Der Titel deutet es an; mit diesem Film leistet der WDR seinen filmischen Beitrag zur Debatte rund um Jugendgewalt, die nach dem tragischen Vorfall rund um Dominik Brunner erneut aufgeflammt ist.
Anhand des von Götz George verkörperten Antiquars Peter Jordan, der Zeuge einer Gewalttat wird, die ausgerechnet von dem Freund der jungen Jessica, die in seinem Geschäft ihre Schulprojektwoche absolviert, begangen wird, möchte der Film den großen gesellschaftlichen Zusammenhang herausarbeiten.
Was ihm zunächst auch ganz gut gelingt; denn obwohl Georges Figur ein zurückgezogener Einzelgänger ist, der hinter vergitterten Fenstern in einem Problemviertel vor sich hinlebt, wird durch seine dem Vorfall folgende Meldung bei der Polizei auch recht bald sein Umfeld mit in die Ereignisse hineingezogen. Zwischenmenschlicher Spielraum mit viel Konfliktpotential ist gegeben. Da wäre neben der permanent demotivierten und aus zerrütteten Verhältnissen stammenden Jessica seine mit ihrem Kind in die Vororte geflüchtete Tochter, die wenig Verständnis für den moralisch gefärbten Starrsinn ihres Vaters aufbringt, sowie die alten Freunde aus gemeinsamen 68er Tagen, die es begrüßen, dass auch heutzutage noch jemand für seine Überzeugung einsteht. Wie sehr, muss sich schließlich zeigen, als der ältere Bruder des Gewalttäters den Antiquar zu bedrohen beginnt…
Leider werden mit Voranschreiten der Handlung diese Konstellationen analog zum wachsenden Druck, der auf Jordan lastet, mehr und mehr unglaubwürdig. Anfangs noch interessante Ansätze werden zunehmend dramatischen, höchst schludrig herbeigeschriebenen Szenen geopfert, bis, ja, bis der Götz zur Waffe greift und das vermeintlich noble Anliegen des Films in einer Selbstjustiz-Fürsprache mündet. Überlastete Polizei, Migrationshintergrundsverbrecher, die als einzige Ausrede immer wieder ihre Kriegsvita anführen, sowie die bittere Erkenntnis, dass man sich nicht einfach alles gefallen lassen darf, machen den Bücherwurm zum Mini-Bronson. Ob als Zündstoff-Element einkalkuliert oder nicht: Es ist eine bedauerliche Entwicklung, die der Film da durchmacht.
Da ist es dann umso fataler, dass er mehr als überzeugend gespielt ist und über die volle Laufzeit einen konstanten Spannungsbogen schafft, anhand dessen sich im Verlauf der Ereignisse zu verlieren leicht fällt, von der Identifikationsmöglichkeit ganz zu schweigen. Zumal eine wie auch immer geartete filmische Überhöhung dabei nicht stattfindet, alles wird TV-Drama-gemäß möglichst realistisch dargestellt. Von gelegentlichen Ausbrüchen mal abgesehen.
Wie in der Szene, in der Jordan der zynischen Jessica eine Passage aus „Romeo und Julia“ im Gangsta-Style vorrappt, und sie somit doch noch dazu animieren kann, Lesen zu lernen. Prüfstein für den Zuschauer: Wer so viel gutmenschelnd-bildungsbürgerliches Wunschdenken abnickt, während der Film parallel den Griff seines Protagonisten zur Handfeuerwaffe als unabdingbar legitimiert, der ist nach undifferenziertem Krawall á la „Taken“ und „Death Sentence“ wahrlich bereit für den gehaltvollen öffentlich-rechtlichen Selbstjustizaufguss.