Review

Ziehen wir das Fazit gleich zu Beginn: wenn man auch nur für fünf Cents Geekblut in den Adern hat, gern Comics liest oder jemals über sich selbst als Superhelden fantasiert hat, dann wird es in diesem Jahr vermutlich keinen besseren Film geben, aus dem man sein ganz persönliches Happening machen kann.
Die Umsetzung der Comicserie von Mark Millar und John Romita jr. ist dem britischen Regisseur Matthew Vaughn (der schon mit "Stardust" einen weithin unterschätzten Film, im Fantasy-Genre, reüssierte) ist über weite Strecken sehr sorgfältig und vorlagengetreu geworden und bezieht einen Großteils seines Reizes aus dem Versuch, mit den Versatzstücken der Comicsuperhelden, der Klischees und Mechanismen und dem modernen Öffentlichkeitswahn via weltweiter Vernetzung zu spielen.
Dabei ist man bemüht, die Erwartungshaltung an einen Superhelden immer schön auf den Kopf zu stellen: die Normalität des zentralen Charakters Dave Lizewski wird von ihm selbst mittels Voiceover immer wieder betont, die Waghalsigkeit seiner Taten betont und über weite Strecken steckt der Held in diesem Film eigentlich immer nur ein - mehr sogar, als er als praktisch "Unsichtbarer", aber eher wenig Gequälter an seiner Schule hätte ertragen müssen. Die familiären und sozialen Dramen treffen nicht zu, die Popularität und der Erfolg entwickelt sich anhand des Verbreitungsphänomen, nicht analog zu seinen (nicht vorhandenen) Fähigkeiten. Und ja, eine Elfjährige stellt das moralfreie Zentrum reaktionärer Gewaltbereitschaft dar und meuchelt alles, was ein Etikett "Böse" auf der Stirn trägt, mit geradezu irrwitziger Brutalität in die nächste Welt.

Dennoch hält sich die Begeisterung an den Kinokassen zumindest dergestalt in Grenzen, als man anhand eben des im Film postulierten Geek-Phänomens einfach noch mehr Power in den Sälen erwartet hätte, denn "Kick-Ass" spielt zwar ordentlich, aber nicht überragend viel Geld ein. Möglicherweise liegt es daran, daß die blockbusterkonditionierte Gesellschaft gerade nicht bereit für eine postmoderne Verwurstung ihrer Kinophantasien ist - ggf. liegt es auch einfach nur an der Zielgruppe.

Das Problem ist nämlich, daß Vaughns Film außer Comicfans eigentlich keine Zielgruppe hat. Für Kinder und jüngere Jugendliche ist er zu derb und in seinem Humor zu kopflastig; für Erwachsene ist er zu albern und kaum nachvollziehbar in seinem Enthusiasmus. Und die Nerds sitzen meistens doch eher vor ihrem PC, sind jedenfalls als Gesellschaftsgruppe nicht stark genug, um breitflächig die Massen mitzureißen.
Aber das soll den Fan nicht stören - viel ärger fallen da einige Veränderungen zur Vorlage ins Gewicht, die man wohl FÜR den Massenappeal hineingeschrieben hat, denn im Comic bleibt der amuröse Mißerfolg für Dave/Kick-Ass bestehen, sein Leben bessert sich nicht wirklich, während die Ablehnung seiner großen Liebe dort im Film einer konventionellen Paarbeziehung zwischen "cutie girl" und "nerd" weicht, die eben genau das Phantasiebild beschwört, was der Film normalerweise umgehen soll.

Dazu kommt, daß die Einbindung des scheinbaren Heldennachahmers "Red Mist" - einer von Daves Mitschülern und der Sohn des Bösewichts - hier eine andere Gewichtung bekommt. Er wird viel weiter nach vorn gespielt, seine Beweggründe stehen von Beginn an fest und der Plot weist so wesentlich weniger Überraschungen auf. Das kann der Film jedoch meistens mittels seiner skurilen Charaktere wieder herunter spielen, denn Chloe Moretz, die die eiskalte minderjährige Killerin spielt, reißt mit beispielloser Leichtigkeit wirklich jede ihrer Szenen und damit praktisch den ganzen Film an sich und macht das Metzeln dann zu einem auflockernden Vergnügen, wenn die Elternverbände schon allein wegen eines knappen Schulmädchenkostüms in einer Szene vermutlich mit Feuer und Schwert vor der Produktionsfirma aufziehen.

