Ich buddele ja – ihr wisst es bereits – immer noch in angeschimmelten Ecken im Filmkeller herum, dort wo die Sachen stehen, die Oma mal vor 20 Jahren eingemacht hat oder der Nachlass von Tante Nancy, an den sich wirklich niemand mehr erinnert.
Und wenn die alten Kartons mal vom Staube befreit sind, dann findet sich doch noch so einiges, von dem man selten bis gar nicht gehört hat, vor allem weil Tante Nancy Britin war und vieles aus der seligen Zeit zwischen 1945 und 1975 niemals das Wettschwimmen über den Ärmelkanal überlebt hat.
So hab ich dann auch „Goodbye Gemini“ gefunden, ein Film, der nur in einigen Publikationen über, ja genau, obskure britische Produktionen dieser Phase erwähnt wird, der aber durchaus noch ein Häppchen Aufmerksamkeit verdient.
Veröffentlicht im Jahr 1970 spielt der Film tatsächlich am in Auflösung befindlichen Ende der sogenannten „Swinging Sixties“, die ja so einige Kuriosa hervor gebracht haben, Beatles-Filme, Andy Warhol, usw. Jedermann kennt Antonionis „Blow Up“, in dem David Hemmings als Fotograf durch das „Swinging London“ von 1967 eiert, sich für wenig bis nichts verantwortlich fühlt außer für Fotos und Mädels und dann bemerkt, dass er vermutlich versehentlich einen Mord auf Fotopapier gebannt hat, was ihn in eine Mysterienspirale treibt.
Von ähnlichem Geschmacke, aber eher von Psycho-Seite angegangen, gilt „Gemini“ eher als Horrorfilm, hat damit aber in etwa so viel zu tun, wie „Blow Up“ ein Krimi ist. Dafür hat man den sexuell riskanten Regler ein wenig mehr aufgedreht.
Im Fokus steht nämlich ein Zwillingspärchen von unterschiedlichem Geschlechte, Jacki und Julian, die zu Besuch in das (noch) wilde London kommen, während Daddy in Mexiko rotiert. Untergebracht sind sie in einem erlesenen Haus, deren rabiater Haushälterin sie sich nach wenigen Minuten mittels eines provozierten Treppensturzes entledigen (wie radikal der Sturz ist, bleibt offen). Danach machen die beiden Party.
Doch im Paradies gibt es auch ohne die Trickser und Fixer, Mods und Playboys, das provoziert Ärger, denn Julian sieht Jacki als seine genetische zweite Hälfte und ist daher der nur mühsam im Zaun gehaltenen Überzeugung, dass er der beste Mann für seine Schwester wäre, weswegen ihm während des Film auch regelmäßig der Hals schwillt und es ungnädig in der Hose wird. Jacki ist aber eine fröhliche Frühlingsfee Marke Haschmich, leicht zu begeistern und von Judy Geeson mit einer naiven Ahnungslosigkeit und Partywilligkeit angelegt, weswegen sie seine sehr direkten Andeutungen mit einem „sei nicht albern“ beiseite wischt.
Weil ihnen die elterliche Figur fehlt, führen sie die ganze Zeit einen schwarzen Teddybär mit sich herum, den sie Agamemnon nennen und der sozusagen über sie wacht, eine Projektionsfigur.
Natürlich geht die Partysause gut los und wird dann im Verlauf des Films schattiger, denn in einer Paar hängt sich Clive an sie, der Spieler, Lebemann, Kleinganove, Zuhälter und enormer Kotelettenträger in einer Person ist. Der hat zwar in Denise – der einzigen, zumindest zeitweise zurechnungsfähigen Figur in diesem Film – eine Would-be-Freundin, aber man nennt die Phase ja nicht umsonst „swinging sixties“.
Die Chose geht den Berg runter, als ruchbar wird, dass Clive reichlich Schulden am Po hat und die Fraktion, die die Kohle gern zurück hätte, zu der eher gnadenloseren Londons zählt. Also zieht Clive mit Julian um die Häuser, macht ihn besoffen und bringt ihn dann zu seinen „Mädels“ in ein Quasi-Bordell voller Transvestiten, wo er den verstörten jungen Mann bei einer analen Vergewaltigung fotografiert, denn Erpressung bringt das beste Einkommen.
Das wirft baldigst einen Schatten auf die Beziehung dieses Quartetts und der hedonistische Lifestyle zeigt seine Schattenseiten. Aber da man ja schon vermuten dürfte, dass die Zwillinge psychisch auf der labilen Seite liegen, kippt die Geschichte über eine fingierte Wette in tödlichen Ernst…
Die Story wurde einem damals recht populären Roman entnommen, dessen experimentellen Stil man für den Film etwas begradigte. Auch wurden verschiedene Aspekte der Geschichte anders betont, die inzestuösen Tendenzen aber nicht bereinigt, sondern eher noch leicht betont, weswegen der Film auch deftig Gegenwind bekam. Auch das Ende änderte man ab, betonte die tragischen Elemente mehr und führte den Film zu einem logischeren Ende, als das Buch vorsieht.
Abgesehen von einer hochinteressanten Kameraarbeit und sehr guter Ausstattung kann man richtiggehend die latent drogengeschwängerte Atmosphäre miterleben und der Film zieht auch nicht zurück, wenn es darum geht, die Lifestyle-Schickeria bei zahlreichen Nebenfiguren definiert homosexuell zu zeigen. Geradezu wie ein Fremdkörper wirkt in dieser Umgebung der damals schon von Parkinson gebeutelte Großmime Michael Redgrave in einem seiner letzten Auftritte, der als Parlamentsmitglied (und Partygänger) in seinem UpperClass-Anzug wie ein Fremdkörper zwischen den Paradiesvögeln wirkt, diese ihn das aber nie spüren lassen. Redgraves James Herrington-Smith wird später zu einer Schlüsselfigur, als er Geesons Jacki auf der Straße aufliest.
Was den Horroranteil betrifft, das ist eher ein familiärer Psychohorror, auch wenn es einige Momente gibt, die schon ziemlich nah am Genre weiden, speziell eine, die ich hier aber nicht spoilern möchte. Blut fließt in diesem Film eigentlich nur in einer Sequenz, die allerdings ist ziemlich memorabel, weil sie in einem Kontrast zum restlichen Film steht. Ansonsten hat man sich beschieden, selbst die Vergewaltigung in dem Transvestiten-Bordell hat man erschreckend hinbekommen, ohne jetzt alle Mögliche extremst auszustellen.
Dennoch würde ich „Goodbye Gemini“ eher als zeitgeschichtlich interessantes Psychodrama ablegen, welches tatsächlich am eher unspektakulären Ende der Swinging Sixties verortet wurde, auch wenn hier noch hippe Drogenparties mit sehr viel Sprit gefeiert werden und jeder jeden abschleppt, aber die Szene- und Modewelle war hier bereits deutlich im Abklingen, auch wenn der Film zu Beginn London noch als Sehnsuchtsmetropole feiert. Wer mag, möge sich nicht nur auf den Psychoplot, sondern vor allem auf die Locations und Außenaufnahmen in der Hauptstadt konzentrieren, wer bspw. die Londoner Szenen in Covent Garden in Hitchcocks „Frenzy“ gemocht hat, wird auch hier viel zu sehen kriegen.
Ansonsten sicherlich in die Jahre gekommen, aber zwischen all den Vampiren, Psychokillern und fetischisierten Giallomotiven noch einer der künstlerischsten Filme zu diesem Thema. (7/10)