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"Rompecabezas" klingt exotisch, weshalb es überrascht, dass etwas sehr normales dahinter steckt - das Puzzlespielen. Genauso alltäglich wie das Spiel, ist auch das Leben Marias (Maria Onetto) in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires - Ehemann, zwei inzwischen erwachsene Söhne und die tägliche Hausarbeit, die sie auch an ihrem eigenen 50.Geburtstag auf Trab hält, während die Gäste entspannt feiern. Erst am späten Abend, nachdem sie alles aufgeräumt hat, findet sie etwas Ruhe - beim Puzzlespielen. Sie hatte ein Puzzle unter ihren Geschenken gefunden.

Regisseurin und Autorin Natalia Smirnoff erzählt in ihrem ersten Film in undramatischer, fast heiterer Form die Geschichte einer Emanzipation, die wenig Revolutionäres aufweist. Zuerst bedeutet das Puzzlespielen für Maria nur einen Moment der Beschäftigung, den sie nicht pragmatischen Dingen widmet. Obwohl sie ihre Aufgaben nicht vernachlässigt, erzeugt dieser kurze hedonistische Augenblick schon Unverständnis bei ihrem Ehemann, der das mit leicht spöttischen Bemerkungen kommentiert. In diesem Beginn, der ohne eine echte Konfrontation auskommt, verdeutlicht sich schon der gesamte Charakter des Films - es sind Nuancen, die hier die festgelegten Geschlechterrollen ausmachen, die in ihrer Selbstverständlichkeit tief in der argentinischen Gesellschaft verankert sind.

Konsequenterweise entwirft Natalia Smirnoff hier eine realistische Familienkonstellation, die ohne Extreme auskommt. Marias Ehemann und ihre Söhne verhalten sich liebevoll und im Umgang fair, worin deutlich wird, dass ihre Erwartungshaltung an die Frau in ihrer Familie keinen machohaften Allüren entspringt, sondern einem Rollenklischee, dass keinen Moment in Frage gestellt wird. Auch als erste Vernachlässigungen in ihrer Haushaltsführung deutlich werden, weil sie mehr Zeit beim Puzzlen verbringt, kommt es zu keiner offenen Auseinandersetzung. Viel mehr wirkt das Erstaunen, dass ihr Ehemann darüber ausdrückt, wie der sanfte Vorwurf an ein Kind, dass seinen natürlichsten Instinkten nicht mehr folgt. Maria beginnt deshalb ihre Puzzle Leidenschaft zunehmend zu vertuschen, indem sie die Pflege eines kranken Familienmitglieds vortäuscht, um regelmäßig am Nachmittag zu Roberto (Arturo Goetz) gehen zu können, mit dem sie für einen Puzzle - Wettbewerb trainiert.

Aus mitteleuropäischer Sicht wirkt "Rompecabezas" wenig aufregend, denn anstatt sich der Konfrontation mit ihrem Mann zu stellen - schließlich geht es nur um ein Puzzlespiel - verschont Maria diesen und lebt ihre Freiheit heimlich aus. Zwar gewinnt sie durch den Umstand, ihrer Leidenschaft unter schwierigen Bedingungen nachgehen zu können, an Selbstbewusstsein, aber einen echten Prozess der Veränderung im Denken der Männer löst sie dadurch nicht aus. Vielleicht ist es nötig, die Intention der Regisseurin von der entgegengesetzten Seite zu betrachten und die Wahl, ein Puzzlespiel als Auslöser für die Emanzipation einer ganz normalen, bürgerlich geprägten Frau zu nehmen, in seiner Reduktion auf die harmloseste Variante, als konsequent zu begreifen.

Von Maria zu verlangen, sich mit ihrem Mann konkret auseinander zu setzen, wäre eine unrealistische Erwartung an einen Charakter, der sich zuvor 50 Jahre lang unkritisch in seine Rolle fügte. Trotzdem beschreibt der Film den Prozess einer Emanzipation, aber dieser zeigt sich stärker in der Konfrontation mit ihrem sehr wohlhabenden und deutlich älteren Mitspieler. Lange Zeit ist dem distinguierten Roberto kein Vorwurf zu machen gegenüber der begabten Puzzlespielerin, mit der er sich den Gewinn eines wichtigen Wettbewerbs erhofft, der demnächst in Deutschland stattfinden soll. Er fördert sogar ihren eigenwilligen Stil, aber auch ihm ist trotz tadelloser Erziehung die männliche Haltung gegenüber der nicht unattraktiven Frau irgendwann anzumerken, spätestens als er sie zu verführen versucht.

Dass Maria später, nachdem sie diesen Versuch abwehrte, doch mit ihm schläft, aber - da sie ihrem Mann keine längere Abwesenheit von Argentinien erklären kann - darauf verzichtet, an dem Wettbewerb trotz überzeugender Qualifikation teilzunehmen, wirkt wie die fehlende Konsequenz in ihrem Emanzipationsbestreben, ist aber aus Sicht der Regisseurin das genaue Gegenteil. Der Moment, indem Maria mit Roberto Sex hat, wird ausschließlich von ihr gewählt und ist zudem ein klarer Schritt aus dem Schatten ihres Ehemanns. Das die Männer letztlich nichts davon mitbekommen, spielt keine Rolle, denn Natalia Smirnoff begreift hier Emanzipation als inneren Prozess bei einer ganz normalen Frau und nicht als Veränderung einer Gesellschaft.

"Rompecabezas" ist in seiner Machart ebenso konventionell wie die Menschen die darin vorkommen, und auch Argentinien hat nichts südamerikanisch Extremes an sich, sondern wirkt fast europäisch vertraut. Dieser viel realistischere Blick auf die argentinische Gegenwart, der auf gern gepflegte Klischees verzichtet, ermöglicht auch Erkenntnisse für den Betrachter, der in seinem Lebensraum die hier beschriebenen Rollenklischees zwischen Mann und Frau für überwunden hält. Rein an äußerlichen Faktoren gemessen, mag diese Einschätzung gerechtfertigt sein, aber durch den Verzicht des Films auf lautstarke Auseinandersetzungen und gesellschaftspolitische Prozesse entsteht der freie Blick auf innere Stimmungen und Haltungen, die keineswegs veraltet sind und es wird verständlich, warum die Regisseurin den letzten Blick auf ihre Protagonistin, die sich allein auf einem ländlichen Grundstück befindet, für ein echtes Happy-End hält (7/10).

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