Die Alice aus dem Disney-Zeichentrickfilm ist erwachsen geworden und steht vor ihrer Verlobung mit einem Adligen von Hofe. Während einer Festivität auf dessen Anwesen fällt Alice aber wieder in ein Erdloch im Garten, purzelt durch Raum und Zeit und landet kopfüber im Wunderland…
…wo alle alten Bekannten auf sie warten, wie da wären Dideldei und Dideldum, die Opium rauchende Raupe, der verrückte Hutmacher (Johnny Depp) und die böse Rote Königin (Helena Bonham Carter). Rein inhaltlich klappert Tim Burtons Version von „Alice im Wunderland“ alle Station des Originals ab. Geboten werden sowohl die Teeparty, als auch der „Iss mich“-Kuchen und der „Trink mich“-Saft, auch die Begegnung mit der nebulösen Grinsekatze darf da nicht fehlen.
Der Schluss verläuft bei Burton gänzlich anders als es Disney bzw. Lewis Carroll, von dem das 1865 erschienene Kinderbuch stammt, vorgegeben haben. Es kommt zum Kampf zwischen Gut und Böse auf einer Art überdimensionalem Schachbrett. Die Armee der guten Weißen Königin tritt gegen die Spielkarten-Soldaten und den bösen Drachen Jabberwock (Christopher Lee?) an, Alice führt dabei, als eine Art „Braveheart“ oder König Artus, die Truppen der Guten zu Sieg. Passt jetzt nicht mehr so ganz ins Kindchenschema des Originals, aber Burton steht ja schon seit Beginn seiner Karriere für gehobene, oftmals non-konforme Erwachsenen-Märchen und nicht für Kinderkram im Hollywood-Look.
Und das ist „Alice im Wunderland“ im Grunde auch: eine Mischung aus Gruselmärchen und phantastischer Komödie. Eine Reise in die düstere, von welkem Geäst umrankte Psyche von Tim Burton, die uns das Wunderland mal knallbunt, mal zappenduster und zum Fürchten gruselig präsentiert.
Doch was jetzt noch dazukommt: die 3D-Technologie!!! Diese beflügelt nicht nur unseren Geist, sie reißt uns förmlich aus dem Kinosessel, schleudert uns wie Alice in das Erdloch und versetzt uns vollends und leibhaftig ins Wunderland, was den Film weniger zu einer Reise, als vielmehr zu einer Entführung macht. Man wird gekidnappt und hat Spaß daran – why not!?
Um es kurz zu machen: Als 3D-Erlebnis ist „Alice im Wunderland“ wirklich ein Heidenspaß. Die purpurne Grinsekatze hebt sich von der Leinwand ab, schwebt einem entgegen und verpufft dann, auf dass nur ihr gewaltiger Grinsemund übrig bleibt - schon wirklich ziemlich beeindruckend. Überhaupt Tim Burton in 3D erleben zu dürfen, kommt so etwas wie einem begehbaren Bilderbuch gleich und war wirklich eine kleine Ehre für mich.
Bleibt natürlich die Frage offen, was der Film ohne diesen ganzen optischen Firlefanz wert wäre. Diese Frage ist nur schwer zu beantworten, zu sehr erliegt man der beeindruckenden Bilderflut, ferner wäre es vielleicht sogar vermessen, die optischen Darbietungen nicht zum Gesamtergebnis dazurechnen zu dürfen.
Ganz klar kann man jedoch sagen, dass „Alice im Wunderland“ nicht nur Glanz und Gloria darstellt. Johnny Depp als verrückter Hutmacher ist freilich famos, hätte aber durchaus noch mehr Potenzial zu bieten gehabt. Helena Bonham Carter (“Fight Club”, “Sweeny Todd”) als böse Herzkönigin mit Eierrübe ist einfach over the top und ihr immer wiederkehrender Urteilsruf „AB MIT SEINEM KOPF!“ ist echt legendär.
Anne Hathaway will in der Rolle der Kindlichen Kaiserin… äh, der Weiße Königin irgendwie nicht so ganz überzeugen. Weiß nicht woran es liegt, ich persönlich halte die Anne aber nicht für eine gute Schauspielerin. Die Besetzung der Alice durch die recht unbekannte Mia Wasikowska kann man dagegen als geglückt bezeichnen, das Küken-Image steht ihr zumindest sehr gut.
In Nebenrollen haben sich ein paar weitere bekannte Namen versteckt, wie da wären der „Little Britain“-Star Matt Lucas sowohl als Dideldei, als auch als Dideldum unterwegs, und auch der alt ehrwürdige Sir Christopher Lee, der dem Drachen Jabberwocky seine Stimme geliehen hat.
Tim Burtons „Alice im Wunderland“ ist ein krasser Mix aus Realfilm und Animationsfilm, eine Technik, die man aus Filmen wie „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ aufkam. Burton hatte ja immer ein paar animierte Elemente in seinen Filmen, siehe z.B. „Big Fish“ oder „Charlie und die Schokoladenfabrik“, setzte im Grunde aber eher auf altbewährte FX, eine ausgeklügelte Handlung und überzeugende, fein gezeichnete Charaktere und verzichtete auf unnötiges Computergefriggel.
In „Alice“ scheint der Meister vollends von seinem Kurs abgekommen zu sein: So gut wie alles ist animiert, fast der ganze Film stammt aus dem Daddelkasten und auch Story und Charakterzeichnung hat man schon weitaus besser erlebt. Die Charaktere beispielsweise sind optisch adrett ausgestattet, jedoch bieten sie nur wenig Substanz, ähnlich einer hübschen Fassade.
Doch sei’s drum! Bin aber schon gespannt, ob der Film auch am heimischen Herd ohne Monsterleinwand Laune macht.
Komm mit mir ins Abenteuerland,
auf deine eigne Reise!
Komm mit mir ins Abenteuerland!
Der Eintritt kostet den Verstand!
(Pur – „Abenteuerland“)
3D-Erlebnis: 9/10
Film an sich: 7/10
Fazit:
Mit absoluter Sicherheit nicht Burtons Bester, optisch nicht und inhaltlich gleich dreimal nicht, doch als 3D-Erlebnis ist der Streifen einfach eine Wucht.
Der Film ohne 3D-Brille? – Schwer zu sagen, bin zu geflasht.