Review
von Alex Kiensch
Longfellow Deeds (Gary Cooper) ist ein ebenso herzensguter wie einfacher Zeitgenosse: Zum Nachdenken bläst er auf seiner Tuba, seine Nachbarinnen lässt er mietfrei in einem seiner Häuser wohnen, und überhaupt ist er in seinem kleinen Kaff gemeinhin als etwas verrückter, aber liebenswerter Bewohner bekannt. Das alles ändert sich, als eine Horde Anwälte und Reporter daherkommt und ihn in die große Stadt entführt: Deeds ist Alleinerbe eines entfernten Onkels und plötzlich einer der reichsten Männer Amerikas. Doch das Leben in der High Society der US-Metropole passt nicht zu ihm - allgegenwärtig sind Klatschreporter, gierige falsche Freunde und gehässige Prominente. Nur die hübsche Babe (Jean Arthur) ist ein Lichtblick - leider ist auch sie nicht, was sie scheint.
Den meisten Zuschauern dürfte der Name Deeds vom Adam-Sandler-Klamauk „Mr. Deeds" bekannt sein. Das wesentlich niveauvollere und gewitztere Original stammt aus dem Jahre 1936 und wurde von Frank Capra, einem der deutschen Auswanderer, die im frühen Hollywood Karriere machten, inszeniert.
Dementsprechend fallen hier Tempo und Dramaturgie natürlich vollkommen anders aus. In gemächlichen Kamerafahrten entwickelt sich Stück für Stück die Story um das unverhoffte Erbe und eine Menge hinterlistige Wohlhabende, die ein Stück vom Kuchen abhaben wollen. Die Kritik an Raffgier und Maßlosigkeit der feinen Gesellschaft (die bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren hat) fällt dabei wohl arg belehrend aus - besonders das dramatische Finale vor Gericht, wo Deeds' Geisteszustand beurteilt werden soll, wirkt mit seiner langen finalen Rede über Angemessenheit und Gerechtigkeit ziemlich oberlehrerhaft und pathetisch.
Darüber kann man aber mit etwas gutem Willen ebenso hinwegsehen wie über einige klischeehafte Charaktere und unglaubwürdige Storydetails. Denn zur durchaus gelungenen Unterhaltung tragen sowohl die charmanten Gags bei (wenn sie auch nicht ganz so dicht und qualitativ hochwertig ausfallen, wie man das von anderen Capra-Werken kennt) als auch die sympathischen Figuren, die von tollen Darstellern getragen werden. Vor allem Gary Cooper gibt seinen eigensinnigen Deeds so charismatisch und freundlich-naiv - weit entfernt von den allzu schrillen Komödien-Charakteren späterer Dekaden - dass es einem warm ums Herz werden kann. So überzeugt er in witzigen Passagen ebenso wie in melodramatischen und kann mit warmer Mimik und sympathischer Ausstrahlung jede Szene an sich reißen. Auch Jean Arthur überzeugt als Reporterin, die sich in ihr Opfer verliebt und zwischen alle Fronten gerät.
Auch technisch hat „Mr. Deeds geht in die Stadt" einige Pluspunkte zu bieten, etwa eine unaufgeregte, aber immer wieder in beeindruckende Fahrten ausbrechende Kamera, die das Geschehen in schönen, ruhigen, aber auch exquisiten Bildern einfängt, oder eine aufwendige Ausstattung (sieht man von den damals üblichen Studiohintergründen ab). Mit tollen Darstellern, einer moralischen Geschichte, netten Gags und der formal souveränen Inszenierung überzeugt der Film eingefleischte Cineasten auch heute noch und gehört sicher zu den Hollywood-Highlights der 30er-Jahre. Und sympathischer als der Sandler-Mr.-Deeds ist er allemal.