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Es war eine so glorreiche wie kurze Karriere, die Judy Garland vergönnt war: Mit "The Wizard of Oz" (1939) ist ihr Stern aufgegangen, um 15 Jahre später - paradoxerweise nach "A Star is Born" (1954), dem hervorragenden Remake des gleichnamigen 1937er Originalfilms, für welches Garland nach fast vierjähriger Leinwand-Pause vor die Kamera zurückkehrte - wieder im Untergehen begriffen zu sein: Den ersehnten Oscar bekam sie damals nicht - er ging zu ihrem Leidwesen an Grace Kelly! - und Garland nahm von weiteren Filmrollen fortan Abstand.
Weitere 15 Jahre (und nur noch wenige Filme, aber viele erfolgreiche Bühnenauftritte) später war sie dann tot: gerade einmal 47jährig, verzehrt von einem schwierigen, unglücklichen Privatleben inklusive Selbstmordversuch, von der erfolgreichen Karriere samt ihrem Aufputsch- & Schlafmittel-Konsum und von einer Hepatitis-Erkrankung... und aufgrund falsch eingenommener Schlafmittel letztlich aus dieser Welt befördert.
Der Nachwelt blieb sie als Film-Ikone erhalten - vor allem der amerikanischen Schwulenszene, die sich am Tag der Beerdigung ihrer Ikone erstmals in großer Zahl gegen die Übergriffe der Polizei wehrte.

"Meet Me in St. Louis" gilt nach "The Wizard of Oz" als der zweite Höhepunkt unter Garlands MGM-Musicals: Inszeniert wurde er von Vincente Minnelli, der erst im Vorjahr sein Solo-Regiedebüt gegeben hatte. Minnelli, der in den 50er Jahren zunehmend auch mit wuchtigen, stargespickten Melodramen Erfolge feiern konnte - darunter "The Bad and the Beautiful" (1952), "Some Came Running" (1958) und "Home from the Hill" (1960) -, verfügte aber schon zu Beginn seiner Regie-Karriere über eine fast zehnjährige Erfahrung als Broadway-Regisseur: und einzelne Judy Garland-Musical-Nummern für die Filme anderer Regisseure hatte er bereits mehrfach in Szene gesetzt (und sollte das auch später noch tun - etwa bei "Till the Clouds Roll By" (1946)).
Der nunmehr intensivierten Zusammenarbeit zwischen ihm und Garland bei "Meet Me in St. Louis" sollte nicht bloß eine von 1945 bis 1951 andauernde Ehe folgen (in welcher sie Liza Minnelli zeugten), sondern auch noch zwei weitere Spielfilme, in denen Minnelli Garland als Hauptdarstellerin einsetzte: "The Clock" (1945) und das Musical "The Pirate" (1948). Unter diesen drei Garland/Minnelli-Arbeiten gilt "Meet Me in St. Louis" als die bei weitem bedeutsamste - und selbst Minnelli, der später immerhin noch den Komödien-Klassiker "Father of the Bride" (1950) und diverse Musical-Klassiker wie "An American in Paris" (1951), "The Band Wagon" (1953), "Brigadoon" (1954) oder "Gigi" (1958) ablieferte, konnte bloß noch mit dem 51er Gene Kelly-Klassiker an die enorme Beliebtheit von "Meet Me in St. Louis" anknüpfen,[1] der sich in etlichen US-Haushalten bis heute als Weihnachts-Klassiker gehalten hat (und sicher nicht grundlos in Laurent Bouzereaus "A Night at the Movies: Merry Christmas!" (2011) Verwendung gefunden hat) und in den 50er und 60er Jahren jeweils eine TV-Neuverfilmung erlebte, um in den späten 80er Jahren noch ein Broadway-Musical spendiert zu bekommen. (Und Richard Schickel beispielsweise hält "Meet Me in St. Louis" gar für das schönste aller Musicals, während es vom AFI 2006 immerhin zum zehntbesten Musical gewählt worden ist - direkt hinter "An American in Paris".)

