Spoilerwarnung! Erst nach der Besichtigung des Films lesen!
Wenn für das amerikanische Publikum der Mythenkoffer geöffnet wird, sieht man sich zumeist recht freien Umdeutungen gegenüber, die die oftmals verwirrenden Zusammenhänge in simple Familiengeschichten umdeuten (besonders eklatant in Disney's HERCULES).
Auch Louis Letteriers Remake des Harryhausen-Klassikers CLASH OF THE TITANS teilt dieses Schicksal: man ersetzte den ursprünglichen Regisseur Stephen Norrington durch den Franzosen Leterrier, das zunächst wenig familienfreundliche Drehbuch wurde mehrfach verworfen, der fertige Film wurde um etliche Handlungsszenen erleichtert, bekam ein anderes Ende als ursprünglich gedreht verpasst und wurde obendrein noch nachträglich zu 3-D aufgeblasen, weil das gerade "in" ist. Dadurch kracht im fertigen Produkt das dramatische Gebälk, es entstehen vor allem am Ende unschöne Logikfehler und der 3-D-Effekt wirkt auch nicht, weil die Bildkompositionen für herkömmliche Leinwände konzipiert wurden.
Anstatt mich hier aber auf die offensichtlichen filmtechnischen und künstlerischen Mängel zu konzentrieren, wie das in nahezu jedem der zahlreichen Verrisse zu CLASH OF THE TITANS der Fall ist, werde ich den Film trotzdem als Werk ernstnehmen und einige Aspekte herausarbeiten, auf die bisher nur am Rande eingegangen wurde - und auch da nur verklausuliert als "Coming-of-Age"-Drama.
Zu Beginn erhalten wir ein wenig Nachhilfe in Sternkunde; das Remake beginnt somit genau dort, wo das Original endete. Es gibt da also im Wesentlichen die olympische Dreifaltigkeit Zeus, Poseidon und Hades, die die Titanen (ein älteres Göttergeschlecht) entmachteten und anschließend die Welt unter sich aufteilten. Zeus gilt im Film als Erschaffer der Menschen - tatsächlich ist diese Leistung dem Titanen Prometheus zu verdanken - und bezieht seine Macht aus der Verehrung, die ihm seine Geschöpfe zuteil werden lassen. Hades, den man mit der Unterwelt abspeiste, ist mit seinem Posten etwas unzufrieden und sinnt auf Böses. Somit reduziert sich die Handlung zunächst auf einen eher christlich geprägten Konflikt von Gut (der solare Zeus) und Böse (Mächte der Unterwelt).
Interessant ist dabei allerdings, daß in diesem Konflikt Io, eine ehemalige Geliebte des Zeus, ins Spiel gebracht wird. Im Mythos wird Io in eine Kuh verwandelt und von einer fiesen Bremse um die halbe Welt gejagt; außerdem ist sie mythologisch gesehen die Ururururur....Großmutter von Perseus, der aus einer im Meer schwimmenden Kiste gefischt wird. Statt in der griechischen Mythologie finden wir uns also plötzlich in der ägyptischen wieder mit der Konstellation Isis (die matriarchale Mondkuh Io) - Osiris (die Vaterfiguren Hades / Zeus) - Horus (das Neujahrskind im Mondboot; Perseus); also in einem Mythos, der von Dionysos bis Noah und Moses immer wieder aufgegriffen wurde.
Im weiteren Verlauf der Handlung wird Perseus allerdings nicht nur als Horus, sondern auch als Seth inszeniert, der Osiris entmachtet. Denn im Zentrum der Geschichte steht der Aufstand der Menschen gegen die Götter, also das Horus-Zeitalter wie es Aleister Crowley an die Wand malte. Horus-Perseus hat somit die Aufgabe, sowohl das Matriarchat wie auch das Patriarchat zu beseitigen um vergleichbar mit der Reformpädagogin Ellen Key ein Zeitalter des (Menschen-)Kindes einzuleiten. Passend zur christlich geprägten Zielgruppe des Films ist der Sohn eines Gottes zunächst als Fischer tätig ("zu Menschenfischern will ich euch machen"), er stirbt und ersteht wieder auf, da ihn seine Reise immerhin in die Unterwelt verschlägt und wendet dann mit Hilfe seiner göttlichen Kräfte die drohende Apokalypse (die Zerstörung Argos durch das Tier aus dem Meer) ab. Wie im Original verzichtete man auf die fliegenden Sandalen des Perseus und borgte sich stattdessen das fliegende Pferd Pegasus (ein Nachkomme von Poseidon und Medusa) aus dem Bellerophon-Mythos aus.
