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Seit etwas mehr als einer Dekade boomt der Superheldenfilm und brachte Parodien, reflexive Werke und das Genre erweiternde Produktionen hervor. Nun kommt also „Kick-Ass“ und will also in alle drei dieser Kerben hauen.
Im Voice Over führt Dave Lizewski (Aaron Johnson) in sein Loserleben ein: Comicfan, von pubertären Hormonen geplagt, unsichtbar für Mädels und klassisches Opfer – bei einem wiederholten Überfall in einer Seitenstraße rücken er und sein Kumpel direkt Handy und Wertsachen raus. Man kann schon an Peter Parker denken und ganz so fern ist der Gedanke auch für Dave nicht: Im Voice Over stellt er die Frage nach dem Realitätsbezug von Comics und warum noch nie jemand versucht hat ein Superheld zu sein, was bereits im Prolog großartig karikiert wird.
Doch irgendwann will Dave die Ungerechtigkeit in der Welt nicht mehr hinnehmen, bestellt sich ein Kostüm und will auf Verbrecherjagd gehen. Der Lohn: Zwei Autodiebe rammen ihm ein Messer in den Bauch, er wird von einem Auto angefahren und hat anschließend defekte Nervenenden, was ihn schmerzunempfindlich macht. Bitterböse rechnet „Kick-Ass“ mit dem Klischee der Helden ab, die einfach auf die Straße gehen müssen und dann geht schon alles gut: Beim nächsten Einsatz kann Dave nur aufgrund seiner Verletzung gehörig einstecken, wird aber aufgemischt und überzeugt eher durch seinen Willen nicht aufzugeben als durch einen echten Sieg. Aber vielleicht ist es ja genau das, was einen realen Helden von einem fiktionalen unterscheidet.

Wirkliche effektive, kostümierte Verbrechensbekämpfer sind dagegen Damon Macready (Nicolas Cage) alias Big Daddy und seine Tochter Mindy (Chloe Moretz) alias Hit-Girl. Sie haben dem Gangsterboss Frank D’Amico (Mark Strong) den Kampf angesagt und hier zeigt auf, dass die Grenze zwischen Held und Fiesling fließend sein kann: Das Vigilantenduo handelt nicht fürs Allgemeinwohl, sondern aus Rache, klaut Drogen, Geld und Drogengeld bei seinen Einsätzen zur Finanzierung seiner Aktivitäten und ist kaum weniger sadistisch als der Frank und seine Mannen.
Durch ein youtube-Video erlangt Dave alias Kick-Ass, wie er sich nennt, lokale Berühmtheit. Leider denken Franks Schergen, er wäre es, der ihre Aktionen sabotiert. Bald bläst man zur Jagd auf Superhelden allgemein und Kick-Ass speziell…

„Kick-Ass“ ist eine wirklich bitterböse Angelegenheit, ein wahrhaft schwarzhumoriger Film, der nichts für Zartbesaitete ist: Da werden Widerlinge schon mal in der Schrottpresse entsorgt, was die gerade mal 11 Jahre alte Hit-Girl mit einem abschätzigen Spruch kommentiert, die Leute sterben wie die Fliegen und Hit-Girl haut sowieso einen Oneliner nach dem anderen heraus, den man sonst eher aus dem Mund von Leuten wie Charles Bronson, Sylvester Stallone oder Steven Seagal erwartet. Doch das Timing stimmt, der makabere Humor bereitet immer wieder Vergnügen und steigert sich genüsslich ins Absurde, gerade wenn Hit-Girl wie ein Flummi durch die Gegend springt und dabei schlägt, sticht und schlitzt als ob es kein Morgen gäbe.
Man sollte freilich keinen Actionoverkill erwarten, doch in den Kampfszenen und Schießereien darf man sich über absurde Gefechte irgendwo zwischen „Matrix“, „Shoot ’Em Up“ und „Kill Bill“ freuen, die nicht nur toll choreographiert und stylisch in Szene gesetzt daherkommen, sondern in ihrer wunderbar absurden Art zum Ton des Filmes passen. Die Egoshooter-Einsprengsel bei einem Gefecht wirken etwas gewollt, ansonsten sind die Actionszenen jedoch großes Tennis.