Diese Beliebtheit ist durchaus nachvollziehbar, handelt es sich doch [Achtung: Spoiler!] um einen durch & durch harmonischen Familienfilm, dessen Spannungen & Schicksalsschläge sich nach Phasen des Bangens oder der Verzweiflung in noch weit harmonischeren Versöhnungs-, Tröstungs- und Erleichterungsmomenten auflösen und der teilweise so süßlich ausfällt, dass einem beim bloßen Betrachten der Blutzuckerspiegel anzusteigen droht, geht es doch um das erstaunlich friedvolle familiäre Zusammenleben aller Altersklassen unter einem Dach (von der putzigen kleinsten Tochter bis hin zum schrullig-liebevollen Großvater), um das Liebesleben heranwachsender Töchter, um die Liebe zum Elternhaus, zu den Eltern, Kindern und Geschwistern und zur Heimatstadt, um Kindheitserinnerungen und Nostalgie, um geselliges Beisammensein mit Freunden & Verwandten und - vor allem - um eine heile Welt, was den Film seinerzeit gegen Ende des Zweiten Weltkriegs noch weit verlockender erscheinen ließ als es heutzutage der Fall ist: Es ist natürlich reinster Eskapismus, 1944 einen Film zu drehen, der eine harmonische Idylle in den Jahren 1903-1904 darbietet - und es liegt freilich auch eine gehörige Portion Patriotismus in diesem Film, der all seine Figuren mit ganzem Herzen an ihrer Heimat(stadt) hängen lässt. Das dürfte 1944 nicht zufällig den Nerv der Massen getroffen haben, die "Meet Me in St. Louis" immerhin zum zweiterfolgreichsten Film des Jahres und mehrere Songs des Films zu enorm populären Hits werden ließen... und angesichts der zwei recht düsteren Szenen des Films - der von vielen heiß geliebten Halloween-Episode und der anrührenden Zerstörungsorgie der jüngsten Tochter an ihren Schneemännern! - ist diese filmische Phantasie einer vollkommen heilen & schönen Welt, in der dann doch zweimal kurzzeitig Beklemmung und Trauer dominieren, vielleicht dennoch weniger konservativ als man meinen könnte und sicherlich etwas subversiver als eine Vielzahl zeitgenössischer Kriegsfilme & Melodramen, die sich letztlich mehr oder weniger propagandistisch ihrer Gegenwart widmeten.

"Meet Me in St. Louis" zieht sich in vier Jahreszeiten-Kapiteln vom Sommer 1903 bis zum Frühling 1904, in welchem es zur Weltausstellung in St. Louis kommen sollte. Wie in einem Fotoalbum beginnen die Kapitel mit einem sepiafarbenen Standbild im schön verschnörkelten, liebevoll gezeichneten Rahmen, welcher der jeweiligen Jahreszeit gerecht zu werden trachtet: Dann fährt die Kamera immer näher heran an diesen Fotoalbum-Eindruck, das Bild gewinnt an Farbe und fängt an, sich zu bewegen. Im ersten Kapitel werden die Figuren eingeführt: Anna Smith und die Haushälterin Katie beim Kochen, Sohn John beim Erhalten seines Princeton-Vorlesungsverzeichnisses, Agnes (die zweitjüngste Tochter) bei ihrer Rückkehr vom Schwimmbad, noch tropfend und nass an den Haaren und dem weißen, nunmehr durchsichtigen Badeanzug, in zu großen Erwachsenenschuhen Richtung Badezimmer trabend und schlendernd & schunkelnd den titelgebenden St. Louis-Song anzustimmen, der freilich erst 1904 zur Weltausstellung veröffentlicht worden war. (Und man mag in diesem vermeintlichen Fehler ebenso wie in dem Fotoalben-Charakter einen Hinweis vermuten, dass dieses Musical kein Historienfilm sein will, sondern ein Film über nostalgische Verfälschung, über eine wunderschöne Träumerei, die einen noch nach dem Aufwachen stärkt.)
In ihren Gesang stimmt dann der Opa ein, der - sich rasierend - noch das Bad blockiert: Und während Tootie beim Singen zwischenzeitlich kurz mal niesen muss, unterbricht auch der Großvater seinen Gesang für den Hinweis, er sei gleich fertig. Die Figuren dieses Musicals singen nicht immer besonders schön und sind sich beim Singen meist bewusst, dass sie singen; und sie führen nur selten (bei Feierlichkeiten) Tanznummern auf, haben also wenig gemeinsam mit früheren Musical-Gestalten oder den seltsam aseptischen Choreographie-Statisten aus den Busby Berkeley-Musicals, die ihr Menschsein verlieren, um in der Menge zur abstrakten Formschönheit zu verschmelzen. (Auch dies mag erklären, weshalb "Meet Me in St. Louis" bis heute so beliebt beim Publikum ist.) Und dann verstummt der Großvater, als draußen Tochter Esther (Judy Garland) mit einigen Freunden ankommt und mit diesen dasselbe Lied singt.
