1994 lieferte Jackie Chan mit “Drunken Master II” den wohl definitivsten Beitrag zum Thema “Drunken Boxing”. Der kunstvolle Umgang mit der Schwerkraft fern jeglicher Hilfsmittel begeisterte das Publikum, zumal der ins Spiel gebrachte Alkohol wie ein Katalysator für die Chan-typische Comedy wirkte. Insofern erwies sich der Film als perfekte Symbiose der einzelnen Elemente des Subgenres, das jener Jackie Chan in der Post-Bruce Lee-Periode hervorgebracht hatte.
Dies tat er nicht zuletzt durch das Prequel zu “Drunken Master II”. “Sie nannten ihn Knochenbrecher” machte Jackie Chan anno 1978 über die regionalen Breitengrade hinaus berühmt, und damit auch sein Kung-Fu-Comedy-Konzept. Schon damals mischte auch Charakterkopf Simon Yuen Siu Tin als Jackies Meister mit. Dieser Simon Yuen ist nun auch mit einer quasi identischen Rolle in einem gleichaltrigen Film von Yip Wing Cho zu finden, der in Deutschland unter dem übelst trashigen Titel “Schlitzauge sei wachsam” seine Runden macht.
Dies erklärt dann auch, weshalb EuroVideo es brachte, eine Ausbildungsszene zwischen Yuen und Chan aus “Sie nannten ihn Knochenbrecher” auf die DVD-Box der “Drunken Master”-Reihe zu setzen, obwohl der Film selbst nicht darin enthalten ist. Nur fungiert Simon Yuen als Prototyp eines Drunken Master, wie ihn selbst die jüngsten Generationen zumindest aus Prügelreihen wie “Virtua Fighter” oder “Dead or Alive” kennengelernt haben. Alt, klein, graues Haar, langer Bart, rote Schnapsnase, kichernd wie ein Schulmädchen, stets eine oder mehrere Fläschchen Wein um die Taille gebunden.
Die Tatsache, dass der Drunken Master - hier “Alte Schildkröte” genannt - unseren Hauptdarsteller - ein frecher Knirps (Wong Yat Lung) namens Wang bzw. “Schlitzauge” - und seinen Wegbegleiter “Tiger” (Leung Kar Yan) ausbildet, sollte zur Annahme verleiten, dass uns hier ein lupenreiner Drunken Boxing-Film mit viel Schnaps und Albernheiten erwartet. Aber weit gefehlt. An Albernheiten mangelt es zwar im Zuge des grenzenlosen Overactings aller Beteiligten nicht, aber was den Alkohol betrifft, sitzt man mehr oder weniger auf dem Trockenen. Das beinahe liquide Drunken Boxing wird überhaupt nicht angewandt, und der Schnaps, obwohl stets in Greifnähe des Meisters, gelangt nur zu einem einzigen Schluck in die Kehle.
Das bedeutet nun nicht, dass wir nicht mit feinster Martial Arts-Kunst verwöhnt werden. Unsere drei Hauptdarsteller jonglieren sich mit verblüffender Eleganz durch das kleine Abenteuer, was besonders beim kleinen Wong Yat Lung Erstaunen bereitet. Schließlich gerade mal höchstens 12 Jahre alt, führt er sich auf wie ein mit Aufputschdrogen aufgemischter Schimpanse, dessen Knochen aus Gummi bestehen. Da hangelt er sich wie ein nasses Handtuch mit dem Rücken über eine Stange, als hätte man ihn, Kopf an die Waden, in der Mitte entzweigeknickt, um gleich im nächsten Moment wie eine Sprungfeder aufzuhüpfen und in Kranich-Stellung zu gehen.
Welche Vorgeschichte nun dahintersteht, ist natürlich eine andere Frage. Diese Agilität erfordert viel Training, und zwangsläufig kommen einem moralische Fragen in den Sinn bezüglich der Frage, ob man so einen jungen Knirps wirklich so fordern sollte und darf. Da Lung sogar Hauptdarsteller ist und sich der Film um seine Ausbildung dreht, überträgt sich dieser moralische Aspekt auch auf die Filmhandlung: ist es sinnvoll zu zeigen, wie ein Mini-Knirps von einem zwar lustigen, aber strengen Tattergreis an seine körperlichen Grenzen geführt wird? Zugegeben, “Schildkröte” Simon Yuen geht mit seinem jungen Schüler zimperlicher um als mit Jackie Chan in “Sie nannten ihn Knochenbrecher”, der letztendlich durch sein Wassereimer-Stemmen und ähnliche Scherze sehr viel härter angepackt wurde. Dennoch ist die Art und Weise seiner Ausbildung zweifellos nahezu übereinstimmend mit der des Knochenbrechers. Auch hantiert der Knirps ganz zwanglos mit Wein herum. Allerdings sollten da selbst von deutschen Stellen mal beide Augen zugedrückt werden, was ja wohl auch geschehen ist, da die deutsche DVD (deren darauf enthaltene Fassung mir zur Besprechung vorliegt) ab 12 freigegeben ist; zumal das kleine “Schlitzauge” zu Beginn von einem wütenden Markthändler mit dem Hackebeil verfolgt wird, weil er ihn des Stehlens bezichtigt und ihm dafür die Hand abhacken will.
