Review

"Die dunkle Bedrohung"

Es sah alles so schön einfach aus. Ein aufgrund eines über dreißig Jahre alten Haftbefehls in der Schweiz festgenommener früherer Meisterregisseur dreht einen wenig Amerika-freundlichen Thriller über dunkle politische Machenschaften und geheime Seilschaften. Zentrale Motive des Films wie Schatten der Vergangenheit, bedrückende Isolation durch klaustrophobische Abgeschiedenheit sowie der Wunsch nach einem ruhigen und sicheren Altersdomizil passen wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge zur aktuellen Lebenssituation des Filmemachers. Schließlich steht Roman Polanski seit geraumer Zeit im schweizerischen Gstaad unter Hausarrest und hofft seine drohende Auslieferung an die USA verhindern zu können. Ein Szenario wie gemalt für vermeintlich clevere Analysen zahlreicher Feuilletonisten und Filmkritiker.

Tja, hätten sie mal besser recherchiert, dann wäre ihnen nicht entgangen, dass Polanskis The Ghostwriter bereits vor seiner Inhaftierung abgedreht war. Zumal die Idee zum Film in den meisten Fällen vor den Dreharbeiten vorhanden ist. Aber lassen wir das.
Der Ghostwriter ist sicherlich kein Reflex auf die aktuell missliche Lebenslage Polanskis, allerdings durchaus typisch im Hinblick auf das Gesamtoeuvre des Regisseurs. Abgeschlossenheit und Klaustrophobie sind auch bestimmende Themen in Ekel, Der Mieter oder Rosemary´s Baby. Mit undurchsichtigen, dunklen Machenshaften hatten schon die Protagonisten in Chinatown oder Frantic zu tun. Der Ghostwriter ist somit auch - wenn man so will - ein „Best of Polanski". Vor allem seine häufig geäußerte Bewunderung und Sympathie für den „Großmeister des Suspense" war schon lange nicht mehr so deutlich in einem seiner Filme spürbar.
Alfred Hitchcock hätte bestimmt seine Freude gehabt an dem sich immer mysteriöser gestaltenden Verwirrspiel um politische Ränke, zwielichtige Charaktere und dunkle Geheimnisse. Souverän dreht Polanski an der sich langsam aber unaufhörlich vorwärtsfräsenden Spannungsschraube. Er braucht dazu keine pompöse Schauermusik und plakativ düstere Schreckensbilder wie unlängst der gewohnheitsmäßig weitaus weniger subtil vorgehende Scorsese in Shutter Island. Bei Polanski kommt der Schrecken auf leisen Sohlen daher, was am Ende wesentlich wirkungsvoller ist.

Im Zentrum steht ein namen- und farbloser Ghostwriter (Ewan McGregor), der unvermittelt die Chance seines Lebens bekommt. Der "Ghost" soll den Memoiren des britischen Ex-Premierministers Adam Lang (Pierce Brosnan) binnen Monatsfrist den letzten Feinschliff verpassen, da dessen früherer Ghostwriter bei einem angeblichen Unfall ertrunken ist. Zu diesem Zweck begibt er sich auf eine Insel vor der US-amerikanischen Ostküste (der eindeutige Hinweis auf Martha´s Vineyard findet sich lediglich in der Romanvorlage des Bestellerautors Robert Harris). Lang und seine Entourage leben hier wie im Exil. Die ohnehin angespannte Situation - Lang hat offenbar eine Affäre mit seiner Assistentin Amelia (Sex and the city-Nymphomanin Kim Catrall), was seine verletzte Gattin (Olivia Williams) immer wieder mit bissigen Seitenhieben kommentiert - verschärft sich zusehends, als Lang von einem früheren Mitarbeiter mindestens der Mitwisserschaft an Kriegsverbrechen beschuldigt wird. Er soll die Verhaftung vier britischer Terrorverdächtiger in Afghanistan sowie deren Auslieferung an die USA angeordnet haben, wohl wissend, dass sie dort gefoltert werden würden. Als sich der internationale Gerichtshof in Den Haag einschaltet, droht Lang der Prozess ...