Esther wird nun auch als heimliche Hauptfigur eingeführt, als sie die Haushälterin überredet, das Abendessen eine Stunde vorzuziehen, damit Schwester Rose das wichtige Telefonat mit ihrem Geliebten Warren durchführen kann, auf welches sie sehnsüchtig wartet. Just nach dieser vertraulichen Verschwörung zwischen Esther und dem Hausmädchen - zugunsten von Rose und gegenüber dem Familienvater Alonzo, der von dieser ihm nicht weiter erklärten Entscheidung gar nicht begeistert sein und sie letztlich auch nicht dulden wird - taucht dann Rose auf der Bildfläche auf: Sie wird Esther auf die Veranda locken, schließlich befindet sich gerade der hübsche Nachbarsjunge John im Garten, in welchen Esther ganz vernarrt ist. (Und wie vernarrt Minnelli in seine Garland war, zeigt sich dann in diesem einen Gegenschuss von John auf Esther, steht doch Garland perfekt frisiert, geschminkt und kostümiert neben einer Rosenranke, hell erstrahlt, sehnsüchtig lächelnd, den Kopf in leichter Schieflage und leicht weichzeichner-mäßig, als habe Minnelli die Kameralinse mit Öl gesalbt. Auch während ihrer schnell folgenden Gesangsnummer im Fensterrahmen über "The Boy Next Door" rückt Minnelli sie mit viel Bewunderung ins hübsche Bild und vielleicht war Garland nie schöner als in diesem Augenblick.)
Dann nähert sich das vorgezogene Abendessen: Der schrullige Großvater darf noch einmal die Suppe abschmecken - ein kleiner running gag in diesem ersten Kapitel! -, Tootie, die Jüngste, bekommt eine ausführlichere Einführung, die auf ihren etwas vorlaut-frechen, leicht görenhaften Charakter verweist und mit ihrer erfreuten Feststellung, dass sie Glück gehabt habe, in ihrer Lieblingsstadt geboren worden zu sein, enden wird. Direkt im Anschluss sind nochmals Esther & Rose zu sehen: beide singen am Klavier "Meet Me in St. Louis" und wer bis jetzt noch nicht mitbekommen hat, dass man es hierbei mit einem Film über die Liebe zur Heimatstadt zu tun hat, dürfte es spätestens jetzt bemerkt haben.
Nicht zufällig kehrt der Familienvater Alonzo gerade jetzt heim und unterbricht jäh diese Gesangseinlage mit den Worten, dass ihm das Lied (und die kommende Weltausstellung) gewaltig auf die Nerven gehe. Er wird als leicht autoritärer, aber sympathischer und zudem leidtragender Patriarch geschildert, der auf Tooties Rollschuhen ausrutschend die Treppe herunterstürzen wird, sich als Anwalt über einen verlorenen Fall aufregt und wegen Esthers Plan, das Essen vorzuziehen, einen unbefriedigenden Tagesausklang erleben muss - gleichwohl er diesen Plan durchaus vereiteln kann. Doch Roses Telefonat verläuft ohnehin unbefriedigend: Warren, der aus New York anruft, macht nicht den erwarteten Heiratsantrag und redet eher über die Kosten des Ferngesprächs.
Als die Smiths schließlich eine große Party bei sich veranstalten, ist auch John Truett eingeladen: ein bisschen Tanz, viel Gesang, bunte Bilder - und natürlich kommen sich Esther und John näher, als sich alle Gäste verabschieden und John Esther behilflich ist, die Lichter zu löschen; eine gelungen inszenierte Szene, die das Bild immer mehr ins Halbdunkel und schließlich ins Dunkel gleiten lässt und in der Minnelli mit seiner Crew viel Talent für eine komplexe und sorgfältige Beleuchtung beweist und die Annäherung in warmen Farben und zum Geklimper der Kronleuchter in romantischer Überhöhung darbietet - um sie am Ende wieder ironisch aufzulösen (wie auch viele der zunächst recht kitischig anmutenden Eindrücke letztlich meist ins Ironische überführt werden).
Es folgt noch der Ohrwurm "The Trolley Song" - vielleicht die musicalartigste Musicalnummer, in der Esther und andere Einwohner nicht bloß enthusiastisch über die Freuden des Straßenbahnfahrens singen, sondern in der Esther auch ihren Erfolg bei John zum Ausdruck kommen lässt - und damit endet das erste (und mit knapp 50 Minuten auch: längste) Kapitel des Films.

