Dave Lizewski (Aaron Johnson) ist der klassische Loser, wie man ihn aus unzähligen Filmen zu kennen glaubt - Brille und wilder Lockenkopf, uncoole Kleidung, Hauptinteresse Comics und Computer, ständig feuchte Träume, aber null Chancen bei den Frauen. Dafür aber mit zwei Kumpels, Todd (Evan Peters) und Marty (Clarke Duke), gesegnet, auf die eine ähnliche Beschreibung zuträfe. Nicht überraschend, dass sie den täglichen Gefahren ins Auge sehen müssen - Mädchen, die über die peinlichen Typen lachen, coole Jungs, die auch mal einen Basketball in ihrem Essen landen lassen, und nicht zuletzt Kleinganoven, die ihnen in regelmässigen Abständen Handys und Bargeld abnehmen ("Pussy-Kontrolle").
Sonst nur theoretisch stark, nimmt sich Dave eines Tages Comicheld Peter Parker zum Vorbild, fängt an zu trainieren und bestellt sich ein Kostüm - "Kick-Ass" ist geboren. Das grüne Trikot sieht nicht nur lächerlich aus, auch Dave wird dadurch nicht gleich zu Superman, weshalb er sich mit Heldentaten eher zurückhält. Bis er eines Tages sieht, wie die zwei Typen, die ihn und seine Freunde schon mehrfach beraubten, versuchen, ein Auto aufzubrechen. Einen kurzen Moment überlegt er noch, aber dann stürzt er sich selbstbewusst auf die Kerle und verpasst dem ersten gleich ein Ding...
Was wie eine typische High-School-Komödie begann und in leichte Absurditäten abdriftete, landet plötzlich in der Realität - Dave hat natürlich keine Chance gegen die Schläger, wird brutal zusammengeschlagen und landet mit einem Messer im Bauch im Krankenhaus. Um sich peinliche Nachfragen zu ersparen, bittet er noch die Sanitäter ihm das Kostüm auszuziehen, weshalb er im offiziellen Bericht nackt aufgefunden wurde. Das hat wiederum zur Folge, dass sich ganz andere Gerüchte über ihn verbreiten, mit dem positiven Nebeneffekt, dass sich plötzlich die hübsche Katie (Lyndsy Fonseca) für Dave interessiert, denn sie hat ein Faible für schwule Jungs. Und schon ist "Kick-Ass" wieder zurück in der High-School-Komödie.
"Kick-Ass" konfrontiert vertraute Genre-Klischees so mit der Realität, dass selbst bekannte Szenarien teils verstörende Aspekte erhalten, die dem äußerlich comichaften Geschehen eine ungewöhnliche Tiefe geben. Sehr genau beobachtet bei den anderen Protagonisten - vor allem "Big Daddy" (Nicolas Cage) und "Hit-Girl" (Chloe Moretz). Bei ihnen handelt es sich um den Gegenentwurf zu Dave/Kick-Ass, denn sie verfügen nicht nur über ein Kostüm, sondern auch über überlegene Fähigkeiten. Im ersten Moment erinnern ihre eiskalten Aufräumarbeiten unter Verbrechern an klassische Comics wie "Bat-Man" (dem "Big Daddy" nicht zufällig ähnlich sieht), aber ihre Art der rigorosen Abschlachtung der Gangster ist eine Spur rücksichtsloser und unbarmherziger und verfügt nicht über den klassischen Edelmut.
Auch wenn "Hit-Girl" als elfjährige Superkillerin scheinbar im Mittelpunkt steht, ist es vor allem Nicolas Cage, dem hier eine großartige Studie eines äußerlich biederen Mannes und liebevollen Vaters gelingt, dessen Herz erst lacht, wenn seine Tochter mit Messern statt mit Puppen spielt. Seine Intention ist nicht die Befreiung der Gesellschaft von Verbrechern, wie es im Kapitel 1 für Superhelden steht, sondern nur persönliche Rache. Damit demaskiert der Film zunehmend diese Figur, singt trotz effektvoll inszenierter Tötungsorgien keinen Moment das hohe Lied der Selbstjustiz, sondern verbindet die unglaubliche Leistung der kleinen Kämpferin mit einer tiefen Tragik. Um im nächsten Moment wieder den Dreh von einer bösen Satire zu einer fröhlichen Teenager-Komödie hinzubekommen.
Dieses Spiel mit Erwartungshaltungen zeigt sich besonders in der Besetzung von Christopher Mintz-Plasse, der mit seinem Kindergesicht scheinbar wieder den harmlosen Trottel geben darf. Als Chris, einem Sohn reicher Eltern, ist er sehr einsam und immer in Begleitung eines Leibwächters. Als Dave ihn deshalb einmal anzusprechen versucht, weil er in ihm einen Gleichgesinnten vermutet, wird dessen positive Reaktion sofort von dem Leibwächter unterbunden - der Junge wirkt wie ein Opfer seiner Situation. Doch Chris ist der Sohn des hiesigen Gangsterbosses (Mark Strong), der den Drogenmarkt in New York kontrolliert, und obwohl Mintz-Plasse in seiner Sprache und seinen linkischen Bewegungen immer seinem Klischee treu bleibt, entwickelt er im Film eine ganz andere charakterliche Seite.
"Kick-Ass" verbindet virtuos Comic-Szenarien, satirische und komödiantische Elemente mit einer realistischen Dramatik, so das ein aussergewöhnliches Konglomerat entsteht, dass keinen Moment das übliche Zurücklehnen im Anblick der Ballerorgien erlaubt. Der Film übertritt dabei regelmässig die Linie, die für Helden in typischen Actionfilme gilt, lässt seine Protagonisten nicht nur Schmerzen und Verletzungen erleiden, sondern jeden von ihnen in einer hoffnungslosen Situation zurück, die nicht immer mit einer gezielten Kugel gelöst werden kann.
Letztlich findet "Kick-Ass" immer zu einem komödiantischen Grundton zurück und bleibt von hohem Unterhaltungswert, der zudem mit einer Vielzahl von Anspielungen aufwarten kann (großartig auch die Filmmusik, darunter "This town ain't big enough..." von den Sparks), aber in den Spaß mischt sich auch immer Irritation und Unwohlsein - die Realität holt auch Helden ein und wirklich lustig ist es nicht, wenn eine Elfjährige unzählige Menschen tötet (9/10).