Review

In diesem großartig photographierten und geschnittenen Film hat man bisweilen das Gefühl, ein Comicheft zu betrachten. So beispielsweise, als der an einen Stuhl gefesselte Protag im Scheinwerferlicht von mehreren Thugs verprügelt und gefoltert wird. Ein extrem schnelles Schnitt-Staccato, dass die Schläge und Gesichtsverzerrungen fast wie eine Reihe von Einzelbildern erscheinen lässt. Fast als würde man mit dem Auge schnell über die Bilder eines Comichefts gleiten, oder besser noch: als würde man ein Daumenkino sehen.

In der übernächsten Szene wird gestalterisch noch eins drauf gelegt: Zur Befreiung des Protags stellt Hit Girl den Strom ab und bewegt sich mithilfe eines Blitzlichts durch die Lagerhalle, was die Thugs desorientiert. Wegen des stroboskopierenden Blitzlichtes sehen wir eine schnelle Abfolge von schwarzer Leinwand und krass heller, gar blendender Einzelbilder, während die Thugs gekillt werden. Nicht nur erweckt das den Anschein der Statik eines Comicheftes. Vor allem arbeitet der Film hier geschickt mit Auslassungen und lässt den Zuschauer glauben, mehr zu sehen als eigentlich gezeigt wird und animiert ihn dazu, Fehlendes einfach im Kopf zu ergänzen.

So wird die brutale Lagerhaus-Befreiungsszene zur besten Action-Szene, die in letzter Zeit irgendwo zu sehen war. Mit reduzierten Mitteln und offensichtlich wenig Budget wurde hier etwas Eindringliches geschaffen, das Michael Bay, Donald Emmerich & Co. trotz der exorbitanten Bugdets ihrer Spektakel-Blockbuster niemals hinkriegen würden. Damit rückt "Kick-Ass" angenehm die Verhältnisse gerade: Weniger ist manchmal mehr; es kommt auf Talent und Kreativität an.

Blöd ist allerdings, dass "Kick-Ass" eben das nicht durchgängig einhalten kann. So gibt es einige Szenen, in denen zu viel fürs geringe Budget gewollt wurde. Beispielsweise der Abschuss per Bazooka und die anschließende Explosition am Hochhaus sehen kacke aus. Im Gegensatz zur oben erwähnten Lagerhausszene verließ die Macher hier völlig der Ideen- und Erfindungsreichtum, mit limitierten finanziellen Mittel atemberaubende Bilderwelten zu erschaffen. Insgesamt gesehen also ein leicht unrunder Film, in dem sich brillante Szenen mit prätentiösen "Ich wäre gerne ein großer Blockbuster"-Sequenzen ablösen.

Solche kleineren Ecken und Kanten sollte man aber nicht überbewerten. Schließlich ist "Kick-Ass" im Großen und Ganzen sehr gut inszeniert. Er überzeugt immer wieder durch beachtliche Bildfolgen, gute Farb- und Set-Gestaltung und vor allem durch präzises Timing und eine Handlungs-Struktur, die trotz kleinerer Holprigkeiten sehr flüssig, abwechslungsreich und daher kurzweilig ist.

Auf inhaltlicher Ebene wird viel mit Konventionen und Klischees gespielt. Das nimmt teilweise groteske Züge an: In der ersten Hälfte werden einerseits gängige Superhelden-Klischees geschickt vermieden, teilweise auch karikiert (unter anderem in dem sich ein kraftloser und untalentierter Teenage-Nerd selbst zum Helden stilisiert, was freilich darin resultiert, dass er dauernd auf die Fresse kriegt und erkennen muss, dass seine Hormon-gesteuerten Phantasien nur schwerlich mit der Realität in Einklang zu bringen sind). Auf der anderen Seite jedoch geniert sich "Kick-Ass" nicht, mit abgestandenen Konventionen des Highschool- und Teenager-Films zu arbeiten und ein maues Klischee ans andere zu reihen.

In der zweiten Hälfte des Films werden dann sogar die gelungenen Comic- und Superhelden-Satiren über Board geworfen und eine für Comic-Verfilmungen prototypische Rache-Geschichte dargeboten.

Einigermaßen unterhaltsam ist das alles dennoch. Neben der schon erwähnten flotten Inszenierung spielen hier besonders die lustigen Dialoge eine Rolle sowie der Umstand, dass (seis verbal oder visuell) munter aus anderen bekannten Comic-Verfilmungen zitiert wird ...und zwar kritisch bzw. satirisch, weil die Zitate hinterfragt werden (beispielsweise beim pathetischen "with great power comes great responsibility" aus Spider-Man).

Besonders jedoch weiß der Umgang mit Gewalt und das Spiel mit unserer Wahrnehmung von Gewalt zu überzeugen. Manche der brutalen Szenen werden in bester "Kill Bill"-Manier aufgezogen. Andere Gewaltszenen sind von krasser Deutlichkeit und Ernsthaftigkeit geprägt. "Kick-Ass" erlaubt sich ferner den Spaß, lustige Gewaltexzesse plötzlich ins Tragische zu kippen. Und andersrum: Tragische Szenen werden manchmal plötzlich in Komik aufgelöst. Das ist alles schon recht gelungen und clever, weil man nie weiß, auf was man sich gerade einstellen muss.

Neben all den wenig interessanten Figuren des Films ist das elfjährige Hit Girl gut gelungen. Hinter all der Keckheit und Coolness eigentlich eine tragische Figur; das Opfer ihres verbitterten Vaters, der sie zur kleinen Killer-Maschine verzogen hat. Neben diesem seelischen Missbrauch auf Handlungsebene seitens des Vaters stilisieren die Filmemacher selbst das Kind teilweise zum Objekt: In vielen Szenen ist diese Figur sehr deutlich auf Pädophilen-Phantasie ausgelegt, was sehr gelungen ist und die Figur doppelt tragisch macht. Dürfte bei männlichen Zuschauern Gedankenprozesse auslösen. Fraglich nur, welche.

Neben solchen Hinterfotzigkeiten ist der Film an anderen Stellen aber sehr plump. Besonders, wenn moralin-saure gesellschaftskritische Töne über Zivilcourage aufgesagt werden. Ich soll mein Mobiltelefon nicht dazu nutzen, Straftaten zu filmen uns ins Netz zu stellen, sondern dazu, die Polizei anzurufen? Echt jetzt? Hui. Die Szene ist ja schon dermaßen beschissen, dass sie wieder lustig ist.

Besser zu gefallen weiß die Darstellung der Möglichkeiten, Gefahren und der Macht des Internets. Auch wenn hier nichts Neues vermittelt wird, ist beispielsweise jene Szene zum Schießen lustig, wo ein Fernsehsender Folter-Bilder zensiert, worauf hin alle Zuschauer zu ihren Laptops laufen, um sich das im Internet anzusehen. Leider bleibt "Kick-Ass" beim Thema "multimediales Zeitalter" insgesamt aber sehr banal, und er sieht beispielsweise die Gefahren des Internets an völlig falscher Stelle, anstatt bei Daten-sammelnden Großkonzernen und Exekutiven wie der deutschen Bundesregierung.

Im Großen und Ganzen ist "Kick-Ass" ein gelungener und kurzweiliger, wenn auch oft unrunder Film. Macht irgendwo Laune, aber die euphorischen Stimmen von Presse und Zuschauern sind nicht wirklich gerechtfertigt.

P.S.:

Erwähnen sollte man noch Nic Cage, dessen Figur die Vergangenheit durch das Zeichnen von Comic-Strips verarbeitet, was in einer Szene vom Film geschickt eingesetzt wird. 

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