„Ich hab da ein ganz mieses Gefühl" scheint der „Ghost" bereits beim Betreten der Insel zu denken. Zumindest Gesichtsausdruck und Drohpotential der Umgebung erinnern an Ewan McGreggors ersten Auftritt als Obi Wan im Star Wars-Prequel The Phantom Menace. Dieser Titel hätte auch vortreflich  zu Polanskis Film gepasst. Die unwirtliche Gegend (auf dem einsamen Eiland scheint es nur Wind und Regen zu geben) sowie das zwar schicke, aber eine beinahe spürbare Kälte ausstrahlende Glas-Beton-Domizil der Langs bieten bereits einen visuellen Vorgeschmack auf die Düsternis der Plots und die Undurchsichtigkeit der handelnden Charaktere.

Passend zu alles beherrschenden Grau des Handlungsorts entpuppt sich vor allem der britische Ex-Premier von Beginn an als äußerst ambivalenter Charakter. Adam Lang mutiert in Sekundenbruchteilen vom charmanten Plauderer zum aufbrausenden Choleriker. Zwischendurch gibt er auch gern den süffisanten Zyniker. Natürlich stand hierfür Tony Blair Pate, dem der politisch enttäuschte Robert Harris mit seiner Romanvorlage ein wenig schmeichelhaftes literarisches Denkmal setzte.
Ex-Bond Pierce Brosnan hatte offenkundig sichtlich Spaß an seiner schillernden Figur. Befreit von der Last auf eindimensionale Heldenrollen abboniert zu sein, liefert er ein absolut glaubwürdiges Destillat häufig zu beobachtender Stärken wie Schwächen diverser Spitzenpolitiker.
Auch Olivia Williams als Langs Ehefrau und wichtigste politische Ratgeberin ist eine mehr als zwielichtige Figur. Politisch scheint sie ihren Mann nach wie vor im Griff zu haben, emotional und körperlich hat er sich allerdings längst von ihr entfernt. Der neue „Ghost" war ihre Idee. Dass dies ohne berechnende Hintergedanken geschah, scheint bei ihr kaum vorstellbar. Ihrem Wunschkandidaten gegenüber tritt sie abwechselnd herablassend, verletzlich, unnahbar und verführerisch auf. Ihre Stimmungen und Beweggründe sind mindestens so unergründlich wie die ihres Gatten.

Der unpolitische und lediglich am Geld interessierte Auftragsarbeiter wird ungewollt immer tiefer in einen Sumpf aus Halbwahrheiten, Lügen, Intrigen und dunklen Geheimnissen hineingezogen. Dem zunehmenden Verschwörungs-Dickicht hat er lediglich seinen trockenen Wortwitz und einen klaren Verstand entgegenzusetzen. Bei seinen Recherchen stößt er insbesondere auf immer mehr Ungereimtheiten in Langs Biographie und stößt dabei auf Fragen von enormer politischer Sprengkraft: War der britische Premier am Ende etwa lediglich eine Marionette der CIA? War seine Frau eingeweiht? Wie viel wusste der tot aufgefundene erste Ghostwriter? Wurde er vielleicht gar ermordet? Je mehr der „Ghost" diesen Fragen nachgeht, je dichter er der Wahrheit kommt, desto prekärer wird seine eigene Situation.

Polanski beherrscht die Klaviatur des klassischen Politthrillers aus dem FF. Der bewusste Verzicht auf genretypische Versatzstücke wie halsbrecherische Verfolgungsjagden, drastische Schockmomente oder plötzliche Plottwists beweist die souveräne Abgeklärtheit und handwerkliche Meisterschaft eines Regisseurs, der hier nach längerer Durststrecke endlich wieder zu alter Höchstform aufläuft.
Das gemächliche Erzähltempo bietet ausreichend Raum für eine subtile, aber raffiniert angelegte Spannungskurve, die unaufhaltsam auf ihren bösartigen Höhepunkt zusteuert. Fein ausgearbeitete, messerscharfe Dialoge, vielsagende Blicke und Gesten sowie eine wenig einladende Umgebung reichen aus, um die Aufmerksamkeit des Zuschauers auch bei einer Laufzeit von über zwei Stunden durchgängig zu fesseln. Abgerundet durch einen im positiven Sinne altmodischen Spannungsscore liefert Roman Polanski einen schnörkellosen und intelligenten Verschwörungsthriller ab, den ihm in dieser Form nicht mehr allzu viele zugetraut haben dürften.
Der Ghostwriter wird wohl nicht Polanskis letzter Film sein - er soll schon wieder an einem neuen Projekt arbeiten -, als würdiger Abschluss für das Oeuvre eines Ausnahmeregisseurs wäre er aber bestimmt nicht die schlechteste Wahl gewesen.

(8,5/10 Punkten)

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