Der Vorspann ist toll. Die Kamera fährt eine Wohnung ab, und die Namen von Cast und Crew sind auf diversen (Einrichtungs-)Gegenständen zu lesen: in Kissen gestickt, in Toasts gebrannt, auf einer Zahncreme-Tube gedruckt, auf einem Taschenrechner-Display angezeigt, etc. pp. Klingt langweiliger als es ist. Denn diese Main Title Sequenz ist nicht nur unglaublich ästhetisch, sondern zeugt immer wieder aufs neue von großem Ideenreichtum.
Der Besitzer der vollgestopften Wohnung, welche im Vorspann detailliert gezeigt wird, ist ein Neurotiker und Agoraphobiker. Warum er seine Bude seit einem Jahr nicht verlassen kann und welche schmerzhaften Erinnerungen ihn plagen, wird alsbald anhand einer Rückblende (die fast den gesamten Film ausmacht) gezeigt:
Genauer gesagt ist es keine Rückblende, sondern eine extrem subjektive und verfremdete Erinnerung des Protagonisten an einen Train Trip durch Europa, den er vor einem Jahr mit seinem besten (und wohl einzigen) Kumpel unternommen hat:
Weil er Schwierigkeiten hat, Beziehungen mit Frauen aufrecht zu erhalten, gerade verlassen wurde und unter einem gebrochenem Herzen leidet, bietet sein Kumpel ihm eine Rundreise durch Europa an, um auf andere Gedanken zu kommen. Während dieser Reise wird ein sehr gelungenes Bild der Männerfreundschaft und der Psyche der beiden sehr unterschiedlichen Männer skizziert. Ihre Freundschaft leidet, als sie auf ihrer Reise eine geile und exzentrische Spanierin aufgabeln, an der sie beide interessiert sind, nur dass jeder der beiden andere Motive hat.
Die Gründe, warum der Protag sich nach dieser Reise in seiner Wohnung verschanzt hat und fast lebensunfähig geworden ist, werden nach und nach aufgedeckt. Dies geschieht auf emotional durchaus ansprechende Weise, und wird nicht nur durch die Erzählung und die Figuren, sondern vor allem auch durch die formale Gestaltung des Films getragen.
Denn die Visualisierung all dessen ist absolut surreal. Der damalige Trip durch Europa ist in der Erinnerung des Protags total verfremdet: Die Umwelt (also die Bildhintergründe) sind oft animiert oder gezeichnet, Lagerfeuer bestehen aus flatternden Papierstreifen, eine Kirmes mit Karussells aus Uhrwerken, ein Stier aus goldenen Zahnrädern, etc. usw usf.
Das sieht teilweise wirklich grandios aus, und der Film überrascht immer aufs Neue mit erstaunlichen visuellen Ideen. Europa sieht in der Erinnerung des Protags wie ein dunkles, böses Märchen aus. Ebenfalls die Menschen, die ihm und uns auf dem Euro-Trip begegnen, sind in der Erinnerung total unwirkliche, überzeichnete Gestalten.
Zur atmosphärischen Dichte dieser lakonischen Erinnerungsreise tragen auch skurrile Schilder wie "Willkommen nach Deutschland" bei, oder Polen, die irgend etwas sprechen, aber sicherlich kein polnisch.
Der gesamte Film besteht wirklich auf allen Ebenen aus einer stark subjektiv verfremdeten Erinnerung eines seelisch kranken Mannes, was so weit geht, dass man sich als Zuschauer nie sicher sein kann ob der Richtigkeit der Ereignisse, die auf dieser Reise geschehen sind.