Review

Von dem großen Thema, dass es beschreibt, völlig eingenommen, verhält sich die lateinamerikanische Produktion Besouro in seinem Gepräge der Empfindung als meditative Bewunderung und ebensolche Zerstörung. Alles Andere als ein offensiver Actionfilm und trotz ebenfalls mehrerer Überschneidungen auch nicht alleinig der Unterart des Martial Arts Kinos zuzuordnen, stellt sich die Inszenierung von feature film Debütanten und Co-Autoren João Daniel Tikhomiroff, der sich zuvor als Cutter, Produzent und vor allem Werberegisseur einen Namen gemacht hat, als sowohl minimalistische Mythenbildung als auch überaus sinnlich gehaltene historisierende Biographie heraus. Inspiriert von Marco Carvalhos Roman „Feijoada no Paraíso“, ein gesetztes Bilderspiel mit aus der einfachen Dramaturgie genommenen archaischen Wesensarten und einer poetisch präsentierten Zwischenwelt.

      "There's no such thing as death, Besouro."

Dabei wirkt der Film in seinem Äußeren selber schon ertragreich genug, zeichnet durch das Auge des Hollywood-erfahrenen Kameramannes Enrique Chediak mit dem Schauplatz der Bahia de Todos os Santos, einer beizeiten landwirtschaftlich erschlossenen, trotzdem vielmals wie unberührt und nicht gänzlich der Natur abträglich gemachten Regionen Brasiliens eine rituelles Kleinod von Weltfernheit und Besinnung. Ein Zustand gefühlter Passion, die mit ruhigen Mitteln und dem Einsatz von Flora und Fauna beschrieben wird, – gedreht wurde im Nationalpark der Hochebene Chapada Diamantina – innerlich aber den großen Kampf der Befreiung und die damit einhergehende Bedrohung von gleich mehreren und damit auch den eigenen Seiten mit sich trägt. Liebe, Tod und Teufel, in der vergleichsweise experimentell verspielten Version des '77er Cordão De Ouro:

Januar 1924.
Trotz der vor vierzig Jahren abgeschafften Sklaverei herrschen die dortigen Zustände in der Recôncavo baiano weiterhin fort.
Coronel Venâncio [ Flávio Rocha ] unterhält mithilfe seiner durchweg mit Waffen und Pferden ausgestatteten Männer um Noca de Antônia [ Irandhir Santos ] ein Unterdrückungsregime, dass die Dorfbewohner bei Salvador da Bahia zur Arbeit in der Zuckerrohrplantage und auch dem sonstigen Gehorchen zwingt. Als er seinen ärgsten Feind, den das verbotene Capoeira lehrenden Mestre Alípio [ Macalé ] umbringen lässt, reagieren dessen drei besten Schüler und seit der Kindheit eng verbundenen Freunde Besouro [ Aílton Carmo ], Quero-Quero [ Ânderson Santos de Jesus ] und Dinorá [ Jessica Barbosa ] jeweils komplett unterschiedlich.

      "A hero is born, when the enemy hesitates and makes the worst mistake of all:
      To think he can put an end to everything.
      But it's at that time that he makes everything start.


Mehrere Wechsel in der Gesinnung stellen sich vor allem in den ersten nackten Minuten der eröffneten Überlegung dar. Die Schüler - Meister - Beziehung besonders aus dem Asiatischen Kino wird genauso angedeutet wie sich der kämpferische Ausblick von Unterdrückung und Widerstand als Neo-Western aus der späten Kolonialzeit zu denken gibt. Die Seiten sind gesetzt, der epische Ton gelegt, das beige-ockerfarbene Szenario um zwei, drei Örtlichkeiten [ Marktplatz, Fabrik, Herrenhaus ] in der überaus eindrucksvollen Landschaft um Salvador und die Allerheiligen-Bucht schnell beschrieben. Der gesprochene Einleitungstext als zeitlicher, geographischer und zukunftsweisender Hinweis, der erste Tote nach kurzer Vorwarnung, die vielfältigen "Nigger" - Anreden, die zusätzlich einhergehen mit weiteren Ausfällen wie "Bastard", "Shameful race", "Devil's hoof" als begleitende Anheizung der Gewalt.

Doch die einfachen Wege zum Ziel trennen sich, teilen sich, schweifen voneinander ab, wechseln die Perspektiven, angerissenes Sittenbild hier, einsam vorzufindende Lebenserinnerung mit Einfluss der Candomblé-Religion da, wird die Geschichte um den von 1897–1924 lebenden Capoeirista Manuel Henrique Pereira, genannt Besouro, doch als uneingeschränkt konzentrierte Versunkenheit, auch auf die afrikanischen bzw. afro-brasilianischen Traditionen mündend und der Wirkung höherer Mächte erzählt. Nicht nur, dass die rein physischen Attraktionen bis auf kleine Andeutungen lange auf sich warten lassen und der Gerechtigkeitssinn so eben nicht mit Waffen, sondern erst dem Geist ausgetragen wird, auch widerstrebt man sich Logik und anderen meist narrativen Gesetzen. Die von Besouro überlieferten Details verlieren sich in der Betrachtung, der Kampf gegen die Polizei wird verschwiegen, das Leben vor der Revolution, dafür die Sagen um die bald geglaubte Übernatürlichkeit mitsamt der Fähigkeit zu Fliegen und den Corpo fechado, der unverwundbar verschlossenen Körper sowie dem tödlichen Faca de tucum, dem Ticum-Messer aus Palmholz um so verstärkter gerade für die raren Auseinandersetzungen vor und rund um den Showdown der 5 Mio USD Produktion integriert.

Variation und Wiederholung und Betrachtungswechsel vor dem Finale gehen in den Tanz- und Actionszenen mit auch pragmatischen und normativen Regeln einher, steigernd in schlichter Körperertüchtigung, dann spielerischen Turnier, schließlich doch mit kurz destruktiver Wucht, wobei die sonst meist elegant gleitende Kampfcheorographie in aufschwellendem Affekt ungewöhnlicherweise vom kantonesischen Trainer Guk Hin-chiu [ House of Fury, The Banquet, 14 Blades ] koordiniert und auch das für die Schaustellung notwendige Wirework überwacht wird. Eine Umwandlung der einst erdhaft verbundenen Straßenkämpferideologie, die nunmehr zu der typischen, gerade durch Only the Strong auch im Westen bekanntgewordenen Einheit aus weitdrehenden Beinbewegungen, Fegern, dem einhändigen Handstand bis hin zu Fußschlägen und Tritten formatiert, aber nie zum richtigen Exzess aufgebauscht wird.

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