Ein neuer Tim Burton - ein neues Wunderland der Bilder!
In diesem Fall sogar wortwörtlich, denn der Schöpfer phantastischer Bilderwelten mit gothischer Pastiche hat sich in seinem neuesten Film nun der Bücher Lewis Carrolls angenommen, "Alice im Wunderland" und "Alice hinter den Spiegeln", allerdings in einer erweiterten Fassung als fiktive Fortsetzung, als Alice inzwischen 19 Jahre und im heiratsfähigen Alter ist.
Die Idee, daß Alice in das Wunderland zurückkehrt und sich an ihren ersten Besuch nicht mehr erinnert, ist schlichtweg eine großartige und sehr ausbaufähige Idee, die eine Menge neuer Ideen zuläßt. Schwierigkeiten mit Carrolls Vorlage gab es praktisch mit allen Verfilmungen, die meistens an der Tricktechnik, den Masken, den kostümierten Darstellern oder eben der nicht sonderlich kompakten, sondern episodischen und wildwuchernden Vorlage scheiterten.
Hier jetzt, so die Produzenten, war man in der glücklichen Lage, endlich einen erzählerisch komplexen, geschlossenen und filmisch attraktiven Ansatz umsetzen zu können. Dank der neuen Ideen der Disney-Story-Politeuse Linda Woolverton gabs endlich ein schlüssiges Korsett für eine Filmversion, die 3D-Welle war da nur noch der Zuckerguß auf der Torte.
Das ist sicher wahr - dennoch ist diese "Alice" für die Teengeneration im Wesentlichen gründlich mißlungen, außer man legt den Maßstab für Qualität bei Massenkompatibilität und strikter Simplizität an.
Dabei funktioniert der Ansatz durchaus: Alice ist aus den Teenagerjahren raus, die Erinnerungen sind flöten und der wirtschaftlich unternehmungslustige Daddy leider verstorben, also muß geheiratet werden, am besten einen (natürlich deutlich sichtbar unattraktiven) Snoblord, der sich mit Verdauungsbeschwerden plagt. Als alle der entscheidenden Frage entgegen schmachten, geht Alice stiften, weil sich das weiße Kaninchen mal wieder zeigt und purzelt ins Wunderland.
Was aber jetzt anfangen mit so einem Konzept? Nachdem man den Originaljoke mit "Trink mich" und "Iß mich" (Schrumpftrank und Wachstumskuchen) noch einmal fast identisch durchgespielt hat, stehen wir also im Wunderland, das ein wenig an das Umfeld von Tolkiens Mordor erinnert. Die rote Königin hat eine Schreckensherrschaft errichtet, im Burggraben schwimmen die abgetrennten Köpfe und ein "Bube" namens Stayne (Crispin Glover fügt seiner Galerie schräger Charaktere einen weiteren hinzu) führt die Kartensoldaten an, samt gruseligen Riesenmonster. Die Flucht kann beginnen.
Statt jetzt aber dem "Unterland" (von Alice als "Wunderland" zuvor mißverstanden) neue Seiten abzugewinnen, paradieren einzig und allein eine Handvoll Charaktere kurz durchs Bild (blaue Raupe, Dideldum und Dideldei, Teemaus, Märzhase) und präsentieren dem erwartungsfrohen Publikum statt irrsinnigen Unsinns eine banale Prophezeiungsrolle, mit der der Showdown schon mal vorweg genommen wird.
Und ab diesem Moment fährt das Woolverton-Skript auch nur noch auf Autopilot, eine bemühte Streckung der bekannteren Figuren und noch bekannteren Handlungen (das Igel-Crocket) inclusive einem Pendeln zwischen den Schlössern der roten Königin (wunderbar nölig: Helena Bonham Carter) und der weißen Schwester (Anne Hathaway als grazile Porzellanschneekönigin, wäre sie ein Mann, wärs an Tuntigkeit kaum auszuhalten). Die vielfarbigen Charaktere bleiben zumeist ungenannt oder ungezeigt, stattdessen forstete man die Rolle des "Mad Hatters", des verrückten Hutmachers dank Johnny Depps Anwesenheit zu einer größeren Nebenrolle auf, die aber eigentlich nur banales Zeug redet, das nichts zum Plot beiträgt oder skuril die Story streckt. Weder gibt es da eine emotionale Komponente, noch Tiefe, noch irgendwelchen brauchbaren Spaß, Depp muß in erster Linie entweder traurig oder geübt hintersinnig (allerdings ohne Erklärung dafür) sein.
