Review

Jean Renoirs („Bestie Mensch“) Satire „Die Spielregel“ galt in ihrem Erscheinungsjahr 1939 als die bis dato kostspieligste französische Kinoproduktion überhaupt – und floppte an den Kinokassen kolossal. Der unmittelbar vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs entstandene Film wurde vom Publikum weitestgehend abgelehnt oder missverstanden bzw. wollte nicht verstanden werden. Seinen wohlwollenden Leumund erhielt „Die Spielregel“ erst, nachdem die Katastrophe eingetreten war und der Krieg große Teile der Welt in Schutt und Asche gelegt und Abermillionen Menschenleben gekostet hatte.

Der Rekordpilot André Jurieux (Roland Toutain, „Die Lüge der Nina Petrowna“) ist zum französischen Nationalheld avanciert, nur Christine (Nora Gregor, „Abenteuer am Lido“), in die er unglücklich verliebt ist, zeigt sich auch von seiner jüngsten Atlantikquerung unbeeindruckt. Noch vor der Journalistenschar, die ihn am Flugplatz empfängt, schimpft er darüber ins Mikro, sodass Christine seine Botschaft per Radio empfängt und sich gegenüber ihrem Ehemann Robert de la Cheyniest (Marcel Dalio, „Die weiße Sklavin“) erklären muss. Dabei unterhält er im Gegensatz zu seiner Frau tatsächlich eine Affäre, nämlich zu Geneviève (Mila Parély, „Die freudlose Gasse“). André unternimmt einen erfolglosen Selbstmordversuch, woraufhin es Octave (Jean Renoir), einem gemeinsamen Freund beider, immerhin gelingt, Christine zu überreden, André zu einer Jagdpartie auf dem Landsitz einzuladen. Dort versammelt sich die höhere Gesellschaft Frankreichs, frönt der Kaninchenjagd und feiert ihren dekadenten, oberflächlichen Lebensstil. Als Christine dort von Roberts Affäre mit Geneviève erfährt, ist dies nur der Startschuss für weitere zwischenmenschliche Verwicklungen und Zerwürfnisse und eine sich immer weiter hochschaukelnde Zügellosigkeit, die unter der Maske der Etikette lauerte. Das geht nicht lange gut und wird bald Menschenleben kosten…

Nach ein paar Texttafeln steigt Renoir direkt in die Handlung ein, die sich in ihrer stilistischen Melange aus Drama, klassischer französischer Komödie, poetischem Realismus und Gesellschaftssatire zunehmend anstrengend präsentiert und deren Humor nicht (mehr?) so recht zünden will. Das entlarvend oberflächliche Figurengeplapper innerhalb einer unübersichtlichen Gemengelage wurde offenbar größtenteils improvisiert, die Ereignisse in fünf Akte wie im klassischen Theater aufgeteilt und mit Barockmusik unterlegt. Die versammelte Gesellschaft wird immer mehr zu einem Mikrokosmos des französischen Klassensystems; Ziel Renoirs Spotts ist dabei die Oberschicht, der angesichts der weltpolitischen Entwicklungen Belanglosigkeiten wichtiger sind als Bedeutsames und die in einer Mischung aus Ignoranz und Dekadenz die Augen vor dem nahenden Unheil verschließt. Die Etikette muss gewahrt werden, bei allem, auch den größten Schweinereien – daraus speist sich der Humor des Films.

Die innovative Kameraführung mit ihrer Tiefenschärfe und ihren Long Shots weiß zu gefallen, was sie einfängt mutet hingegen nicht selten wie ein Straffilm fürs Publikum an, der nicht nur die Oberschicht konfrontiert, sondern auch das normale Durchschnittspublikum eher ratlos zurückgelassen haben dürfte. Die Schauspieler(innen) hat man offenbar bewusst gegen den Strich gecastet; die von ihnen verkörperten Figuren bleiben ohne Hintergrundgeschichten und Profile reine Abziehbilder, die sich dem überdrehten Konzept unterzuordnen haben. Zurecht verfiel Renoir in tiefe Besorgnis über das Münchner Abkommen und die Aussicht auf den Zweiten Weltkrieg, doch als Kritik an französischer Tatenlosigkeit hätte ich mir „Die Spielregel“ wütender gewünscht, als Verballhornung der Bourgeoisie spottender. Vielleicht trifft er, ähnlich wie manch anderer französischer Satirefilm („Das große Fressen“ bspw.) einfach nicht meinen Humor, vielleicht muss man die damalige gesellschaftliche Stimmung besser nachempfinden können, um einen besseren Zugang zu diesem Film zu finden.

Die diffizile Veröffentlichungsgeschichte des Films, der von Zensur und Kürzungsauflagen betroffen war, und der Umstand, dass Renoir als Nestbeschmutzer diskreditiert wurde, bestätigen den von Renoir abgebildeten damaligen Zustand der französischen Gesellschaft und machen den Film indes nachträglich historisch besonders interessant. Insbesondere denjenigen, die sich dem Film wissenschaftlich-analytisch nähern, dürfte es eine helle Freude bereiten, all seine Anspielungen und Referenzierungen zu dechiffrieren. Nach meiner Erstsichtung überwiegt jedoch die Frage, ob Renoir als Künstler nicht zumindest ein Stück weit auch Teil der von ihm kritisierten Ignoranz ist, wenn es ihm nicht gelingt, allgemeinverständlicher vor dem verheerenden Krieg zu warnen und zu klassenübergreifendem gesellschaftlichem Zusammenhalt aufzurufen, statt seine Anliegen in einer derartigen Farce zu verklausulieren…?

Details
Ähnliche Filme