Anwesen bringen soll. Der Fahrtwind spielt mit ihrem Kleid, beginnt es zu zerreißen. Eine von vielen Szenen, die einen sprachlos machen. In dem Haus angekommen, dauert es nicht lange bis Anas Geist die "Realität" wieder zu ergänzen beginnt. Und diesmal wird es nicht glimpflich enden ...
AMER ist der beste Giallo, der je gedreht wurde.
Der Film nimmt die Strukturen dieses beliebten Genres der 70er/80er auf, stellt durch alleinige Reduktion darauf eine Meta-Ebene her, gerät dabei fast zum Experimentalfilm. Die Inszenierung ist immens stimmig, selbst Argento ist diese Kunst noch nicht einmal in seinen gefeierten Hauptwerken gelungen. Kino für alle Sinne, das nicht mit platten Erklärungen langweilt, sondern die Phantasie des Betrachters herausfordert. Das hat wohl einige überfordert. Perfekt. 12 von 10 Punkten.
AMER ist einer der besten Filme, die je gedreht wurden.