Herbst 1903: Das Haus der Smiths, leicht sepiafarben und gerahmt von Kürbissen und Trauben und bräunlich-gelblichen Blättern. Wieder vergrößert sich das Bild, gewinnt Farbe und Bewegung. Es beginnt mit einer unheimlichen Halloween-Nacht, in die sich Agnes und Tootie in niedlicher Verkleidung wagen: Das Verbrennen einer Stoffhexe auf offener Straße, die Gerüchte über unheimliche Nachbarn und die aggressive und sich erwachsen gebende Bestimmtheit, mit der die vielen Nachbarskinder ihre nächtlichen Aktionen planen, sorgen mit der spannungsreichen Musik und den düsteren Farben im flackernden Licht der Flammen für eine etwas bedrohliche Stimmung, die mit erlogenen Berichten über Mord & Folter noch unterstützt wird. (Ein bisschen so, als würden die Schrecken des Weltkriegs über die Umwege des Kinderspiels, das die Welt der Erwachsenen imitiert, in diesen Heile-Welt-Film geraten.) Schnell gerät die Stimmung wieder etwas heiterer und der Film blickt wieder eindeutig humorvoll auf das horrible Treiben der Kinder in der Halloween-Nacht, das für den Fortgang der Geschichte jedoch noch wichtig sein wird: Tootie erscheint mit Platzwunde daheim, behauptet, John Truett habe sie geschlagen. Empört sucht Esther John auf, prügelt auf ihn ein und hält ihm eine Standpauke. Kaum zurückgekehrt, zeigt sich natürlich, dass Tootie gelogen hat, um zu verbergen, dass sie in dieser Nacht mit Agnes als Halloween-Streich die Straßenbahn zum Entgleisen bringen wollte - tatsächlich hat John beiden Mädchen sogar beigestanden, als die Polizei auf der Bildfläche erschien. Wieder sucht Esther den jungen Mann auf, entschuldigt sich und erlebt ihren ersten Kuss.
Doch dann enthüllt Alonzo, dass er beruflich nach New York muss: und zwar für immer und freilich mit der gesamten Familie im Gepäck. Der Rest der Familie ist wenig begeistert, aber scheinbar sind die finanziellen Beweggründe kaum von der Hand zu weisen.

Winter 1903: Im verschneiten St. Louis bereitet man sich auf das Weihnachtsfest vor - und dann kommt der Film sehr schnell zu seinem Weihnachtsball, den Esther jedoch mit ihrem Großvater besucht, da Johns einziger Anzug ihm nicht zur Verfügung steht. Doch trotz dieser Panne geht es für Esther gut aus: John trifft sie im Freien und macht ihr einen Heiratsantrag. Und auch Warren will fortan mit Rose zusammensein. Doch der Umzug nach New York steht kurz vor der Tür, die Sachen sind teilweise schon gepackt - nicht bloß zu Esthers Leidwesen: Auch Tootie ist aufgrund dieser Aussicht sehr bekümmert - und als Esther ihr zum Trost in der Weihnachtsnacht "Have Yourself a Merry Little Christmas" singt, steigert sich ihre Trauer noch und schlägt in einen verzweifelten Wutanfall um, in welchem das Mädchen ins Freie rennt und ihre Schneemänner lieber mit dem Besen zerschlägt, anstatt sie in St. Louis zurückzulassen. Als Esthers weitere Tröstungsversuche auch sie selbst zum Weinen bringen, überlegt es sich Alonzo, der die Szene zufällig mitansehen muss, anders: Am frühen Morgen (oder in später Nacht) trommelt er die gesamte Familie zusammen und verkündet vor der Bescherung, dass man doch in St. Louis bleiben werde.
Der Frühling 1904 bildet dann mehr einen Epilog (und weniger ein eigenständiges Kapitel), um das Happy End auf der Weltausstellung ausklingen zu lassen: eine opulente Szene in wundervoller, weitläufiger Studiokulisse. Am Ende gehen mitten in der Nacht die Lichter an, alles staunt und freut sich und Esther findet in ihrer Begeisterung an Johns Seite - während ihnen die von plätschernder Wasseroberfläche reflektierte Beleuchtung auf den Gesichtern liegt - die abschließenden Worte "I can't believe it. [...] Right here where we live. Right here in St. Louis."

