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Wenn eine bunt zusammengewürfelte, chinesische Touristengruppe auf den Philippinen von einer Bande skrupelloser Terroristen gefangen genommen wird, welche damit ihren inhaftierten Anführer freizupressen gedenken, dann kann ihre vergnügliche Urlaubsreise nur fatal enden, wie Eric Tsangs Fatal Vacation eindrucksvoll vor Augen führt. Der am Neujahrstag 1953 geborene Tsang ist ja eher als Schauspieler bekannt, was kein Wunder ist, schließlich hatte er seit seinem Debüt 1972 in The Fourteen Amazons mehr als zweihundertfünfzig Auftritte vor der Kamera, in Filmen wie The Dragon Lives Again, My Lucky Stars, It's a Mad, Mad, Mad World, The Last Blood, Hitman, Infernal Affairs, Bodyguards and Assassins und Ip Man: The Final Fight. Laut Hong Kong Movie Database trat er jedoch auch vierundzwanzig Mal als Regisseur in Erscheinung, unter anderem bei den ersten beiden Aces Go Places (= Mad Mission) Filmen. Ich kannte den quirligen, sympathischen Schauspieler vor allem aus Komödien, und aufgrund seines äußeren Erscheinungsbildes (klein & rundlich) erinnerte er mich immer irgendwie an Dirk Bach. Seine Rolle in Fatal Vacation ist ebenfalls recht lustig angelegt. Hier gibt er den launigen Tour Guide Bob, der heimlich in seine Assistentin Candy (Irene Wan Pik-Ha) verliebt ist und wie sie sowie ein gutes Dutzend Touristen von der brutalen Organisation NPA als Geiseln gefangen gehalten wird.

Fatal Vacation, dessen Handlung im Jahr 1985 angesiedelt ist, beginnt locker und hektisch. Nach dem Schema des Katastrophenfilms werden auf die Schnelle einige Personen vorgestellt, die im weiteren Verlauf eine wichtige Rolle spielen werden. Wie z. B. ein Enkelkind mit seinen Großeltern (der 2001 verstorbene Victor Wong Chi-Keung (Big Trouble in Little China und Tremors) sowie Tang Pik-Wan), zwei Sextouristen, ein ehemaliger Gangster (Tommy Wong Kwong-Leung), der bei jeder Gelegenheit mit seiner teuren Uhr angibt, zwei hartgesottene Zwillingsbrüder sowie zwei hübsche Freundinnen. Das Schicksal wird sie alle in einem Bus zusammenführen, und ebendieser wird von den in die Enge getriebenen Rebellen überfallen und gekapert. Die außerplanmäßige Fahrt endet schließlich in einem kleinen Dörfchen am Dschungelrand, wo sich die Terroristen verschanzen. Was weder sie noch die Gefangenen wissen... der Anführer hat das grobe Verhör in Polizeigewahrsam nicht überlebt, weshalb der geforderte Austausch auch nicht mehr möglich ist. Doch das Zögern der Polizei bzw. des Militärs macht die Verbrecher nervös, und um den Druck zu erhöhen, gehen sie nicht gerade zimperlich mit ihren Geiseln um. Bald wird den Gefangenen klar, daß ihr Schicksal in ihren eigenen Händen liegt, und als sich eine Gelegenheit zur Flucht bietet, ergreifen sie diese beim Schopf. Im Angesicht des Todes wachsen einige Menschen regelrecht über sich hinaus.

Aber hallo, da uns der werte Herr Tsang, der Fatal Vacation auch produziert hat, ja einen herrlich wüsten und rabiaten Streifen kredenzt, der ordentlich auf die Tube drückt (manchmal drückt er etwas zu dolle, fürchte ich). Geschrieben wurde der deftige und temporeiche Mix aus Action-Movie, Komödie, Katastrophenfilm, Gefängnisstreifen, Drama, Heroic Bloodshed und Kriegsspektakel von einem gewissen Nam Yin, und der Mann läßt es gehörig krachen. Die erste halbe Stunde ist noch recht komödiantisch angelegt, aber als die Terroristen eingreifen, ist sowas von Schluß mit lustig. Und da gelingen dem Regisseur einige erstaunlich intensive Szenen. Denn obwohl die Figuren nicht sonderlich sympathisch sind (ein paar nerven sogar ziemlich) und obwohl es Klischees en masse gibt, beginnt man bald, am Schicksal der Leute Anteil zu nehmen. Es ist nicht so, daß man mit ihnen mitleidet oder gar einen Heulkrampf kriegt, wenn sich einer einen Kopfschuß einfängt, aber egal sind sie einem auch nicht. Die wohl beste und aufwühlendste Szene in dieser Hinsicht ist das russische Roulette, das Bob mit seinen Leidensgenossen spielen muß. Er wird gezwungen, mit einer Pistole, in der sich eine Kugel befindet, nacheinander auf seine Gefährten zu zielen und abzudrücken. Unter den potentiellen Opfern ist auch seine Angebetete, Candy. Dank dem tollen und glaubwürdigen Spiel aller Beteiligten, allen voran Eric Tsang und Victor Wong, erreicht diese Sequenz eine unter die Haut gehende Intensität und bleibt lange in der Erinnerung haften.

Des Weiteren gibt sich Tsang alle Mühe, die durchaus vorhandenen Exploitationuntiefen zu umschiffen. So verzichtet er auf allzu sleazige Einlagen ebenso wie auf ausgewalzte Vergewaltigungsszenen. Bei der Action verliert er dann jedoch alle Scheu. Da tanzen Körper zuckend im Kugelhagel, während die Blutbeutel ihren (dürftigen) Inhalt verspritzen. Da werden Menschen durch die Wucht von Explosionen durch die Luft gewirbelt. Da wird eine Handgranate in des Gegners Mund gestopft, welche ihn Sekunden später zerfetzt. Da werden einem Terroristen die Beine weggezogen, daß er Kopf voraus gegen eine Tischkante donnert (ein unglaublicher Stunt!). Zugegeben, der Realismus bleibt etwas auf der Strecke, wenn die wehrhaften Touristen die erbeuteten Waffen so selbst- und zielsicher bedienen wie John Rambo, aber dem Unterhaltungswert tut das keinen Abbruch, zumal das alles überraschend packend und schön übersichtlich in Szene gesetzt ist. Für die Kamera war übrigens Jingle Ma Choh-Shing zuständig, der später selbst ins Regiefach wechselte (u. a. Hot War und Tokyo Raiders). Und die Zeit für die eine oder andere sozialkritische Spitze nimmt sich Tsang auch noch; man beachte z. B. die widerliche Rolle, welche die Presse in diesem Fall spielt. Fatal Vacation ist der ideale Film für alle, die nach einem verpatzten Urlaub stinksauer nach Hause kommen. Denn wenn man sieht, welchen Alptraum diese Touristen erleiden müssen, dann steckt man die paar Ärgernisse, die man selbst erlebt hat, locker und gelassen wieder weg.

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