Der Film wurde ohne den Aspekt des Vergleichs mit dem 2001er Original von Oliver Hirschbiegel gesehen und wird auch ohne Bezug auf diesen bewertet. Es wurde ihm sozusagen eine neutrale Chance gegeben.
Leider hat er diese deutlich nicht genutzt. Die Story des Gefängnis Experiments wird als bekannt vorausgesetzt. Es gibt leider krasse inhaltliche und erklärungstechnische Schwächen die den Sehgenuss stark einschränken. Tatsächlich habe ich nach x-tausenden von gesehenen Filmen selten so eine Ballung von Storyfehlern bzw. Ungereihmtheiten festellen können.
Eine der am Anfang klar vorgegebenen Regeln der Experimentatoren ist, dass bei "jeder Gewalt, egal welcher Art" das Experiment sofort abgebrochen wird. Dazu habe ich extra nochmal zurückgespult an diese Stelle um mich bezüglich dieser Aussage nicht zu irren. Aber tatsächlich wird von Anfang an grobe Gewalt an den Häftlingen (festbinden, bepissen, schlagen..usw.) ausgeübt ohne dass etwas passiert. Nur durch Nichtbeachtung dieser Regel kann die Gewalt von den Wärtern an den Häftlingen überhaupt eskalieren da auf einmal ja wirklich physische Gewalt angewendet werden kann und keiner sich mehr sicher fühlen kann. Anfangs wurde ja regelgerecht nur versucht psychische Gewalt in Form Angst o.ä. anzuwenden. Im Original wurde diese Gewalt abseits der Kameras ausgeübt - was ja auch Sinn macht - dennoch soll ja dieser Vergleich hier aussen vor bleiben.
Zudem wird die genaue psychologische und lebenslauftechnische Untersuchung der Probanten durch die Experimentatoren vor dem Experiment um Gewalttäter und Knackis rauszuhalten ad absurdum geführt als im Laufe der Handlung zu Tage kommt, dass regelrechte Psychopathen, Nazis und Ex-Häftlinge unter den Probanten sind. Dies trägt stark zu der Gewaltspirale zu die das ganze zur Eskalation bringt. Vielleicht ist dies sogar so vorgesehen, aber aus der Story wurde es nicht klar.
An den Schauspielern liegt es nicht. Die geschätzten Adrien Brody und Forest Whitaker spielen sehr intensiv und variantenreich. Es entstehen tatsächlich auch einige Momente wo die Spannung gross ist und man unbewusst die Hände zu Fäusten ballt vor Aufregung. Das sind die wenigen positiven Momente im Film. An Spannung und gewalttätigen Szenen mangelt es nicht. Überzeichnet und sehr voraussehbar in den Handlungen sind allerdings viele der Charaktere. Da gibt es den verkappten Nazi , den stets deutlich mit Kajal geschminkten Wärter, den Mega-Matcho Wärter der dann sich dann mit Gewalt durchgesetzt "einen blasen lassen will" und dann einen Häftling vergewaltigt usw.
Messen muss sich der Film klar an seinen selbstgesetzten und gebrochenen Regeln. Das viele wichtige Kleinigkeiten der Story aus dem Original einfach übergangen werden fliesst hier nicht einmal in die Bewertung ein wie oben gesagt. Der Film wurde sozusagen als neutraler Gefängnis-Experiment Thriller gesehen und bewertet.
Übertrieben ist auch die Szene wenn am Ende nur weil das Tor zur "Freiheit" aufgeht alle auf einmal aufhören sich zu prügeln. Es wird auch keinerlei sinnvolle Erklärung gegeben welchen Sinn und (politisch, wissenschaftlichen, religiösen ?) Hintergrund das Experiment überhaupt hat. Wer sind die Hintermänner und welche Erkenntnis für wen wurde daraus gezogen ? Hat man absichtlich die o.g. Regeln brechen lassen um es zur Eskalation zu bringen und wenn ja warum ?
Unerklärlich ist auch wieso die Probanten die pro Tag 1000 Dollar bekommen sollten nach der Hälfte der Zeit trotzdem die volle Summe bekommen haben wie man am Scheck des Forest Whitaker im Bus bei der Abreise sieht ? Das Ende an sich ist demnach auch völlig unglaubwürdig und kommt sehr platt und pathetisch daher. Typisch hollywoodmässig wird ein flaches Happy-End herbeigezaubert.
Völlig überflüssig ist in diesem Kontext leider auch die am Anfang eingeleitete Liebesgeschichte von Adrien mit einer Frau die er während einer Demo kennengelernt hat. Es erfolgte ein Techtelmechtel am Anfang des Films und am Ende kehrt er in der Schlussszene zu ihr zurück ??? - Na und ? - welchen Sinn hat dieser Storybogen zur gesamten Geschichte ?
Es mag sein, dass ich ein oder zwei Storysachverhalte nicht ausreichend deute und andere hier einen Sinn sehen. Aber aus der Fülle der o.g. Punkte muss ich doch leider eine schwache 3/10 geben. Dann konnten selbst die guten schauspielerischen Leistungen und die durchaus vorhandene Spannung nichts "reissen".