Review

Wow, ich habe nicht erwartet hier etwas neues zu entdecken. Ich wusste das ich mich auf einen psychedelischen, vom italienischen Giallo beeinflussten, Experimentalfilm einlasse, habe aber Waffen und Wege eines Regisseur-Duos(!) gesehen welche für mich Neuland sind.

Im Vorfeld laß ich hagelnd positive Kritiken. L.A. Times, New York Times, ja sogar Regisseurlegende Quentin Tarantino bezeichnet den Film als "einer der Besten des Erscheinungsjahres".

Zum Film:
Man kann AMER - DIE DUNKLE SEITE DEINER TRÄUME quasi in drei Kapitel zerlegen. Es dreht sich um das Leben der jungen Ana und im ersten Drittel schleicht sie als kleines Mädchen in dem elterlichen schlossähnlichen Gebäude herum, in welchem unter anderen die Leiche ihres toten Großvaters aufgebahrten ist. Ich gehe davon aus, dass es die nun ehemalige Pflegerin des Opas ist, welche nun verschleiert unverständliche Dinge im Haus tut und Ana damit Schrecken auf Schrecken einjagt.
Im zweiten Drittel ist sie eine heranreifende Teenagerin, welche ihre Sexualität entdeckt und das Interesse der Männer wahrnimmt.
Womit sie im letzten Kapitel eine gestandene Frau zu sein scheint, welche zum Elternhaus zurückkehrt, um nun ganz in giallomanier von einen Killer mit Handschuhen und Rasiermesser gejagt zu werden.

AMER kommt sehr dialogarm daher, was aber rein gar nichts macht da hier mithilfe von Schnitt, Farben und Score Taten, Gefühle und Atmosphäre erzeugt werden. Das Ganze ist wirklich sehr eindrucksvoll und fesselnd. Wie es der Zufall so will, sehe ich in der ganzen Kunst natürlich Paten und Einflüsse. So erinnern mich Schnitt und Kameraarbeit manchmal etwas an David Lynch's ersten Kurzfilme oder an den Meister aus Tschechien Jan Svankmajer. Kulisse, Farben und Ausstattung kann man nicht abstreiten, dass hier vor allem Dario Argento Pate stand und Parallelen zu SUSPIRIA undausweichlich sind. Diese Mischung macht AMER durchaus interessant, jedoch beschehrt dieses Filmdebüt mir lange kein Meisterwerk oder kommt auch nur in die Nähe dessen.

Denn leider ist die halbe Miete nicht alles. Wo im ersten Drittel der Gruselfaktor noch gekonnt stimmt, nimmt der im Laufe immer mehr ab und nimmt dem Film damit eine wichtige Zutat. AMER wirkt plötzlich zäh wie Kaugummi, nachdem der anfängliche Überraschungseffekt abklingt. Man findet zwar den Roten Faden, hat aber plötzlich gefühlt einen Riss darin und verirrt sich in den psychedilischen, traumähnlichen Labyrinth der Farben und Eindrücke. Es wird schwer am Ball zu bleiben und das ist bei einer Filmlänge von 91 Minuten natürlich kein Vorteil.

Da es sich hier um ein Debüt handelt und das Grundrezept einige herrliche Leckereien aufweist, kann ich mir durchaus vorstellen, dass mich hier noch einiges erwartet, sollte es bei der Zusammenarbeit des Duos bleiben. Vor AMER schuffen Héléne Cattet und Bruno Forzani schon eine handvoll Kurzfilme, welche die ersten Gehversuche des Stils beweisen.
Sollte jetzt noch eine ordentliche Storyline und etwas Gefühl im Timing dazukommen, garantiere ich hier fast noch ein kommendes Meisterwerk.
Leider ist es bei AMER noch nicht zum großen Schuss gekommen, dafür überwiegen noch die störenden Elemente, aber abwarten...

Fazit:
Moderner Mainstream sieht definitiv anders aus. Argento-, Giallo- und Experimentalkino-Fans sollten hier auf jedenfall mal einen Blick riskieren und kommende Bomben ausfindig machen zu können. Interessant sind die Ansätze allemale.

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