Review
von Alex Kiensch
Ein englischer Luftwaffenstützpunkt im Kriegsjahr 1942: Ausgezehrt von den beinahe täglichen Angriffsflügen, die immer mit der Ungewissheit des eigenen Überlebens verbunden sind, taumelt die 918. Luftwaffeneinheit am Rande der kollektiven Überlastung. Krankschreibungen, Trinkgelage und Fehler häufen sich. Um dem Haufen wieder Disziplin beizubringen, wird ihnen der Kommandeur Savage (Gregory Peck) als neuer Vorgesetzter vor die Nase gesetzt. Der merkt jedoch bald, dass es mehr braucht als eiserne Disziplin und strenge Durchsetzung der Militärregeln. Mit Augenmaß und Einfühlungsvermögen poliert er die Truppe wieder auf.
Mit „Der Kommandeur" schuf Regisseur Henry King nur vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs einen Kriegsfilm, dessen inhaltlicher Schwerpunkt erstaunlich modern anmutet: Nicht die heroenhaft verklärten Kampfeinsätze stehen hier im Mittelpunkt (auch wenn es zum Finale einige spektakuläre Originalaufnahmen von den Luftkämpfen gibt), sondern die Psyche der einfachen Soldaten ebenso wie die der ranghöheren Offiziere. Immer wieder ist vom „Punkt der maximalen Belastung" der Kämpfenden die Rede - eine psychologische Perspektive, die für den erfolgreichen Kriegseinsatz unerlässlich ist. So werden hier die Männer der Truppe immer stärker als individuelle Menschen mit Bedürfnissen, Träumen und Ängsten dargestellt, deren Kampfgeist nicht etwa mit flammenden Reden über Heldenmut aufrecht erhalten wird, sondern mit Rücksichtnahme auf ihre Belastbarkeit und ihre jeweils eigenen Traumata. Dieser psychologische Ansatz ist selbst heute noch eher die Ausnahme im umfangreichen Kriegsfilmgenre.
Gregory Peck glänzt dabei als knallharter Kommandeur, der zunächst glaubt, die Disziplin durch strenge Regeln und harte Bestrafungen wiederherstellen zu können, der aber bald merkt, dass er den Männern, die täglich ihr Leben riskieren, deutlich mehr Entgegenkommen schuldig ist. Sein eigener psychosomatischer Zusammenbruch zum Finale des Films stellt dabei mehr als klar, dass auch ranghöhere Militärs nur Menschen sind, um deren Psyche es mitunter schlecht stehen kann. Der zögerliche, aber schließlich doch erfolgreiche Zusammenhalt der Einheit mit ihrem Kommandeur steht dabei für ein humanistisches Weltbild von Menschlichkeit und Kompromissbereitschaft.
Schade nur, dass dieser durchaus interessante Ansatz mit dramaturgisch arg mangelhaften Mitteln umgesetzt wird. So bleiben die Konflikte zwischen den Agierenden den gesamten Film über auf Sparflamme köcheln - Probleme und Diskrepanzen werden allzu schnell aus der Welt geräumt und wirklich dramatische Entwicklungen finden gar nicht erst statt. Bei aller Humanität fallen dann auch die Reaktionen auf abgeschossene Kameraden irritierend gleichgültig aus - auch wenn „Der Kommandeur" die Soldaten als Menschen betrachtet, beugt er sich doch kritiklos vor der militaristischen Kriegslogik, die Soldaten eben nur als ersetzbare Kampfeinheiten sieht. Und bis auf das wirklich toll inszenierte Finale, das Originalaufnahmen mit gelungenen Studiodrehs verbindet, bleibt auch die Oberflächenaction eher Mangelware.
Alles in allem fällt „Der Kommandeur" leider etwas zu langatmig, oberflächlich und in Bezug auf die militärische Strenge zu naiv aus, um wirklich zu überzeugen. Sein psychologischer Ansatz und das gute Spiel aller Darsteller machen ihn historisch interessant - filmisch kann er nur bedingt überzeugen.