Berlin, Ost 1968 - der 12 jährige Holger (Samuel Schneider) hat es nicht leicht. Sein Vater Klaus - Dieter (Jürgen Vogel) ist Abschnittsbevollmächtigter, was ihn bei seinen Schulkameraden nicht beliebter macht, und seine Mutter Renate (Meret Becker) kann Klaus - Dieter auch nicht mehr leiden, streitet ständig mit ihm und überlegt, in den Westen rüber zu machen. Gut das es da noch seine Oma Otti (Gudrun Krüger) gibt, die er regelmäßig auf den Friedhof begleitet, wo sie die fünf Gräber ihrer verstorbenen Männer pflegt, und die ihm jeden Tag ein Mittagessen kocht, während seine Eltern arbeiten.
Einen sechsten Mann hat sie auch noch, aber der kommt dank seines angeschlagenen Gesundheitszustand kaum noch aus dem Bett, weshalb Oma Otti schon eine neue Errungenschaft im Auge hat - den Altlinken Karl Wegner (Michael Gwisdek), der sich ganz offensichtlich um sie bemüht. Das ist durchaus auch in Holgers Sinn, denn Wegner ist in seiner Meinung sehr eigenständig geblieben und lässt kein gutes Haar am Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht, den er für einen schlechten Kommunisten hält, der sich Anfang der 20er Jahre, als er als Spartakiader auf der Straße war, gedrückt hatte, später aber bei Stalin mit dafür sorgte, dass unliebsame Kommunisten beseitigt wurden. Den Fischverkäufer Winkler (Horst Krause) mag er auch nicht - nicht, weil er ebenfalls Oma Otti schöne Augen macht, sondern weil er ihn für einen alten Nazi hält. Für Holger wird er so zum Vorbild, dessen Sätze er manchmal unüberlegt wiederholt, was ihn in der Schule in Schwierigkeiten bringt...
Regisseur Martin Geschonneck und Autor Torsten Schulz, nach dessen Buch der Film entstand, haben sich hier die Mitte der DDR - Zeit ausgesucht und entwerfen ein komplexes Zeitgemälde: einerseits aus den Zwängen des DDR - Staats mit seiner Dauerüberwachung, Parolen, Volksaufmärschen und der ständigen Diskrepanz zwischen formulierten Idealen und der Realität, andererseits aus einem Bürgertum, das sich davon nicht die Laune verderben lassen will, gerne einen in der Stammkneipe hebt, auch mal einen provokanten Spruch raus lässt, wenn man sich unter Gleichgesinnten wähnt, oder wie Oma Otti seinen Amouren nachgeht.
Keine Frage, Geschonneck und Schulz kennen aus eigener Erfahrung, was sie hier abbilden, und versuchen in einem möglichst ausgeglichenen Stil, die Realität in der DDR so zu schildern, dass die Auswirkungen der Diktatur nicht verharmlost werden, aber genauso deutlich wird, dass das Leben auch seine schönen Seiten hatte. Um das zu erreichen stellen sie ein Kind und eine alte Frau in den Mittelpunkt, die sich nicht der üblichen Klischees verdächtig machen, die man aus diversen Ostalgie - geschwängerten Filmen wie „Sonnenallee“, aber auch kritischen Filmen wie „Das Leben der Anderen“ kennt.
Der Film nimmt dabei Holgers Blickwinkel ein, was diesem einen gewissen naiven Gestus verleiht, der den geschilderten Ereignissen die Schärfe nimmt. Holger selbst bleibt dabei altersgerecht passiv, nur beobachtend, manchmal nachredend, aber nie konkret eingreifend. Kleine Momente des Interesses am anderen Geschlecht, Ärger mit Klassenkameraden oder der Umgang mit Freunden kommen in diesem Zusammenhang über kleine Anekdoten nicht hinaus. Oma Otti dagegen übernimmt in ihrem praktischen Vorgehen, den einen Liebhaber gegen den anderen auszutauschen, den humoristischen Part.
In "Boxhagener Platz" gibt es zwar auch viele bekannte Details der DDR-Zeit von den Fähnchen schwenkenden Jungpionieren, über stramm die Parteilinie vertretende Lehrkräfte, Tanzvergnügen mit Live – Sängern, skrupellose Stasi – Beamte und das nötige Geschick bei der Organisation knapper Güter, aber nichts wird übertrieben in den Mittelpunkt gestellt, sondern man spürt den unbedingten Willen nach Ausgewogenheit, alles im Rahmen einer Normalität zu schildern, die nichts davon wusste, dass diese Phase einmal vorbei sein wird. Doch anstatt sich auf dieses Szenario zu verlassen, dessen Hang zur Perfektion in der Darstellung bürgerlicher Muffigkeit, manchmal eine gewisse Lässigkeit vermissen lässt, benötigt der Film noch zusätzliche dramatische Ereignisse.
Eines Morgens wird der Fischhändler tot aufgefunden, was die Polizei auf den Plan ruft und naturgemäß zu Verdächtigungen führt, die zuletzt auf Fakten basieren. Da sich der Film nicht als Kriminalfilm versteht, wirkt dieses Geschehen sehr konstruiert, angesichts der statistischen Wahrscheinlichkeit eines Mordes in der DDR, Ende der 60er Jahre, und der bemühten Authentizität, die der Film sonst zu erreichen versucht. Das gilt auch für die Auswirkungen der 68er – Ereignisse im Westteil Berlins, die sich angeblich auch im Osten zeigen. Flugblätter und Verschwörungstheorien, dass Studenten der freien Universität ihre Aktionen auch auf den Ostteil ausweiten würden, tauchen regelmäßig auf, weshalb auch in Erwägung gezogen wird, dass diese den als Nazi bekannten Fischhändler umgebracht hätten. Dazu hat Holgers Mutter noch einen schwulen Bruder, der einen Freund aus Westberlin hat – kurz, das gesamte Panoptikum der Moderne stürzt auf das träge DDR-Leben am Boxhagener Platz ein und bringt dieses scheinbar durcheinander…
Tatsächlich ändert sich gar nichts. Oma Otti geht weiter täglich auf den Friedhof, Holger zur Schule und auch alle Anderen arrangieren sich so gut es geht mit den Verhältnissen. Dafür hätte es der gesamten Aufregung um den Mord an dem Fischhändler und angeblicher Übergriffe der West – APO nicht bedurft, was dem Film ein gutes Stück seiner selbst behaupteten Authentizität nimmt. Dabei hätte man sich nur auf Oma Otti und ihre frische Liebe zum Altlinken Kart verlassen sollen, deren gemeinsames Spiel mit Holger und seinen zerstrittenen Eltern, genügend Potential für einen realistischen Blick auf diese Zeit geboten hätte (5/10).