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Frankreich, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs: Der Pilot Andre bricht mit seinem Flug über den Atlantik allerlei Rekorde, jedoch währt die Freude bei seiner Ankunft nur kurz, weil die Frau seines Herzens, Christine, nicht anwesend ist. Sein Freund Octave macht sich Sorgen um den geknickten Andre und bittet die Angebetete, die er seit Kindheitstagen kennt, den Piloten zu einem Jagdwochenende einzuladen, bei dem sich die feine Pariser Gesellschaft außerhalb der Stadt treffen soll. Christine und Andre könnten sich dort ja etwas näher kommen. Allerdings ist Christines Ehemann ebenfalls anwesend, immerhin gehört diesem das großzügige Anwesen. Auch dieser pflegt zudem eine außereheliche Affäre. Als wäre dieser Beziehungswirrwarr nicht schon kompliziert genug, kommt es auch in der Dienerschaft während des Jagdwochenendes zu einem folgenreichen Eklat.

„Die Spielregel“ gilt neben „Die große Illusion“ als bester Film des berühmten und einflussreichen französischen Regisseurs Jean Renoir, der nicht nur Regie führte, sondern gemeinsam mit Carl Koch das Drehbuch verfasste und die Rolle des Octave persönlich verkörperte. Sein Film ging nach seiner Entstehung einen beschwerlichen Weg, wie ihn viele Klassiker zurücklegen mussten, bis sie ihren heutigen Status erreichten.1939 in französischen Kinos erfolglos gestartet, wurde der allzu kritische Film zunächst verboten, woraufhin er in den Wirren des Zweiten Weltkrieges praktisch verloren ging. Nachdem „Die Spielregel“ später aus unterschiedlichen Quellen wieder zusammengesetzt werden konnte, fand er in den 1960er Jahren schließlich große Anerkennung und wurde auf ein zunehmend höher werdendes Podest gehoben. Renoir erhielt 1975 den Oscar für sein Lebenswerk und es gibt mittlerweile kaum eine Rangliste der besten Filme, in der „Die Spielregel“ nicht vertreten wäre. Aus heutiger Sicht ist Renoirs Film zwar von filmhistorischer Bedeutung als zeitgenössisches und kritisches Gesellschaftsbild, das im Kontrast zum durchperfektionierten Studiokino des damaligen Hollywoods steht. Anders als etwa Fritz Langs „M“ wirkt „Die Spielregel“ aber auch etwas antiquiert und weist manche Längen auf.

Renoir leistet hervorragende Arbeit bei der Konstruktion seines umfangreichen Figurenensembles, das sich aus Pariser Aristokratie, aus deren Dienern - sprich dem gemeinen Volk - sowie auch einem Vertreter der untersten Schicht zusammensetzt, der sich als Wilddieb durchschlagen muss und eine Anstellung auf dem Anwesen findet. Damit zeigt Renoir einerseits einen interessanten Querschnitt durch die französische Gesellschaft, der er mit seinem Film den Spiegel vorhält, andererseits werden seine Charaktere aber auch als Individuen fassbar, weil sie alle mit einigen kurzen aber prägnanten Szenen eingeführt werden. Das erlaubt es dem Zuschauer letztlich auch, in diesem zunehmenden Chaos aus Eifersüchteleien und Affären den Überblick zu behalten. Dabei stand dem französischen Regisseur eine Reihe bestens aufgelegter Darsteller zur Seite, die ihre Figuren jederzeit authentisch verkörpern und auch bei begrenzter Screen-Time Profil verleihen.

Renoir gelingt es, den dekadenten und hochmütigen Adel als solchen zu entlarven. Die feine Gesellschaft lacht sich über einen der ihren schlapp, der sich bei der Jagd aus Versehen ins Bein schoss und kurz darauf verstarb, das unsittliche Verhalten der Pariser Aristokratie steht im Widerspruch dazu, dass sie sich nach Außen so vornehm gibt. Das soll jedoch nicht heißen, dass sich die Dienerschaft anständiger verhalten würde: Sie tratscht, zeigt antisemitische Tendenzen und mischt munter mit beim sündigen Reigen diverser Liebesaffären. Dem persönlichen Glück der Protagonisten, wie auch einem gütlichen Ende, stehen dabei die gesellschaftlichen (Spiel)Regeln entgegen. Als Höhepunkt des Films kann die Treibjagd in der Mitte gelten, bei der Renoir einen detaillierten wie abstoßenden Blick auf das Abschießen der Fasanen und Hasen wirft. Beim anschließenden Ball überzeugt dann zumindest noch die opulente zeitgenössische Ausstattung, während Renoir das Tempo über alle Maßen beschleunigt. Der Beziehungswirrwarr geht in ein erschöpfendes wie hektisches Hin und Her wendungsreicher Affären über. Dabei werden alle Weichen auf einen dramatischen Abgang ausgerichtet, der allzu konstruiert daherkommt. Am Ende wäre weniger wohl mehr gewesen.

Fazit:
„Die Spielregel“ überzeugt mit einem reichen Figurenensemble und einigen kritischen Spitzen gegen die französische Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts, um sich dann in einer wirren, hektischen und allzu sehr vom Zufall getriebenen Srewball-Komödie zu verlieren.

60 %

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