Mit Medusa sind wir dann auch schon bei der ältesten Schicht der Mythologie angelangt: der Abschaffung des Matriarchats durch patriarchale Invasoren. Perseus schlägt ihr das Haupt ab, d. h. er nahm der matriarchalen Hohepriesterin ihre Gorgonenmaske und vergewaltigte sie. Ähnlich erging es den Moiren / Graien, die sich ein Auge und einen Zahn teilten - einer weiblichen dreieinigen Mondgöttin. So verwundert es auch nicht, daß Perseus nach der Hadesfahrt seine mütterliche Ratgeberin Io verliert (die unterschwellige Erotik zwischen den beiden hatte ohnehin ständig einen leichten Zug ins Ödipale).
Der Kampf gegen das Patriarchat, gegen die olympischen Götter Zeus und Hades, hingegen macht den eigentlichen Kern des Films aus. Die Doppelrolle des Perseus als Horus und Seth zeigt sich am deutlichsten im Einsatz der Skorpione. Skorpion I. ist der älteste namentlich bekannte ägyptische König der vordynastischen Zeit, der Skorpion ist das Tier des chaotischen Wüstensturmgottes Typhon bzw. Seth und das astrologische Sternzeichen, das Judas dem Verräter zugeordnet wurde.
Perseus gelingt es mit Hilfe der Djinns (ebenfalls Windgeister der Wüste) die Skorpione zu bändigen und sie sogar als Reittiere zu benutzen. Seine Heldenreise wird somit zu einem Rite de Passage, in dem ihm seine Rolle als Vatermörder bewußt wird. Nicht zufällig ist Pegasus daher anders als gewohnt kein Schimmel, sondern ein Rappe.
Anstatt nun aber wirklich konsequent "against all Gods" endlich mit der Religion in ihrer Gesamtheit aufzuräumen, wie es Crowley sicherlich gefallen hätte, verweist der Initiant nach abgeschlossener Transformation zum Halbgott legiglich den bösen Gott Hades in seine Schranken und vernichtet das Tentakelmonster (eine zerstörerische Naturgewalt, die eher auf Poseidon verweist). Die angebliche Opferung der Andromeda ist übrigens erneut ein etwas verdrehter syrischer Mythos: Marduk, der Sonnengott, tötet auf einem weißen Pferd das Seeungeheuer Tiamat. In der Bibel wird daraus der Kampf Jahwes mit dem Monstrum Rahab. Andromeda ist in diesem Sinne die Göttin Ishtar, die Marduk an den Felsen kettet, um ihre Macht zu bannen.
Das Original von CLASH OF THE TITANS feierte folgerichtig die Hochzeit von Perseus und Andromeda. Der Menschensohn war am Ende zum Gottkönig geworden.
Da wir aber seit der Jahrtausendwende im Zeitalter des Horus leben, ist dem neuen Perseus dieser Weg nicht vergönnt. Er versöhnt sich brav mit Papi und bleibt ein Mensch. Dies ist einerseits natürlich ein rational-aufgeklärteres Ende, dadurch, daß aber der Himmelsgott als Gott der Liebe unangetastet bleibt und Io auch auf einmal wieder leben darf wird der rationale Ansatz der Entmythisierung gleichzeitig ad absurdum geführt. Der Sieg über Hades wird somit zu einem Triumph des amerikanisch-christlichen Selbstverständnisses.
Fast könnte man meinen, in Hollywood hätte man Angst vor dem Horuskind, das sein Schicksal wirklich eigenverantwortlich in die Hände nimmt und mündig wird.