Marek Gorsky (Max Riemelt) und Sven Lottner (Ronald Zehrfeld) sind zwei Streifenpolizisten in Berlin, die in ihrem langweiligen Job nach Höherem streben. Als sie - zufällig bei einer Observation vor Ort - den Kollegen hilfreich zur Seite stehen, scheint die Gelegenheit gekommen: Sie werden (vorerst) in einer anderen Dienststelle (LKA) aufgenommen und dürfen sich mit Ermittlungen im Umfeld der russischen Mafia in Berlin beschäftigen. Während Lottner die neue Herausforderung begeistert aufnimmt, ist der aus einer jüdischen Familie stammende Gorsky eher zurückhaltend, da seine Schwester Stella (Marie Bäumer) mit einem Boss des Clans verheiratet ist. Außerdem beschäftigt ihn der 10 Jahre zurückliegende gewaltsame Tod seines älteren Bruders, für den er - ohne konkrete Anhaltspunkte - die Russen-Mafia verantwortlich macht: ein schwieriger Interessenskonflikt für den jungen Polizisten. Zur gleichen Zeit locken halbstarke Nachwuchs-Zuhälter zwei ukrainische Bauernmädchen unter falschen Versprechungen nach Berlin: Jelena und Swetlana sollen dort anschaffen gehen. Weitere russische Mafiosi treten auf den Plan: Eine illegale Zigarettenfarik soll in der Nähe von Berlin errichtet werden, was den bisherigen riskanten Schmuggel per LKW obsolet machen würde. Neben auftretenden Clan-Rivalitäten sind die beiden Neu-Kriminalisten aber auch mit korrupten Kollegen beschäftigt, die heimlich gegen sie arbeiten...
Die aus 10 Folgen à 50 Minuten bestehende Geschichte über einen Teil der Berliner Unterwelt und den Alltag zweier junger Polizisten fängt vielversprechend an, gerät in der Mitte dann jedoch ins Stocken und bricht am Ende mit der ins Zentrum rückenden Romanze zwischen Gorsky und Jelena völlig ein - es folgt zwar ein (erwartbares) Grande Finale (das eine zweite, nie realisierte Staffel erahnen läßt), insgesamt jedoch hinterläßt die Mini-Serie Im Angesicht des Verbrechens einen faden Beigeschmack von "stark begonnen und dann unheimlich stark nachgelassen". Dazu kommen katastrophale Logiklöcher, die man einer x-beliebigen Seifenoper vielleicht nachsehen könnte, die einem Profi wie Regisseur Dominik Graf jedoch nicht unterlaufen sollten.
Zu den positiven Dingen gehören die öfters im Berliner Dialekt sprechenden Akteure, womit in Verbindung mit der oftmals in Video-Optik eingesetzten Kamera ein direkter Bezug zum Geschehen vermittelt wird. Bezüglich der Besetzung kann besonders Ronald Zehrfeld als athletisch-sportlicher Berliner Jung´ punkten - stets optimistisch und mit einem flotten Spruch auf den Lippen ist er der Sympathieträger der Serie. In auffälligem Kontrast zu ihm steht der schmächtige Max Riemelt, der - streckenweise antriebslos - stets zu überlegen scheint, was sein nächster Schritt sein könnte - ein Grübler, durch die Familienverhältnisse gehemmt, deswegen aber nicht unsympathisch. Marie Bäumer als schöne Fassade im Mafia-Club (täglich für ein paar Stunden abends) meistert ihre Rolle gekonnt souverän an der Seite von Mischa (Misel Maticevic), dem man den russischen Boss aber nur schwer abnimmt - der kroatische Schauspieler wirkt optisch eher wie ein Balkan-Mafiosi. Ebenfalls überzeugend besetzt ist die graue Eminenz des Clans in Form von "Onkel Sascha" (Ryszard Ronczewski), der die patriarchalische Struktur glänzend verkörpert. Mark Ivanir als rivalisierender Neueinsteiger Andrej vermag mit seiner ruhigen Art seine Gefährlichkeit zu unterstreichen - er will sich ein Stück des Kuchens sichern und geht dafür über Leichen. Ebenfalls überzeugend tritt Bernd Stegemann als schmieriger Berliner Geschäftsmann Lenz auf - eine wahrhaft widerliche Rolle eines egozentrischen Fettsacks, der mit Geld nur so um sich schmeißt und es auf die zierliche Jelena abgesehen hat - aber da hat Gorsky noch ein Wörtchen mitzureden.