Ohne Frage ein Wohlfühlfilm, dieser "Meet Me in St. Louis"; ein Film, der einen aufheitert, wenn man unglücklich ist und einen noch glücklicher werden lässt, wenn man bereits glücklich ist. Ein Film, der natürlich auch falsch und verlogen ist: aber es ist eben auch ein Film, der diese süßliche Falschheit immer wieder ironisch aufscheinen lässt, der immer wieder am Rande die Bedrohung dieses Heile-Welt-Szenarios aufscheinen lässt und zumindest zweimal tiefe Beklemmung und Bestürzung in sich eindringen lässt. Er ist - und das hat er mit dem anderen großen Garland-Film "The Wizard of Oz" gemeinsam! - ein Film, der eine unerreichbare Traumwelt entwirft, in der alles etwas schöner, bunter, prächtiger und harmonischer ist, der aber aus ihrer Konstruiertheit keinen Hehl macht. Eskapismus also, der einen wissen lässt, dass er Eskapismus ist, dass er eine nostalgisch verklärte Rückschau auf unwiederbringlich verlorene Vergangenheit abliefert, weil früher halt einfach alles einfach besser gewesen sei. Darin eine Entlarvung konservativer Werte zu sehen, verfehlt den Film ebenso wie auch die gegenteilige Sichtweise, die ihm eine propagandistische Verklärung von Familie, Ehe und Heimat unterstellt. "Meet Me in St. Louis" gibt sich eher als guilty pleasure, die Wunschvorstellungen genießen lässt und darum weiß, dass - und sogar: weshalb! - deren Verwirklichung nochmals ein ganz anderes Thema ist. Diese Haltung macht den Film dann auch für einen genießbar, wenn man von Familie, Ehe und/oder Heimat ohnehin kein großer Freund ist (eben weil all diese Zwangsinstitutionen in der Alltagspraxis längst nicht so harmonisch und erfüllend sind, wie es ihre Befürworter gerne hätten).
Und weil sich der Film für seine einzelnen Charaktere viel Zeit nimmt und sie nicht bloß (zum Teil ironisch getönte) Klischees, sondern auch aufmerksam betrachtete Individuen sein lässt - die sich auch für die unnatürlichen Musicalnummern nicht vollkommen verbiegen und zu bloßer Form mutieren müssen -, rutscht der Film bei all seiner konzentrierten Süße nie ins peinlich-Kitschige und nie ins niveaulos-Sentimentale ab. Und dann wäre da noch die beachtliche Form, denn Minnelli schöpft wahrlich aus dem Vollen, um seinem ersten Farbfilm beeindruckende Bilder zukommen zu lassen, welche die Jahres- & Tageszeiten farblich ebenso stimmig einfangen wie sie auch dramaturgisch gekonnt & effektiv eingespannt werden. Prächtigstes Technicolor at its best, das wiederum von der prunkvollen Ausstattung - all den heimeligen Tapeten & Teppichen, den hübschen Kleidern und Gewändern, rustikalen Accessoires, Blumenbeeten, verzierten Holzrahmen, Zierfenstern, Kissen, Nippesfiguren, Statuen, Gemälden, Tischen und Kronleuchtern usw.! - profitiert, welche ihrerseits gezielt genutzt wird, um einzelne Figuren und Familien zu charakterisieren: so stechen etwa das Haus der Smiths und das Haus der Truetts aus den restlichen Nachbarhäuser unterschwellig hervor und die Inneneinrichtungen der Zimmer der einzelnen Figuren sagen in wenigen Sekunden jede Menge aus - am extremsten sicherlich im Falle des Großvaters, dessen gesamter Lebenslauf an seinen Wänden zu hängen scheint. (Auch dies ein Anzeichen dafür, mit wieviel Detailverliebtheit der Film auf seine Figuren blickt, die bei aller Überzeichnung und Stereotypisierung nie bloß Abziehbilder sind.) Eine formal bestechende Leistung - in der allenfalls manche matte paintings etwas zu malerisch ausfallen! -, die weit subtiler und sensibler ist als jene in "An American in Paris"; aber mit beiden Filmen hat Minnelli das Hollywood-Musical prägen können und beispielsweise Gene Kelly und Stanley Donen bei ihren eigenen Regieleistungen erheblich beeinflusst.
Ein Film zum Immer-wieder-gucken, sei nun gerade Weihnachten oder Halloween (oder Sommer oder Frühling)... Satte 8/10.


1.) Man könnte den vielfach oscar-nominierten & -honorierten "An American in Paris" als Minnellis spektakulärstes, aufsehenerregendstes und abenteuerlustigstes Film-Musical betrachten und "Meet Me in St. Louis" dagegen als sein gefühlvollstes und geschlossenstes.

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