Review

Mit auffallend wenigen Worten geht dieser Selbstjustiz-Thriller zu Werke, der im kompletten Kontrast zu Pendants wie „Ein Mann sieht rot“ die sehr ruhige, nachdenkliche Schiene fährt.
Dabei konzentriert sich der Stoff überwiegend auf den Rächer und der Reflektion seiner Mechanismen, - weitab von Schwarzweißmalerei und selbstgerechter Moral.
Dennoch steht über allem die Frage, inwieweit man als Leidtragender überhaupt so etwas wie Gerechtigkeit herbeiführen oder gar erzwingen kann.

Wir folgen dem Arzt Dr. Bruno Hamel (Claude Legault), der den Verlust seiner achtjährigen Tochter beklagt, die auf dem Schulweg vergewaltigt und anschließend getötet wurde.
Kurz nachdem der mutmaßliche Täter Lemaire (Martin Dubreuil) gefasst ist, gelingt es Hamel, den Gefangenentransport zu sabotieren und den Schlächter in seine Gewalt, in eine einsam am See gelegene Waldhütte zu bringen.
In sieben Tagen wäre seine Tochter neun Jahre alt geworden, sieben Tage bleiben, an denen der Täter an jeder Stelle seines Körpers spüren soll, welch irrsinnige Pein Hamel durchleidet…

Auf den ersten Blick deutet viel auf einen reinen Folterfilm, ein Kammerspiel mit boshaften Demütigungen hin, doch diese rücken vermehrt in den Hintergrund, je intensiver der Charakter Hamels eine Entwicklung durchmacht und die damit verbundenen Selbstzweifel des 38jährigen Arztes in den Mittelpunkt gerückt werden.
Größtenteils glaubhaft erscheint dabei seine stoische Entschlossenheit, die saubere Planung, um die ermittelnden Cops rund um Herve Mercure (Remy Gerard) von seinem Versteck in der Waldhütte abzulenken.
Auch die zunächst impulsive Vorgehensweise bringt authentische Momente, denn wer würde seinem Opfer zu Beginn nicht gleich eine brachiale Einlage wie das Zertrümmern der Kniescheibe zufügen.
Doch leider sind auch einige Unstimmigkeiten auszumachen.

Denn auf Dauer erscheint es schlicht unrealistisch, dass es einem Peiniger gelingt, seinem Opfer gegenüber dauerhaft zu schweigen. Der gefesselte Lemaire versucht es zunächst mit der Unschuldsnummer, dann gibt er sogar weitere Verbrechen zu und mutiert zum provozierenden Zyniker, - er weiß, dass er wahrscheinlich nicht lebend aus der Sache herauskommen wird. Doch Hamel schweigt, er sanktioniert noch nicht einmal, sondern zieht sich nachdenklich zum See zurück.
Einzig die Metapher des toten Rehs im Unterholz als traumatisches Symbol seiner toten Tochter offenbart im ersten, recht wortkargen Drittel etwas über Hamels Innenleben, während er mit seiner Frau telefoniert und mit ihr in Streit gerät (auch ein Punkt, der insgesamt ein wenig an Authentizität einbüßt).
Hamel hat einen Plan, der zunächst offensichtlich ist, doch erst in der zweiten Hälfte erfahren wir, wie die anfängliche Entschlossenheit einer durchdachten Racheaktion ins Wanken geraten kann.

Das wird vor allem durch die kurzen, aber prägnanten Telefonate mit dem Polizisten Mercure verdeutlicht. Auch dieser leidet unter einem ähnlich tragischen Ereignis, denn er verlor seine Frau bei einem Raubüberfall. Der Täter verweile im Knast, doch verleit das dem Polizisten ein Gefühl der wahren Genugtuung?
Regisseur Daniel Grou ist weit davon entfernt, eindeutige Antworten zu geben, vielmehr lässt er jene Fragen auf das Publikum wirken, - mit dem zunehmend zerrüttet erscheinenden Hamel, der vermehrt zur Flasche greift und trotz gezielter Operation am Unterleib Lemaires am Ende mehr zu leiden scheint, als der vermeintliche Täter.
Auch wenn die komplette Aktion der Selbstjustiz von einigen Randfiguren (Tankstellenfrau, Cop, betroffene Mütter) bejaht wird, gerät der Kidnapper und Folterer Hamel mit seinem Gewissen zusehends in Bredouille.

„7 Days“ ist also kein Film, der sich vordergründig mit expliziten Rachakten beschäftigt, sondern gezielt auf das Innenleben eines Rächers eingeht.
Dabei trägt der fehlende Score ebenso wie die blasse Farbgebung zum trostlos erscheinenden Gesamtbild bei, gleiches gilt für die exzellenten Darsteller, wobei Hauptdarsteller Legault annähernd jede Szene mit seinem körperbeherrschten Spiel an sich reißt.
Das Ende mag vielleicht ein wenig unzulänglich und abrupt daherkommen, doch auf der anderen Seite untermauert es, dass durch Selbstjustiz keine innere Vergeltung herbeigeführt werden kann.
Für impulsiv veranlagte Betrachter sicherlich nicht allzu befriedigend, doch wer sich eingehender auf die vielen Passagen ohne Worte einlässt, könnte eventuell ein paar Botschaften zwischen den Zeilen für sich verbuchen.
7 von 10

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