Neben dem Wichtelzwerg steht sein erwachsener Co-Star Leung Kar Yan etwas hilflos da, obwohl die spektakulärsten Kampfszenen auf seine Kappe gehen und er auch viel Charisma versprüht. Doch schießt der Plot hier einen Bock, denn irgendwie wird der Sinn seiner Präsenz nie so ganz klar. Mit der Lokaldame (O Yang Lin-Lung) wird ihm sogar eine Love Interest vorgesetzt, aber die ganze Sache mag sich nicht so recht entwickeln. Ansonsten hält er einfach nur als Beweis dafür her, dass die Ausbildung eines Knirpses alleine des Drunken Masters unwürdig ist. Es bedarf da schon noch eines erfahreneren Schülers, der dann eben mit einem zweiten Auszubildenden in Form von Kar Yan geboten wird. Aber rein strukturell macht seine Anwesenheit keinen Sinn. Der “Knochenbrecher” hat keinen Kollegen gebraucht, und selbst Quentin Tarantino schickt seine “Braut” in “Kill Bill” alleine zu Meister Pei Mei. Dafür entschädigt Kar Yan aber mit bester Spielfreude, wenn auch genretypisch mitunter sehr stark overactend.
Die Ausbildung als solche erweist sich allerdings als über alle Maßen unglaubwürdig. Als wir “Schlitzauge” und den “Fuchs” kennenlernen, haben sie zwar bereits eine Menge drauf, sehen aber letztendlich gegen viele Gegner doch alt aus. Einmal kurz von der “Schildkröte” ausgebildet (gefühlte Zeit: einen Tag), sind sie unbesiegbare Superschüler, die auf jeden Move die passende Antwort haben, und bedarf sie noch so viel Akrobatik. Zu lange hält sich Regisseur Yip Wing Cho in dem 80-Minüter vielleicht mit der Vorgeschichte um das Zusammenfinden der zwei Schüler und des Meisters auf, denn bevor es zur ersten Trainingseinheit kommt, ist schon viel Zeit vergangen. Will man da schnell zum alles entscheidenden Finale gegen den elegant gekleideten Gangster-Obermotz kommen, muss die Ausbildung schnell abgeschlossen werden.
Gelungen ist jedoch das Einhämmern der Trainingsreihe, die diesen Obermotz am Ende in die Knie zwingen wird. Die “Schildkröte” lehrt den “Fuchs” eine Reihe von Stilen, die wie Computerspiellevel übereinander geschichtet sind und bei denen man sich schrittweise auf die nächste Sphäre hocharbeiten muss. Die Bezeichnungen dafür sind so, wie man sie kennt: der “schlafende Mann” wird abgelöst vom “schlafenden Vogel”, dann kommt der “Affe”, die “Fee” und als Höhepunkt der “Gott”. Ganz besonders klasse: jede Sphäre wird mit einem von Echo unterlegten Urschrei abgeschlossen, der wohl irgendwie ein Gähnen darstellen soll und jenen Übergangspunkt auf die nächste Ebene markiert. Da nehmen sich Osten und Westen wohl nicht viel, denn als Spencer/Hill-Fan wird man unweigerlich an die Bud Spencer-Kopfnüsse mit dreifachem Echo erinnert. Zu bemerken ist weiterhin noch, dass “Tiger” Kar Yan, obwohl sonst mit einer ganz anderen Ausstrahlung, bei seinem Gesichtsausdruck der “schlafenden Fee” enorm an Jackie Chan erinnert.
Der Humor im Gesamten ist dann auch dementsprechend albern und dürfte nicht jedermanns Geschmack sein, aber wer das Genre mag, wird sich schnell heimisch fühlen. Die Dialoge drehen sich meist um das Angeben und Prollen. Mit Kampfeslust wird also ganz und gar nicht gegeizt. Das “Kämpfe nur, wenn es notwendig ist” scheint eine Erfindung der “Karate Kid”-Generation zu sein, denn die Chinesen, die man in diesem Film sieht, führen sich auf wie rollige Rüden - könnte man zumindest meinen, wenn sich Damen in der Nähe befinden würden, aber tatsächlich bleibt die Damen-Gesellschaft abgesehen von O Yan Lin-Lung außen vor. Zurückhaltung wird aber nicht einmal von der weisen “Schildkröte” ausgeübt, wobei diese es ob ihrer Fähigkeiten auch nicht nötig hat. Das Motto lautet jedenfalls “Offensive vor Defensive”.
Optisch fügt sich “Schlitzauge sei wachsam” nahtlos in das Bild der Zeit ein. Zu sehen bekommen wir Laubwälder, kleine Hütten, gemütliche Dörfer, Bars, Restaurants und Ausbildungstempel - eben das alte Lied. Lediglich die ersten Bilder, scheinbar eine Art Vorspann, stechen da hervor. Eingetaucht in einen fast komplett roten Hintergrund sehen wir mehrere Szenenmontagen von Trainingskämpfen der Hauptdarsteller, die dann jeweils mit einem Standbild abgeschlossen werden und schon mal eine erste Kostprobe dessen geben, was den Zuschauer in den folgenden 80 Minuten erwartet.
So ist “Shui quan guai zhao” (um mal die deutsche Übersetzung etwas auszuklammern) ein für den Genrefan leicht verdauliches Filmchen aus dem gleichen Produktionsjahr wie Chans erster “Drunken Master”. Geboten werden reichlich spektakuläre Kämpfe und ein witziges Dreigespann aus drei verschiedenen Generationen, das mit zugegeben etwas übertriebener Spiellaune glänzt. Der unausgewogene Plot kann aber keine Preise gewinnen, dafür ist die Einleitung zu lang und die Ausbildung zu kurz. Zudem bleibt der Sinn von Kar Yans Anwesenheit wohl für immer ein Geheimnis der Verantwortlichen, wenn er sich auch recht überzeugend aus der Affäre zieht. Ein Schlangenjunge und diverse komische Gesichter mit urzeitlichen Gähngeräuschen machen das zweifelhafte Sehvergnügen komplett.