Ist das Kunst oder kann das weg?
Echt oder Fake? Dokumentation oder frei erfundene Parabel? Kalkuliert oder unglaublicher Zufall? Das sind die Fragen, die sich um „Exit Through the Gift Shop", den Film des berüchtigten und enigmatischen Streetartkünstlers Banksy, drehen. Die Antwort ist egal - die Kultur-Satire funktioniert so oder so hervorragend.
Sollte es sich bei dem gezeigten Material allerdings tatsächlich um wahre Begebenheiten handeln, dann ist die Entstehung von „Exit Through the Gift Shop" wahrlich abenteuerlich und von wahnwitzigen Fügungen geprägt. Was einst als Huldigung und Dokumentation des Streetart-Lifestyles von Banksy über Banksy und seine Kollegen Formen annahm, scheitert an einem schrägen Typen, der fast ein ein bisschen zu perfektes Subjekt für eine Dokumentation abgibt, um tatsächlich ein real existierender Mensch zu sein: Thierry Guetta sieht ein bisschen aus wie eine Kreuzung aus Rob Schneider und Borat, scheint charakterlich Letzterem auch nicht ganz unähnlich zu sein, redet ein unbeholfenes Englisch mit französischem Akzent und torkelt so naiv, arglos und wirres Zeug quatschend durch diesen Film, sodass die anderen Beteiligten offensichtlich nicht ahnen konnten, dass sie ein Monster heranzüchten.
Guetta hat die Obsession entwickelt, nahezu jeden Moment seines Lebens mit der Kamera festzuhalten und fand bald in der Streetart-Community ein Subjekt, dem er seine volle Aufmerksamkeit widmen wollte. So folgte er den größten Künstlern dieser Underground-Kultur durch die nächtlichen Straßen und filmte sie bei ihrer Arbeit ab, befragte sie über ihre Philosophien und Vorgehensweisen und erlebte einige illegale Abenteuer bis alles eine groteske Wendung nahm - seine Aufnahmen sind die Bilder, die wir hier zu sehen bekommen, nachdem sich Banksy ihrer angenommen hat.
Dass „Exit Through the Gift Shop" für Streetart das tue, was „Jaws" für Wassersport getan habe - wie Banksy es mit seinem typisch trockenen Humor ausdrückt -, ist nicht ganz richtig. Durchaus fängt der Film den Spirit dieser Kunstgattung ein. Die Inszenierung ist rau, spontan und unverfälscht, aber dennoch großartig verspielt und stylisch montiert - eine der größten Stärken von „Exit Through the Gift Shop". Im Laufe der 87 Minuten bekommen wir zwar einige sinnlose Schmierereien, aber auch tatsächliche Kunstwerke zu sehen, etwa Installationen, die mit ihrem sozialen Umfeld interagieren und politische Statements erbringen, oder Motive, die durch die Rezeption der Öffentlichkeit ein faszinierendes Eigenleben entwickeln, von den Schöpfern kühn kalkuliert. Die Künstler gewähren spannende Einblicke in den Entstehungsprozess und die Bedeutung dieser Werke und verdeutlichen die unkommerzielle, rebellische und durch die Illegalität auch oft risikoreiche Mentalität von Streetart auf authentische Weise.
Thierry Guetta ist schon in diesem eher klassisch-dokumentarischen Teil des Films das Element, was dem Geschehen einen skurrilen Touch mitgibt und er ist es auch, der „Exit Through the Gift Shop" schließlich unfreiwillig zur bizarren Kunst-Satire macht: Nachdem Banksys Schaffen zunehmend an Popularität gewinnt und kurz vorm Kommerzschock steht, erteilt er Guetta den Auftrag, sein Material endlich zu einem Film zu verarbeiten, um der Öffentlichkeit die wahre, unkommerzielle Bedeutung von Streetart näher zu bringen. Doch was Guetta ihm schließlich liefert, ist unanschaubar - eine alptraumhafte, 90-minütige Kollage aus zusammenhangslosen Bildfetzen. Enttäuscht gibt Banksy ihm den halbherzigen Rat, er solle doch selbst ein bisschen Streetart praktizieren und so schliddert „Exit through the Gift Shop" in seinen wahnwitzigen letzten Akt.
Denn Guetta nimmt das künstlerische Schaffen nun tatsächlich selbst in die Hand und konnte sich bei seinen Streifzügen mit den Künstlern zwar Inspiration und Vermarktungstricks abschauen, hat aber offensichtlich die Philosophie nicht so recht verstanden. Er verfrachtet die Kunst von der Straße und der Illegalität hinein in ein riesiges Lagerhaus, stampft eine gewaltige Vernissage mit massenhaft produzierten und völlig bedeutungslosen Trend-Motiven aus dem Boden und gedenkt sie zu horrenden Preisen zu verschachern - und tatsächlich kommen die Leute in Scharen, um die Werke des vermeintlichen Künstlers zu bewundern und ihn reich zu machen.
So verendet Streetart wie jede bedeutungsvolle, rebellische, innovative Underground-Kultur früher oder später verenden muss: Als sinnbefreites, hippes Konsumprodukt für die Massen - und tatsächlich gibt es kaum eine Kunstform, die diesen ewigen kulturellen Kreislauf besser repräsentieren könnte, zeichnet sich Streetart doch gerade dadurch aus, dass sie unentgeltlich an öffentlichen Plätzen stattfindet. Teuer erstanden und hübsch eingerahmt in Wohnzimmern hängend verliert diese Kunstform jegliche kulturelle Relevanz - ein Umstand, der den Käufern nicht klar ist, weil sie die Werke auf ihre Äußerlichkeiten reduzieren. So kommt „Exit Through the Gift Shop" schließlich bei seiner tiefschöpfendsten Frage an: Was ist eigentlich Kunst? Wird sie durch den Betrachter oder den Künstler definiert?
Vor allem aber schließt Banksys Film mit einer finalen Ironie endgültig den Kreislauf, durchläuft das Werk doch den gleichen Prozess wie sein Material: Als ziellose Spielerei gestartet, zu einem bedeutungsvollen Projekt herangewachsen und nun in Kinos in der ganzen Welt als hippes Konsumprodukt verkauft. Hoffentlich freut sich Banksy wenigstens ein bisschen über die Geldmassen, die nun auf sein Bankkonto wandern. Und dass er einen der besten Filme des Jahres gemacht hat.