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Lapot bezeichnet eine in serbischen Gebirgsdörfern offenbar lange gängige Praxis, sich der ältesten Familienmitgliedern, sobald sie zu einer finanziellen Last werden, durch eine rituelle Hinrichtung zu entledigen (das Englische kennt dafür den treffenden Ausdruck senicide). So sollen die Ältesten beispielsweise nach einer schlechten Ernte traditionell und unter Beteiligung des gesamten Dorfes entweder mit Hilfsmitteln wie Äxten oder durch Steinigung ums Leben gebracht worden sein. Bis heute vermischen sich in Bezug auf Lapot Fiktion und Wirklichkeit, Mythos und Realität, und es ist ungeklärt, ob dieser Brauch tatsächlich so stattgefunden haben mag wie die Legende es besagt.

LEGENDA O LAPOTU ist ein halbstündiger TV-Film, den Goran Paskaljevic im Jahre 1972 drehte, und den man wohl am besten als Dokudrama bezeichnet. Rein vom Gestus her scheinen wir es hier mit einer Dokumentation zu tun zu haben. Die Kamera zeichnet nüchtern und emotionslos die Ereignisse in dem von der Welt abgeschiedenen Bergdorf auf, beschränkt sich darauf die Vorgänge zu zeigen, ohne sie zu interpretieren oder zu kommentieren. Bis auf eine Texttafel zu Beginn und drei bis vier Sätzen, die im Film fallen, bleibt das gesprochene Wort völlig außen vor. LEGENDA O LAPOTU lässt die Illusion entstehen, dass wir uns mitten in jenem Dorf befinden und selbst Zeuge der Geschehnisse werden. Es scheint, als sei da keine Kamera, nur unsere eigenen Augen. Irgendein Hinweis darauf wie man den Film verstehen soll, bleibt aus. Er ist vollkommen wertfrei, liefert seine Bilder, als seien sie echt, und überlässt jeden Betrachter den Gedanken, die er sich dazu machen will.
Doch natürlich hat Paskaljevic seinen Film von Anfang bis Ende inszeniert und seine Bilder durchdacht komponiert. Aber selbst wenn man das weiß und sich ständig ins Gedächtnis ruft, entfaltet der Film eine ungemeine Wirkung. Zunächst zeigt der Film die Dorfbewohner bei alltäglichen Tätigkeiten. Die Ernte fiel dieses Jahr schlecht aus und das älteste Mitglied einer Familie wird immer gebrechlicher. Eines Nachts stellt einer seiner Söhne der restlichen Familie flüstern die Frage, ob es nicht Zeit wäre, den alten Mann dem Lapot zuzuführen. Der Greis ist wach und hört alles mit. Am nächsten Tag wird der Weise des Ortes aufgesucht, der offenbar keine Einwände vorbringt, sondern sofort alles für den Lapot vorbereitet. Lethargisch und mit einem Gesicht voller Furcht lässt der Greis sich mitten in der Nacht in einem Fackelzug aus dem Dorf in die Berge bringen, wo ihn nach Aufgang der Sonne die rituelle Steinigung erwartet.

LEGENDA O LAPOTU ist einzig und allein mit minimalistischen Trommelschlägen unterlegt, die eine äußerst beklemmende Stimmung hervorrufen. Einige der häufig horizontalen Kamerafahrten sind, ebenso wie die letzte Kameraeinstellung, schlicht großartig. Ein Geheimtipp, keine Frage.

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