Und wenn es denn darum geht, fürs Wunderland endlich mal einen neuen Charakter zu entwickeln, dann greift man (immerhin sind wir hier bei Disney, nicht vergessen!) einfach auf einen sprechenden Hund zurück, wie originell.
Derweil gibts Zinnober um irgendein Schwert, daß den bösen Jabberwock (ein phantasievoll animiertes Drachenviech) als Einziges bezwingen kann, was man aber auch künstlich in die Länge zieht oder emotionalisiert und ganz im Hintergrund das Problem, daß Alice nicht selbst für sich eintreten, bzw. das tun will, was alle von ihr erwarten (so wie in der Oberwelt).
Nur anstatt das subtil in phantasievolle Episoden einzuarbeiten, wird es immer wieder plump erwähnt, während Alice ihre Litanei runterleiert, daß das ja alles nur ein Traum ist/sein muß/sein soll/ sein wird....
Erwartungsgemäß trifft man sich dann nach 90 Minuten auf einem Schachbrett zur Narnia-ähnlichen Entscheidungsschlacht und überläßt den Computerfachleuten die ganze Arbeit - allein, daß selbst der optisch faszinierende Zweikampf zwischen Alice und Jabberwock so platt und vorhersehbar von der ersten Filmminute seiner Erwähnung an ist.
Danach wird wie immer alles gut, nachdem wir "Unterland" jetzt lange genug in ein simples Gut-und-Böse-Schema eingeteilt haben, für das Lewis Carroll vermutlich noch immer in seinem Grab rotiert.
Ist die Schlacht dann endlich gewonnen, wirds aber nicht nur simpel, dann wirds Disney...oder besser: peinlich!
Erst muß Depp (gemäß dreier Ankündigungen im Film) zu absolut unpassenden Discobeats einen dämlichen Kurztanz hinlegen, dann kehrt Alice nach Kansas, pardon: England, zurück und räumt dann geläutert aufs Platteste auf: keine Verlobung, keine Familienschande trotzdem, Verzeihungen allerorten und dann greifen wir uns Daddys ehemaligen Kompagnon, der nun die Firma innehat, und erzählen ihm erstmal mit reifen 19 Jahren, wie er fortan zu expandieren hat und steigen dann im Kleid zur Schlußszene auf einen Schiffsbug, der das Beste und Schlimmste aus Camerons "Titanic" und Jacksons "Grauen Anfurten" zugleich verinnerlicht.
Das Ende gleicht, wenn einem transportierte Inhalte nicht total egal sind, einem satten Schlag in die Fresse: so brutal unrealistisch und bar jeder erzählerischen Finesse ist das alles, daß man es fast vergißt, wie vernachlässigt das Wunderland davon gekommen ist.
Der fröhliche Eskapismus und die sinnfreie Verrücktheit sind zu konfektionierten Plotwendung mit moralischer Klammer verkommen und alles wirkt eher wie eine viktorianische Version des "Zauberers von Oz", denn wie Carrolls Werk.
Da mag Burton noch so gute Anweisungen bezüglich der optischen Attraktivität gegeben haben, da mag Matt Lucas noch so passend die eiförmigen Tweedles nachbilden, da sind die Figuren noch so flüssig und schräg: es gibt hier meistens nur flach zu betrachten, fast kein Humor, keine Verrücktheiten (die nicht von Carroll stammen), keinen "Unweg" zum Ziel, nur Gradlinigkeit ohne gelbe Steinstraße.
Und die klebrige und weithin unrealistische Botschaft dürfte sogar Grundschülern ein wenig unrealistisch vorkommen, was aber angesichts des eingespielten Geldes wohl kaum auffallen wird. Ja, es sieht alles gut aus - der 3D-Effekt ist allerdings vernachlässigenswert - aber das ist dann auch schon die ganze Qualität.
Burton, der hier seinen flachsten Film seit "Planet der Affen" abliefert, sei ein bißchen mehr Vertrauen in gute Drehbücher und weniger Ruhekissen in Form aufwändigen Special Effects gewünscht und auch wenn ich im Kritiker- und Zuschauerkanon mich in alle Nesseln setze und den Machern dieses Films eventuell in die Hände spiele: am nächsten an der Vorlage bleibt immer noch Disneys eigener, ungeliebter und von den Kritikern zerzauster Zeichentrickfilm zum Buch von 1951. Und an den kann ich mich am Morgen danach dann auch noch erinnern. (5/10)