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Weihnachtsgeschichten gibt es viele. Doch wenn man sich nach den drei bekanntesten, beliebtesten und wohl auch besten Weihnachtsgeschichten erkundigt, dann dürfte man wohl so gut wie überall die gleichen Antworten erhalten. Als erstes natürlich "Die Weihnachtsgeschichte", die biblische Geschichte von Maria, Josef und der Geburt Jesu Christi. Dann "Charles Dickens Weihnachtsgeschichte" um den geizigen Ebenezer Scrooge und seiner Wandlung zum guten Menschen. Und als drittes "Dr. Seuss How the Grinch stole Christmas". Obwohl diese Geschichte erst mit der 2000-Verfilmung von Ron Howard weltweite Berühmtheit erlangte, so kennt sie in Amerika wirklich jedes Kind. Zum einen liegt das natürlich am Buch, zum anderen aber auch an dieser liebevollen Zeichentrickumsetzung von Zeichentrick-Genie Chuck Jones, die in Amerika zu Weihnachten auf und ab läuft.

"Die gestohlenen Weihnachtsgeschenke", so der deutsche Titel des Kurzfilmklassikers, erzählt die Geschichte von Wer-Stadt (wurde hier wirklich so übersetzt) in der sich die "Wers", wie jedes Jahr, aufs Weihnachtsfest freuen. Nur der griesgrämige Mr. Grinch (den Dr. Seuss sicher in Anlehnung an Ebenezer Scrooge erfunden hat) nicht. Eines Jahres hat er deshalb die Idee, das Weihnachtsfest, mit all seinem Prunk und Klang, einfach zu stehlen, damit die "Wers" vor Trauer das Fest ausfallen lassen. Doch da hat sich der grüne Miesepeter kräftig geirrt... Man muss es einfach zugeben, die Geschichte, um das grüne Fantasywesen namens Grinch, ist von der ersten bis zu letzten Silbe ein wunderschönes X-Mas-Märchen für Kinder. Es gibt tolle, fantasiereiche Figuren, eine wunderbar vorgetragene Message und viel, viel Spaß. Auch wenn das ganze Treiben sicher schon etwas angestaubt wirken mag, so ist die Geschichte selbst heute noch topaktuell, vielleicht sogar aktueller als damals. Denn die wahre Bedeutung von Weihnachten ist in der heutigen, totalen Konsumierung des Weihnachtsfestes, vielleicht noch viel schwerer zu finden als 1966!

Was die Umsetzung der Geschichte angeht, haben Chuck Jones & Dr. Seuss, der an der Verfilmung sowohl als Produzent als auch als Drehbuchschreiber maßgeblich beteiligt war, weder Kosten noch Mühen gescheut und bieten einen Cartoon in bester Chuck Jones-Manier, den wir alle noch zu gut als Erfinder der Looney Tunes kennen. Die Animationen sind für damalige Zeiten wirklich gelungen. Der Fantasie waren bei der Zeichnung, des hässlichen und stinkigen Grinch und der liebevollen Whos, wirklich keine Grenzen gesetzt. Die Animationen sind flüssig und können gefallen, auch wenn sie sicher, altersbedingt, ebenfalls schon recht angestaubt wirken. Doch wer schon immer die guten alten Trickfilme den moderneren Animationsfilmen vorgezogen hat, der dürfte an diesen nostalgischen Zeichnungen seine Freude haben.

Aber auch soundtechnisch wird einiges geboten. Zum einen gibt es drei wunderbare Musical-Nummern zu hören, die später auch in der 2000-Version vorhanden sein sollen. "Hang Up the Tree", "Welcome Christmas" und vor allem "You're a Mean One Mr. Grinch" dürften in Amerika wohl schon längst Klassiker sein, die jedes Kind auswendig kann. Dazu eine hervorragende Untermahlung der Soundeffekte, die sich ebenfalls hören lassen kann und das Gezeigte glaubwürdig rüberbringt.

Dazu die wunderbare Stimme von Boris Karloff, der hier sowohl den garstigen Mr. Grinch, als auch den Erzähler gibt. MIt seiner urgewaltigen Stimme haucht er dem Grinchen, auf wirklich beeindruckende Art und Weise, Leben ein, was wohl kaum jemand anderen so toll gelungen wäre, zumindest im Original. Für die deutschsprachigen Kinder darf man sich derweil über Wolfgang Völz als Grinch freuen, der ebenfalls erstklassige Arbeit ablegt und es dem erwachsenen Zuschauer somit sehr schwer macht, sich zwischen der deutschen und der Original-Version zu entscheiden. Nun ist das Kurzfilmerlebnis eigentlich perfekt.

Einziger kleiner Nachteil dieser Version ist die Tatsache, dass sie ab und an etwas eckig wirkt, was aber vor allem auch daran liegen mag, dass man als Kenner der Spielfilmversion viele Details vermisst, die in einem 24-Minüter natürlich keinen Platz haben und bei der Entstehung wohl auch noch nicht angedacht waren. So werden einem z. Bsp. die Charaktere der Whos eigentlich überhaupt nicht vorgestellt und an vielen Stellen hat man immer wieder irgendwie das Gefühl, das etwas fehlt. Wer die "Langfassung" der Geschichte aber nicht kennt, dem dürfte wirklich ein perfekter X-Mas-Kurzfilm ins Haus stehen.

Fazit: Wunderbares Kurzfilmerlebnis, das vor allem den Kleinsten der Kleinen große Freude bescheren dürfte. Dr. Seuss Geschichte vom miesepetrigen Weihnachtshasser Grinch ist einfach wunderbar schön, nicht nur für Amerikaner, und aktueller denn je. Auch wenn Chuck Jones Umsetzung heutzutage etwas angestaubt wirken mag und, zumindest für Kenner des "Remakes" aus dem Jahre 2000, sicher auch nicht ganz frei von Ecken und Kanten ist, so kann man den Klassiker-Status auch hierzulande voll und ganz nachvollziehen und freut sich über 24 Minuten schönste Weihnachtsunterhaltung. Und wenn die Kinder dann im Bett sind, dann gibt man sich am besten auch gleich noch mal das Original. Denn so genial Wolfgang Völz auch in der deutschen Version ist, Boris Karloff ist im Original eigentlich unschlagbar!

Na denn, frohe Weihnachten!

Wertung: 8/10 Punkte

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