Doch eine so populäre Figur hat auch ihre Schattenseiten, denn so stark Moretz spielt, so sehr läßt sie den Rest des Casts hinter sich.
Nicolas Cage legt zwar eine beachtliche Imitation von Adam Wests "Batman" als "Big Daddy" hin, gerät aber drehbuchgemäß so stärker zur Witzfigur, als man sich das wünschen würde. Christopher Mintz-Plasse als "Red Mist" hat zwar seine humorigen Ecken und Kanten, paßt so aber kaum in das vorgefertigte Handlanger-des-Bösen-Gerüst rund um seinen Vater. Mark Strong wiederum liefert nach "Sherlock Holmes" erneut eine düstere Performance erster Garnitur ab, hangelt aber zwischendurch mit seinen komischen Ausbrüchen und seiner Armee tumber Morddeppen meistens in der Leere.
Und Aaron Johnson mag eine mehr als gute Verkörperung der Hauptfigur sein, doch trotz Erzählerfunktion und Verkörperung des "normalen" Zuschauers ist er nicht mehr als eine ineffektive Marionette in einem übermächtigen Krimiplot, der meistens überwältigt beisteht, wenn es um ihn herum kracht und zischt. Als Identifikationsfigur mag er so taugen, aber was "Kick-Ass" als Film unbedingt fehlt, ist echtes "Herz" - und das fährt Johnson in all seinen sympathischen Mühen in die Parade.

Man darf so einen Film nicht nur als Vergleichsblaupause zu anderen Superheldenfilmen benutzen können - die Figuren müssen aus sich heraus funktionieren, aber so nett und lieb Dave sich auch gibt, seine andere Seite wird im Film mehr und mehr zum Requisit, bis man dann doch die Postmoderne hinter sich läßt und schlicht und ergreifend nach dem nächsten Auftritt von Moretz schmachtet, weil von "Kick-Ass" an sich hier nicht viel erwartet werden kann und sein "Befreiungsschlag" am Ende auch in der Verteilung der Szenenanteile und im Schnitt deutlich hinter dem finalen Fight Moretz/Strong zurückbleibt - der Namensgeber der Produktion wird zur Nebenfigur generiert.

Das muß den Spaß nicht mindern, aber selbst so klischeehafte Vorlagen wie der hier öfters zitierte Peter Parker hatten ein emotionales Zentrum, durch das sie das Publikum an sich banden, Dave Lizewski scheint der weltweite Erfolg hier einfach so zuzufliegen, ohne daß er wirklich etwas dafür getan hat, außer permanent brutalst auf die Fresse zu bekommen.
Womit wir natürlich an einem anderen Reizpunkt wären: denn auf der Gewaltskala macht der Film zumeist keine Verwandten, so daß der erste Auftritt von "Hit Girl" mit dermaßen überbordender Gewalttätigkeit geführt wird, daß man davon schockiert zurückbleibt, sind die Kriminellen doch sonst eher komisch gezeichnet, auch wenn sie hier Morde begehen. Die Gegensätze von nerdigem Teenagerleben (für das Johnson dann doch etwas zu alt aussieht) und brachialer Gewalt haben natürlich Methode und verfehlen ihre Wirksamkeit nicht, unterstreichen aber die fehlende Geschlossenheit des Films, der vor allem kurios sein will, dies aber nur punktuell schafft. Alles in allem enthält "Kick-Ass" aber weniger Gewaltanteile, als die Presse den Zuschauer glauben machen will, viel stärker fällt die ausgiebige Zitierwut der Beteiligten auf, die überall Verweise an die Comic- und Geekwelt unterbringen, sei es nur verbal oder visuell - sogar eine First-Person-Shooter-Sequenz hat man eingearbeitet, doch letztendlich bleiben nur drei wirklich ausgedehnte Kampfszenen incl. Schießerei.

So wird aus "Kick-Ass" also nie ein geschlossener Film, sondern eher eine ausgedehnte, vielseitige und mehrschichtige Collage von Themen, Motiven, Erzähltechniken und Charakterversatzstücken bzw. deren gespiegelten Ebenbildern, eine Fundgrube für Fans und Leuten, die es Spaß macht, ihre eigenen Vorlieben auch mal zu dekonstruieren. Etwas mehr Werktreue hätte den Film wesentlich besser auf Linie gehalten, bzw. etwas weniger überschäumende positive Versöhnlichkeit wäre strukturell und charakterlich passender ausgefallen.
Damit ist der Film nicht mißlungen, aber die mangelnde emotionale Verbindung, die man fast nie zu den Figuren aufbauen kann, weil jede für sich einen eigenen Film verdient hätte (oder gleich in einer Serienform besser aufgehoben gewesen wären), beraubt ihn der entscheidenden Qualität, wirklich etwas Neues, Unerhörtes oder Unerwartetes zu bieten, sondern nur verschiedene entsprechende Wendungen, die dem regelmäßigen Filmfan erfreuliche Abwechslung bieten. Seinen Spaß kann und sollte man damit aber trotzdem haben, davon schwärmen und träumen wird aber kaum einer - mit Ausnahme von "Hit Girl", wobei man sich da immer den leisen Hauch von pädophilen Vorlieben um die Ohren wehen lassen muß. Das ist dann mal wirklich subversiv. (8/10)

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