"Sperrst du Tiere lange genug ein, fangen die Starken an die Schwachen zu fressen."
Das Geld ist knapp nachdem Travis (Adrien Brody) seinen Halbtagsjob als Altenpfleger verloren hat. Daher nimmt er an einem zweiwöchigen Experiment teil, für das ein hohes Honorar lockt. Eingeteilt in Häftlinge und Wärter begibt sich Travis in der Rolle eines Häftlings mit 25 weiteren Versuchspersonen in einen nachgebauten Gefängnistrakt. Die Aufgabe der Wärter besteht darin, festgelegte Regeln ohne Gewalteinsatz durchzusetzen. Während zu Beginn das Gemüt der Personen noch heiter ist, gewöhnen sich die Teilnehmer immer mehr an ihre Rollen. Bereits am zweiten Tag eskaliert die Situation, in der sich insbesonders Travis und der Wärter Barris (Forest Whitaker) grenzwertige Machtkämpfe liefern.
Aus Ideenmangel nimmt sich Hollywood nicht nur ältere Filme vor und legt sie neu auf. Auch immer mehr europäische Filme finden dort eine mal bessere, mal schlechtere Umsetzung an amerikanische Verhältnisse. Mit "The Experiment" passiert dies mit Oliver Hirschbiegel's populärem Drama "Das Experiment" um das berüchtigte Stanford-Prison Experiment aus dem Jahre 1971. Bereits seine Version hielt sich nicht strikt an reelle Ereignisse. "The Experiment" entfernt sich durch seine kürzere Laufzeit und der leicht abgewandelten Interpretation aber nochmals ein Stück weiter.
Bereits zum Vorspann spürt man, dass "The Experiment" mehr schocken will als die deutsche Version. Bilder von angriffslustigen Tieren die gewaltsam aufeinander losgehen bereiten schon auf die Extremsituation vor, die durch den Versuch provoziert wird. Tatsächlich rückt das Remake die Methoden der Erniedrigung deutlicher in den Vordergrund. Hier wird die Lust am Machtmissbrauch nicht durch begeisterte Gesichtszüge, sondern eine Erektion präsentiert.
Im späteren Verlauf werden auch gewaltsame Übergriffe drastischer und teilweise plakativ visualisert. Wer bereits Hirschbiegel's Film gesehen hat, wird jedoch gerade in diesem Bereich einige Szenen entdecken, die nahezu identisch übernommen wurden.
Am meisten lebte schon das Original von der Intensität der Eskalation zwischen den Hauptfiguren. Und gerade hier macht die amerikanische Variante grobe Fehler. Statt interessanter Charaktere zu präsentieren, spendiert man ihnen nur die üblichen und absolut langweilgen, austauschbaren Abziehbilder aus der Klischeekiste. Eine gewisse Beklemmung entsteht erst im letzten Drittel des Films. Und diese Beklemmung entsteht durch die eskalierte Situation, somit nicht durch die Charaktere.
Die Handlung opfert aufgrund der knappen 90 Minuten nicht nur Handlungsstränge bei den Figuren, sondern auch ganze Passagen, die für die Erklärung des Versuchs notwendig gewesen wären. Die wissenschaftliche Instanz ist so gut wie garnicht zu sehen, was zu Erklärungsnot oder gar löchriger Handlung führt. Ganze Sequenzen sind nur oberflächlisch und überhastet erzählt. Die grundsätzliche Struktur der psychologischen Zerlegung ist jedoch vorhanden und funktioniert zum größten Teil, wodurch der Film nicht völligst belanglos wird.
Während sich die darstellerischen Leistungen von Adrien Brody ("King Kong", "Predators") und Forest Whitaker ("Panic Room", "8 Blickwinkel") durchgängig auf gewohnt hohem Niveau befinden, geben sich sämtliche Nebendarsteller unbeholfen und träge. Die strikte und eintönige Charaktervorgabe lässt ihnen nicht viel Raum um zu interagieren und genau dies ist so auch sichtbar.
"The Experiment" kommt in keinster Weise an das deutsche Original heran, enthält aber immerhin noch rundimentär die Spannungen der beiden Hauptcharaktere und die abschließende Aussage über die Steigerung von Machtkämpfen bis zur Eskalation. Durch den Verzicht von greifbaren Charakteren sowie der Einsparung einer längeren Laufzeit ist das Thrillerdrama hektisch bis oberflächlich, und präsentiert seine Stärken durch drastische Szenen erst im letzten Drittel des Films. Ein wenig mehr inszenatorisches Fingerspitzengefühl und Liebe zum Detail hätten hier ein kleines Wunder bewirkt. Knappe...
7 / 10