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Mit den Drehbüchern zu Filmen wie „Stirb langsam – Jetzt erst recht“ und „Armageddon“ sowie seinem Regiedebüt „The Punisher“ hatte sich Jonathan Hensleigh einen Ruf als Actionspezialist erarbeitet, weshalb sein „Kill the Irishman“, in einigen europäischen Ländern wie Deutschland als „Bulletproof Gangster“ veröffentlicht, teilweise auch als Actionfilm angekündigt oder rezipiert wurde, obwohl es sich dabei um ein klassisches Gangsterdrama handelt.
Der irische Gangster beider Titel ist Danny Greene (Ray Stevenson), den es wirklich gab. Hensleighs Film basiert auf dem Sachbuch „To Kill the Irishman: The War That Crippled the Mafia“ des früheren Polizisten Rick Porrello, der seine filmische Entsprechung in dem Cop Joe Manditski (Val Kilmer) findet. Joe fungiert als Erzähler aus dem Off und als Figur im Film, ging als Kind in die gleiche Schule wie Danny und wird als Erwachsener von Berufs wegen Zeuge von dessen Taten. Im explosiven Auftakt wird man Zeuge, dass dieser Gangster nicht nur kugel-, sondern auch bombensicher ist, als man Danny Mitte der 1970er in seinem Auto in die Luft jagen will, er aber gerade noch rechtzeitig Lunte riecht und aus dem explodierenden Vehikel herausspringt.
Der Vorgriff setzt die Stimmung und sorgt für Schauwerte, danach erzählt „Bulletproof Gangster“ recht streng chronologisch. In der Schule muss sich Danny in Schlägereien durchsetzen, nach dem Abschluss wird er Malocher am Hafen, wobei er sich durch Lesen ständig weiterbildet. Das bringt ihn an die Spitze der Gewerkschaft, wo er bessere Bedingungen für seine Leute erstreitet. Danny Greene ist nicht wie Henry Hill aus dem offensichtlichen Vorbildsfilm „GoodFellas“, der sein ganzes Leben lang Teil der Mafia sein wollte, sondern fängt als rechtschaffener Mann mit guten Absichten an. Tatsächlich ist es sogar seine Hilfsbereitschaft, die sein Abrutschen ins kriminelle Milieu ermöglicht: Als sein Kumpel Art Sneperger (Jason Butler Harner) Spielschulden bei der Mafia hat und diese nicht zurückzahlen kann, lässt er sich auf einen verhängnisvollen Deal ein.

Von da an nämlich dürfen die Mafiosi regelmäßig aus den Containern am Hafen räubern, wobei auch stets etwas für Danny abfällt. Das ist allerdings erst der Anfang eines Verbrecherlebens, in dem Danny mal mit der Mafia, mal gegen sie agiert, was in letzterem Falle zu einem echten Gangkrieg in Cleveland ausartet…
Die Tatsache, dass Danny Ire ist, dürfte noch am ehesten ein Alleinstellungsmerkmal von „Bulletproof Gangster“ sein, ansonsten arbeitet Hensleigh als Regisseur und Co-Autor des Films brav die Standards des Gangstergenres ab, die Scorsese und Co. vorgegeben haben. Da gibt es den ersten Gefängnisaufenthalt, den ersten Mord seitens des Ex-Gewerkschaftsführers, die Ehe und Familiengründung mit der Barkeeperin Joan Madigan (Linda Cardellini), die durch Dannys Gangsterleben auf die Probe gestellt wird und irgendwann zerbricht usw. usf. Auch bildlich und inszenatorisch kommen einem manche Kniffe bekannt vor, etwa die Montage, die Dannys Aufstieg zeigt und in der seine Leute immer wieder Diebesgut ins traute Eigenheim bringen. Den Genregesetzen treu bleibend endet „Bulletproof Gangster“ dann auch mit dem gewaltsamen Tod Greenes, der zwar sehr viele Attentatsversuche überlebte, auf die Dauer aber doch nicht kugel- bzw. bombensicher war. Ein kurzer Nachklapp schildert die Folgen seines gewaltsamen Todes für das Verbrechensgefüge in Cleveland.
Im Gegensatz zu vielen anderen Crime- und Gangsterfilmen macht Hensleigh aus dem Stoff kein auslandendes Epos, sondern erzählt die Geschichte von Danny Green in gut 100 Minuten, was dem Ganzen aufgrund seiner Verdichtung bisweilen einen episodischen Charakter gibt. Aufstiege und Rückschläge reihen sich aneinander, nach seiner Verurteilung und Verbannung aus dem Gewerkschaftswesen arbeitet Danny erst als Handlanger, später baut er gemeinsam mit seinem Mafiakumpel John Nardi (Vincent D’Onofrio) eine Schattengewerkschaft unter den Müllkutschern auf. Doch trotz mancher Zeitsprünge kann Hensleigh schon ein Bild seiner Titelfigur formen: Danny erliegt den Verlockungen der Unterwelt, wird durch die Umstände auch dazu gezwungen im kriminellen Milieu zu bleiben und empfindet einen gewissen Stolz. Einmal an die Macht gewöhnt, lässt er sich von niemanden herumkommandieren, sei es die Mafia, die Polizei oder eine Horde Rocker, die ihr Hauptquartier gegenüber von seinem Eigenheim hat. Und doch steckt immer noch der ehrbare Gewerkschafter von einst in ihm, der für die Leute in seinem Viertel das Beste will, etwa wenn er die Mietschulden seiner alten, irischen Nachbarin Grace O’Keefe (Fionnula Flanagan) übernimmt, obwohl diese wenig von seinen kriminellen Umtrieben hält.

