Review

„Kiek äs!“ („Schau mal!“) pflegt man in einigen Gegenden Norddeutschlands zu sagen. Aufgefordert durch diesen ansprechenden Filmtitel, bestärkt durch euphorische Rezensionen und neugierig auf die Kombination verschiedener mehr oder weniger schräger „Superhelden“-Figuren, sitzt der wohlwollende Rezensent leider am Ende mit der resignativen Erkenntnis da, dass hinter der vermeintlichen Innovation einer lebensechten Möchtegern-Superheldenfigur letztlich wieder häufig gesehene Allgemeinplätze des US-Action- sowie Jugend-(„Coming of age“-)films verborgen sind – sowohl was Inhalt als auch was Inszenierung angeht.

Das beginnt damit, dass der Film zunächst einmal einen Superhelden präsentieren will, der keiner ist, dessen Kostümierung keinen Eindruck selbst auf kleinere Fische unter den zu bekämpfenden Bösewichten macht. Wir kriegen einen klassischen „Nerd“ vorgesetzt, mit seinen noch nerdigeren Nerdfreunden, und erfahren erst mal einiges über seine Masturbationsphantasien und seine Kontaktversuche gegenüber der hübschen Katie – Szenen, die wie aus einer x-beliebigen Teen-Komödie kopiert aussehen. Für Regisseur Matthew Vaughn taugt im übrigen offenbar wirklich alles für einen billigen Lacher, was man beispielsweise am slapstickhaft dargestellten Tod der Mutter von Protagonist Dave sehen kann. Das einzig Ungewöhnliche an Dave ist sein eher peinliches Kostüm, mit dem er dem Verbrechen in seiner Umgebung entgegentreten will. Dass er bei diesen Versuchen nicht das Zeitliche segnet, sondern durch Zufall um Zufall binnen kurzem zum gefeierten Internetvideo-Star wird, wird nahezu als Selbstverständlichkeit vermittelt.

Nachdem die anfangs vorgegaukelte Bodenständigkeit der Erzählung durch diese völlig übertrieben dargestellte Entwicklung schon mal arg ins Wanken geraten ist, erfahren wir dann auch noch, dass dieser Film eben doch nicht um traditionelle Superhelden mit übermenschlichen Fähigkeiten herumkommt und damit seine vermeintliche Grundidee – das Erzählen von der Situation des Comicheld-sein-Wollens-und-nicht-Könnens – über Bord wirft. Ein ausgedienter Polizist und seine etwa elfjährige Tochter schlachten, mäßig fesch kostümiert, hier Verbrecher ab, als gäbe es nichts Einfacheres auf der Welt, und wirken bei der verliebten Beschäftigung mit ihrem riesigen Waffendepot ab und zu wie Werbefiguren der US-Ballerlobby. Man kann ja gar nicht früh genug anfangen, nicht wahr? Eine hier von manchen Vorrezensenten unterstellte kritische Tendenz (der Vater missbraucht seine Tochter für seinen Rachefeldzug) ist nicht zu erkennen, vielmehr verweist der Film in einer der letzten Einstellungen nochmals auf die alltagspraktische Nützlichkeit der erworbenen Fähigkeiten.

Viele Zuschauer werden sich natürlich von den mit reichlich CGI (besonders übel beim Einsatz einer Panzerfaust am Ende des Films) zusammengebastelten Kämpfen unterhalten lassen, in denen Chloe Moretz als „Hit Girl“ den Kanonenfutter-Gangstern buchstäblich auf der Nase herumtanzt, wobei die Grenze zur Lächerlichkeit regelmäßig überschritten wird. Provokativ hätte eine etwas realistischere Kampfdarstellung, die den physischen Möglichkeiten einer Elfjährigen etwas näher gekommen wäre, wirken können, aber wie das Mädchen hier an den Wänden hochläuft und Gegnern von oben Kopfschüsse mit reichlich PC-generiertem Pixelblut verpasst, ruft beim Rezensenten allenfalls ein müdes Lächeln hervor. Anscheinend sind die Filme von Quentin Tarantino auch nicht spurlos an Herrn Vaughn vorübergegangen, daher gibt es zum Final-Feldzug schneidige Westernmusik von Ennio Morricone auf die Ohren. Das überrascht angesichts der restlichen Filmmusik, die vorzugsweise in Kampfszenen fröhlich-beschwingt den Spaßfaktor unterstreichen soll, aber als originell kann man solches Recycling auch nicht mehr bezeichnen.

Dass die Gangster dabei immer wieder recht passiv wirken und anscheinend nur darauf warten, umgebracht zu werden (insbesondere beim Finale), gehört bei solchen Szenen natürlich dazu. Ebenfalls nicht fehlen dürfen Situationen, in denen der gewaltsame Tod der positiv besetzten Figuren durch unverständliches Zögern ihrer Gegner im letzten Moment verhindert wird. „Big Daddy“ und vor allem natürlich „Hit Girl“ garnieren ihre Tätigkeit mit cool gemeinten Sprüchen, die allerdings so schal wirken, wie es sich im Fahrwasser einer völlig verbrauchten Floskelsprache visueller und textlicher Coolness-Elemente nun mal zwangsweise ergibt. Die „Oneliner“, mit denen hier dafür prädestinierte Situationen garniert werden, sind reichlich einfallslos geraten und überraschen allenfalls aus dem Munde einer Figur im Kindesalter, wobei sich dieser Witz auch schnell verbraucht.

Vorhersehbarkeit ist andererseits auch das große Stichwort, wenn es um die Entwicklung unseres „Tret-Arsch“ geht. Zieht denn jemand ernsthaft in Zweifel, dass er das Herz der schnuckeligen Katie in seiner tapsigen Art erobern wird? Auch das ist recht abgestanden und verweist die Hoffnung auf ein bisschen Selbständigkeit gegenüber den altgewohnten Teenfilm-Klischees ins Reich der verwehten Illusionen. „Kick-Ass“ – interessant erscheinende Ideen, aus denen dann doch wieder der bekannte Coolness-Wurstebrei mit billigen Lachern und CGI-Blut wird, den man in den letzten Jahren in diversen Filmen schon zur Genüge vorgesetzt bekommen hat. Auch wenn es da keine elfjährigen Killerinnen gab.

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