"Ab mit ihrem Kopf!"
Trotz des identischen Titels ist Tim Burton's "Alice im Wunderland" kein Remake, sondern eine Fortsetzung zu den bisherigen Verfilmungen der beliebten Kinderbücher des britischen Schriftstellers Lewis Carroll.
Als die eigenwillige Alice Kingsleigh (Mia Wasikowska) zu einer Feier der vornehmen Familie Ascot eingeladen wird, ahnt sie nicht, dass der junge Lord Hamish Ascot um ihre Hand anhalten wird. Von allen wird ihr Ja-Wort erwartet. Alice ist sich aber nicht sicher, ob er der richtige für sie ist. So flüchtet sie während der Zeremonie und verfolgt ein weißes Kaninchen zu einem Loch neben einem Baumstumpf. Das Erdreich lockert sich und sie fällt hinein. Unten angekommen findet sie sich im Wunderland wieder, hat aber alle Erinnerungen an ihren ersten Besuch als Kind verloren. So erkennt sie keine der fantastischen Geschöpfe, wie den verrückten Hutmacher (Johnny Depp), wieder. Diese erwarten von Alice, dass sie die Herrschaft der Roten Königin (Helena Bonham Carter) beendet und ihre die Krone der Weißen Königin (Anne Hathaway) zurück bringt. Allerdings ist Alice weder bereit dem Willen und flehen der Geschöpfe zu folgen, noch dem Jabberwocky entgegen zu treten, so wie es die Prophezeiung vorhersagt.
Alice ist erwachsen geworden, und auch das Wunderland ist kein Ort für Kinder mehr. Die düster-romantische Welt des Wunderlandes ist voller fantastischer Figuren und Orte, aber auch gezeichnet von einem schrecklichen Krieg. Ganze Landstriche sind verbrannt, die launische Rote Königin regiert mit der Willkür und Gnadenlosigkeit einer Bilderbuchtyrannin und der Wahnsinn des ohnehin verrückten Hutmachers hat inzwischen einen besorgniserregenden Zustand erreicht. Die Ausgangssituation der Handlung ist geradezu geschaffen für Burton's skurrilen Stil, der beinahe den gesamten Cast seines Vorgängerfilmes "Sweeney Todd" erneut zusammenruft.
Obwohl Tim Burton's Interpretation von "Alice im Wunderland" eine weiterführende Erzählung ist, wiederholt das fantastische Märchen viele bereits bekannte Elemente. Vorkenntnisse sind somit zwar willkommen, aber nicht zwingend nötig.
Neben einigen Abweichungen besteht Burtons gravierendste Änderung in der Charakterisierung von Alice selbst. Aus dem kleinen Mädchen wurde eine 19-Jährige eigenwillige junge Frau. Alice ist bei Burton keine staunende Beobachterin mehr, sondern eine aktive Teilnehmerin am Geschehen. So ist es kein Wunder, dass sich die Handlung vorwiegend um die Protagonistin konzentriert und diese recht genau beschreibt. Denn neben der Bilderflut nimmt sich "Alice im Wunderland" auch Zeit für seine Figuren.
Aus der zunächst scheuen jungen Dame, die sich im Grunde nichts vorschreiben lassen will, wird eine moderne Frau die ihren Freiheitsdrang schlussendlich umsetzt. Eine Moral die nicht unbedingt mit dem Holzhammer durchgesetzt wird, aber zumindest etwas unter dem obligatorischen Disney-Zauber leidet. Zumal sämtliche weitere Figuren etwas blass bleiben.
Visuell schwelgt "Alice im Wunderland" in prachtvollen, ungemein detailreichen Bildern, die allerdings selten die Düsternis von Burton's früheren Werken erreicht. Das fantastische Märchen ist vielmehr auf Familientauglichkeit zugeschnitten und prahlt teils mit einer kunterbunten Farbpalette wie einst in "Charlie und die Schokoladenfabrik". Für Kinder ist es aber trotzdem nicht zugeschnitten, denn einige Geschöpfe sind zu erschreckend geraten. Und gerade die Kämpfe erweisen sich als durchaus ruppig.
Der Großteil des Films besteht aber nicht auf Action sondern Weltenerkundung. Und genau hier bewegt sich "Alice im Wunderland" schon beinahe auf epischem Niveau. Die traumhaften Kulissen, Kostüme und Requisiten erzeugen eine ungemein lebendige Welt, computeranimierte Tiere und abstruse Wesen wirken lebensecht. Obwohl der Film in keinster Weise neue Wege beschreitet, ist es allein die durch Bilder und dem stimmigen Soundtrack erzeugte Atmosphäre, die sich als äußerst funktional erweist.
Die Ästhetik des Films und die vielen herrlichen Details trösten dann auch darüber hinweg, dass die Handlung nicht gerade einfalls- oder wendungsreich ist. Die Vorhersehbarkeit beeinträchtigt allerdings nicht die kurzweilige Unterhaltungsdauer.
Einige namhafte Darsteller, darunter Alan Rickman ("Harry Potter"-Reihe, "Stirb langsam") sowie Christopher Lee ("Der Herr der Ringe"-Reihe, "Sleepy Hollow"), leihen den animierten Figuren in der englischen Fassung ihre Stimme. Dies lässt die deutsche Synchronisation missen. Nicht jedoch das vergnügliche Schauspiel weiterer Altstars und Neuentdeckungen.
Die unverbrauchte australische Hauptdarstellerin Mia Wasikowska ("Defiance") überzeugt mit Natürlichkeit und Charme, während Burton's Lieblingsmusen Johnny Depp ("Fluch der Karibik"-Reihe) und Helena Bonham Carter ("Fight Club") Platz haben, um ihren Hang für skurrile Spinnereien auszuleben. Um Depp mehr Zeit auf der Leinwand einzuräumen wurde die Rolle des exzentrisch-liebenswürdigen Hutmachers gegenüber dem Vorgänger deutlich aufgebohrt und erweitert. Erneut bietet er ein Paradebeispiel schauspielerischer Leistungen und ist am Ende der heimliche Held des Films.
"Alice im Wunderland" ist eine opulente Neubearbeitung des beliebten Kinderbuches. Die vorgestellte, teils knallbunte, teils düstere Welt erreicht fast epische Ausmaße. Die Handlung ist schlicht und endet mit einer von Disney beeinflussten Moral, reißt aber durch flotte Erzählung und einen atmosphärischen Soundtrack mit. Selbst die leichte Modernisierung des Stoffes trübt den Gesamteindruck in keinster Weise. So reiht sich die siebte Zusammenarbeit zwischen Johnny Depp und Tim Burton in eine weitere gelungen ein.
9 / 10