Zudem umgibt Hensleigh seinen Protagonisten mit genügend markanten Nebenfiguren. Da ist Nardi, der zwar eine hohe Position in der Mafia hat, aber immer wieder den großen Aufstieg verpasst, weil er von seinem Konkurrenten Jack Licavoli (Tony Lo Bianco) ausgebootet wird. Die Allianz von ihm und Greene ist eine natürliche, da beide sich trotz ihrer Macht immer wieder in der Position des Bittstellers vorfinden. Da ist Alex ‘Shondor‘ Birns (Christopher Walken), ein mit der Mafia assoziierter, jüdischer Restaurantbesitzer, Gangster und Kredithai – einerseits ein Gönner, der aber andrerseits ganz andere Seiten aufziehen kann, wenn er sich nicht respektiert fühlt. Da ist Keith ‘The Enforcer‘ Ritson (Vinnie Jones), der als schlagkräftige Unterstützung zu Dannys Crew stößt und ihm das Durchstarten in der Gangsterszene nach Ende seiner Gewerkschafterkarriere ermöglicht. Da sind Dannys Freunde aus Malochertagen, so wie Art, die Teil seiner Crew sind, aber unterschiedlich gut für das Gangsterleben gemacht sind. Da ist der resolute Müllkutscher Mike Frato (Steve Schirripa), der anfangs ein freundschaftliches Verhältnis zu Danny pflegt und diesen erst auf das Abfallgeschäft bringt, aber zu seinem Gegenspieler wird, als Danny ihn zum Eintritt in die Gewerkschaft zwingen will, die eher eine Art Schutzgelderpressung ist.

Die Ausstattung und Requisite des Ganzen wirken authentisch, zugleich können Hensleigh und sein Kameramann Karl Walter Lindenlaub auch den Look der Sixties und Seventies authentisch reproduzieren. Dabei helfen auch einige reale Nachrichteneinspieler der damaligen Geschehnisse, die vielleicht nicht nur aus Atmosphäre-, sondern auch aus Kostengründen gewählt wurden. Manche aufwändige Szene der 12-Millionen-Dollar-Produktion konnte aufgrund des Budgetplans auch nur einmal gedreht werden, was vielleicht auch erklärt, warum manche Explosion mit dem Wumms des Handgemachten daherkommt, manch anndere Explosion dagegen mit CGI aufgewertet oder komplett animiert werden musste – diese sehen nämlich deutlich unechter aus, weil für High-End-Effekte kein Geld da war. Für entsprechende Schauwerte sorgt der Krieg rivalisierender Banden im letzten Drittel, doch diese verkommen nicht zum reinen Action-Selbstzweck. Aber wie viele andere Gangsterfilme schildert „Bulletproof Gangster“ eben auch die brutalen Seiten des Geschäfts: Die Autobomben, die Auftragsmorde, das Überschreiten eigener moralischer Grenzen, die Schutzgelderpressungen, die Schlägereien auf offener Straße, weil man sich für unantastbar hält. Selbst der Meuchelmörderknilch, der als Vertrauensbeweis im Kofferraum abgestochen wird, wird im Inventar des Scorsese-inspirierten Gangsterfilms nicht vergessen.
In der Hauptrolle des Films hat Ray Stevenson ordentlich Präsenz, sowohl körperlich auch darstellerisch ein Powerhouse, das den Film zu tragen weiß. Um ihn herum gruppiert Hensleigh einige Charakterdarsteller, die das Material veredeln, vor allem Vincent D’Onofrio, der den Widerspruch von Nardi perfekt einfängt, nämlich ein hohes Tier zu sein, das stets mit der Schmach zu kämpfen hat klein gehalten zu werden. Stark ist auch Schauspielschwergewicht Christopher Walken, der Shondor mit nur wenig Screentime als Machtmenschen etabliert. Val Kilmer bleibt eher am Rande als vielleicht einzige Figur mit moralischem Kompass, aber schafft es dabei trotzdem Präsenz zu haben. Vinnie Jones kann seinen Raubein-Charme einbringen, in Nebenrollen setzen Leute wie Paul Sorvino, Mike Starr, Steve Schirripa und Tony Lo Bianco mit ihren Charakterfressen Akzente – viele davon sind im Gangstergenre eh fest verankert. Bob Gunton überzeugt in einer kleinen Rolle als früherer Chef Greenes, während Robert Davi den Hitman spielt, der Greene letztendlich zur Strecke bringt, rollenbedingt aber nur selten zu sehen ist und dann sein Gesicht kaum zeigt. Die drei größeren Frauenfiguren des Films können da mithalten, nämlich Linda Cardellini als Ehefrau, Laura Ramsey als spätere Freundin Greenes und Fionnula Flanagan als Nachbarin, auch wenn letztere oft in Szenen zu sehen ist, in denen Hensleigh das Irisch-Sein seines Protagonisten bisweilen etwas zu überinszeniert. Auch bei Greenes letzter Szene vor dessen Ableben trägt der Regisseur das Pathos etwas zu dick auf.

Am Ende des Tages ist „Bulletproof Gangster“ dann vielleicht kein „Der Pate“ oder „Casino“. Dafür befolgt Hensleigh die Genreformeln etwas zu brav, fügt diesen kaum etwas hinzu und inszeniert seinen Film (vielleicht auch budgetbedingt) nicht episch genug. Aber dank des Stils, der tollen Besetzung und der stimmigen Umsetzung besagter Genreformeln ist „Bulletproof Gangster“ ein guter, wenn auch nicht überragender Gangsterfilm.

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