kurz angerissen*
Von bestechender Alptraumlogik in Bewegung versetzt, irrt Karel Čapeks Romanfigur 26 Jahre nach ihrer Erfindung durch ihre eigene Verfilmung und hadert mit den weitreichenden Konsequenzen ihrer Entdeckungen. Die Odyssee des Sprengstoff-Entdeckers Prokop beginnt mit gemäßigtem Surrealismus an einem Flusssteg unter Laternenschein, der bisweilen an die verschwommenen nächtlichen Idyllen der Filme von Orson Welles erinnert. Leicht scheint auch der deutsche Expressionismus durch, ebenso wie die Melancholie des poetischen Realismus von Frankreichs Häfen. Otakar Vávra liefert eingeschwärzte Bilderbögen, die Karel Höger als luzider Traumwandler mit Selbstzweifeln torkelnd durchstreift. Er ist sich seiner selbst bewusst sowie der Rolle, die er spielt, doch weiß er nicht, ob seine Träume reine Illusionen sind oder Abbilder des tatsächlich Erlebten.
Nach Vollendung des so stimmungsvoll initiierten ersten Akts verliert Vávra das Unwirkliche zunächst leider ein wenig aus den Augen, als er sich darauf konzentriert, die Story zu erden und mit handfester Kriegspolitik zu verknüpfen. Diese Entwicklung ist in ihrer aufrüttelnden Wirkung gleichbedeutend mit einem gewaltsamen Erwachen aus der REM-Schlafphase; um so ungewöhnlicher, dass „Krakatit“ in einigen Einstellungen der zweiten Hälfte trotzdem wieder surreal wird, diesmal im regelrecht kafkaesken Ausmaß. Der Regisseur hebt diese Momente der Abkehr vom Linearen oftmals hervor wie gerahmte Ausstellungsstücke. In einer Sequenz beispielsweise verliert eine Frau ihre Gesichtszüge - nicht nur ein trickreicher Spezialeffekt, sondern durch Spotlight-Beleuchtung und die vom Fokus zurückweichende Kamera außerdem als Klimax inszeniert. An anderer Stelle hetzt der Protagonist als Silhouette über einen offenen Platz, der in lächerlich große Betonplatten gerastert ist und das Ziel, eine Fabrik am Horizont, unerreichbar scheinen lässt.
Mit solchen surrealistischen Kunstgriffen wird bezweckt, den Kontrollverlust und die Machtlosigkeit des Entdeckers gegenüber seiner Entdeckung zu veranschaulichen. Jede von Prokops Handlungen scheint vergiftet mit dem Kassandra-Syndrom, zu wissen, dass etwas Grauenvolles an die Oberfläche gerungen ist, gepaart mit der Unfähigkeit, die schrecklichen Folgen eindämmen zu können. Das macht „Krakatit“, benannt nach einer Vulkaninsel, die sich durch eine gewaltige Eruption Ende des 19. Jahrhunderts selbst zerstörte, natürlich zur brennenden Allegorie auf und Warnung vor dem Krieg, insbesondere jenem unter der Verwendung von Waffen, die der Mensch nicht unter Kontrolle hat (namentlich: Die Atombombe).
Die Überbetonung symbolischer Bemühungen wird Vávra in Kritiken gerne angelastet. Man neigt dazu, sich dieser Position anzuschließen, wenn die mehrdeutigen Subtexte der Vorlage für eine „filmische Botschaft“ eingedampft werden, die auf ähnlich einfachen Argumentationsverstärkern basiert wie ein „The Day The Earth Stood Still“, der wenige Jahre später in Amerika erschien. Und doch tut man ihm damit vielleicht Unrecht. Wenn Prokop seiner Angebeteten erläutert, dass jeder Stoff explosives Potenzial in sich trägt, während sie sich das Gesicht mit Puder schminkt, wird in kleinen Gesten das Bewusstsein für Existenz und dessen chemische Grundlagen erweitert. Dann klärt sich die Frage nach Traum oder Wirklichkeit direkt vor unseren Augen.
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