Letzteres ist dann für mich auch der Knackpunkt der Serie - Gorsky und Jelena werden ein Paar, nachdem sie in einer kitschigen Traumsequenz gleich in der ersten Folge in ihm ihren Traumprinzen erkennt. Ganz Kavalier fährt Gorsky dann in der 8. Folge mit ihr auf eigene Faust (wtf?) in einen ukrainischen Puff, um ihre einstweilen dorthin verfrachtete Freundin Swetlana "rauszuholen". Dass dieses halsbrecherische Vorhaben gelingt, steht zwar von Anfang an außer Zweifel, hat aber mit der Realität (Kampf mit bewaffneten Zuhältern, Einigung mit der korrupten Polizei vor Ort etc.) dann schlichtweg nichts mehr zu tun. Schließlich kann Gorsky mit den beiden in ihr ukrainisches Dorf zurückkehren, wo die von einem Freier schwangere Swetlana trotzdem von ihrem Jugendfreund zur Frau auserkoren wird, während Gorsky und Jelena als Paar nach Berlin zurückkehren. Ja, so ein kitschiges Happy-End mag das verwöhnte Fernsehpublikum sicher gerne, mit einer Kriminal-Reihe, die den Anspruch auf Realitätsnähe erhebt, hat das aber nichts mehr zu tun.
Was die Logiklöcher betrifft, so werden diese mit zunehmender Dauer immer größer: schon zu Beginn fällt die unklare Rolle von Gorsky im Club seines Schwagers auf: er wird einerseits als (ablehnungswürdiger) Polizist wahrgenommen, andererseits kreuzt er immer wieder unbehelligt dort auf - aber keinesfalls als Protegé seiner Schwester (die mit ihm nichts zu tun haben will) sondern als ziviler Ermittler. Wieso er als erklärter Mafia-Gegner nicht hochkant rausfliegt, bleibt ungeklärt. Später darf er sogar bei einer Trauerfeier anwesend sein und hört aus erster Hand das ganz bestimmt nicht für seine Ohren bestimmte hochdotierte Angebot des Clans an die Witwe - wtf?
Auch die LKA-Dienststelle mit der Abteilung Schwerkriminalität scheint aus einem Haufen Blindgängern zu bestehen, die die Hilfe von zwei gewitzten Streifenpolizisten benötigen: eher unglaubwürdig. Der grauhaarige LKA-Abteilungsleiter mag als Fußballtrainer eines Berliner Vorstadtvereins durchgehen, als leitender Ermittler ist er jedoch eine klassische Fehlbesetzung. Das korrupte Polizisten-Pärchen, das die Ermittlungen sabotiert, wird zwar mittels heimlicher Liaison gut eingeführt, endet dann aber erzwungen tragisch durch gegenseitig beigebrachte Schußverletzungen (wtf??) im Flußbett. Bis dahin waren die beiden aber immer noch interessanter als die im Übrigen völlig reizlose Jelena und ihr blasser Traumprinz Gorsky.
Schließlich die sichtlich auf eine TV-Serie abgestimmten grotesken Übertreibungen wie die junge Polizistin, die nicht nur mit den beiden Hauptdarstellern, sondern auch mit jedem anderen ins Bett steigt und sich an einer Stelle nicht einmal sicher ist, ob sie nicht von einem Mafioso schwanger ist. Auch der unsympathische Russen-Prolo, der es nicht schafft, sich mit Gas zu töten, nach der geglückten Rettung aber nachts seinen Kampfhund namens Stalin gewaltsam aus dem Tierasyl holt (selbstverständlich folgenlos), gehört mit seinem Auftreten genauso wie die improvisierte Hochzeit in einem Hotelzimmer mit geliehenen Ringen von Frau Staatsanwältin zu jenen sichtlich konstruierten Szenen, die einem vom anvisierten TV-Publikum erwarteten Klischee entgegenkommen (sollen) und für quotenbringende Schenkelklopfer sorgen, aber keinen Bezug zur Wirklichkeit haben.
Somit bleibt eine insgesamt durchwachsene Telenovela, die aufgrund des guten Beginns dann aber zunehmend enttäuscht. Wegen der bekannten Schauspieler und einiger wohldosierter komödiantischer Szenen durchaus unterhaltsam, allerdings nichts, was einen bleibenden Eindruck hinterläßt. 5 Punkte.