Doch bei all dem Spaß vergisst „Kick-Ass“ auch die ernsten, reflexiven Seiten nicht: Die Figuren sind trotz aller Überzeichnungen Menschen mit Problemen und kurz vor dem Showdown gibt es eine wirklich berührende Szene, in der selbst die sonst so abgeklärte Hit-Girl mal Nerven zeigen darf. Hit-Girl alias Mindy ist sowieso eine interessante Figur: Zum einen schlachtet sie lächelnd Drogendealer und Mafiosi ab, ist aber in den Szenen mit Daddy beinahe schon ein normales kleines Mädchen, das mit Papa gemeinsam Kakao trinkt und was mit ihm unternehmen möchte – selbst wenn es dabei um Knarren und Kriminelle geht. Vor allem aber geht es um Dave und seine Probleme, die einfühlsam wie in einem Teenagerdrama der ernsten Art behandelt werden.
Mit Dave steht sowieso der Comicheld auf dem Prüfstand: Kick-Ass’ youtube-Auftritt bleibt beinahe sein einziger Beitrag zur Verbrechensbekämpfung, doch gerade dadurch wird er berühmter als viel heldenhaftere Gestalten. Zugleich fällt er naiv auf Tricks rein, muss immer wieder gerettet werden und am Ende erkennen, dass er auch ohne Superkräfte Verantwortung trägt – der Wahlspruch „With no power comes no responsibility“ stimmt eben doch nicht. Gleichzeitig darf man sich über geschickt eingebaute Anspielungen und Witze freuen, vom Batman-mäßigen Kostüm Big Daddys über den Einsatz des „Für ein paar Dollar mehr“-Themes bis hin zu den obligatorischen Diskussionen über Figuren der Populärkultur. Ein kleines (inszenatorisches) Highlight ist zudem die Comicsequenz, welche die Vergangenheit der Macreadys aufrollt.

Ein paar Schönheitsfehler hat „Kick-Ass“ aber doch, vor allem das die Subplots angeht. Da wäre zum einen die bereits etwas abgestandene Nerd-kriegt-Schulschönheit-Story, die darunter leidet, dass Daves Angebetete, Katie Deauxma (Lyndsy Fonseca), zwar bildschön ist, aber man so gut wie nix über sie erfährt. Zudem wird fast schon dreist Raum für eine Fortsetzung geschaffen, was dann doch arg mit dem Holzhammer kommt.
Zudem ist Aaron Johnson ein irgendwie beliebiger Schauspieler, der mit seiner Darbietung keine besonderen Akzente setzt, zwar solide bleibt, aber doch stets ersetzbar wirkt. Evan Peters und Clark Duke spielen ihre Sidekickrollen aus „Never Back Down“ bzw. „Sex Drive“ erneut charmant, Charme besitzt auch Lyndsy Fonseca, nur eben keine tolle Rolle. Christopher Mintz-Plasse gibt mal wieder den Nerd, aber das mit Schmackes, doch es sind drei andere, die Gold wert sind: Zum einen Nicolas Cage als herrlich neurotischer Familienvater mit extrem dunkler Seite, zum anderen Mark Strong als kaltschnäuziger und kaltherziger Gangsterboss. Übertroffen werden sie nur von Chloe Moretz, die in Hit-Girl so viele Facetten vereint und eine jede davon glaubwürdig spielt.

Ein ähnlich reflexiver Superheldenfilm wie „Watchmen“, weniger episch, dafür parodistischer angelegt und mit schwarzem Humor und Zitaten gefüllt. Bei den Subplots hakt es hier und da, doch die grandiose Inszenierung, der Witz und die intelligenten Thematisierungen des Genres machen dieses Manko klar wett.

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